Stellungnahme von Dr. Peter Tauber (MdB/CDU) zum Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff:
„Ich habe Christian Wulff in der letzten Bundesversammlung gewählt. Ich fand die Idee gut, einen noch relativ jungen, aber zugleich politisch erfahrenen Mann ins höchste Amt des Staates zu wählen. Einen Mann, der nach einer Scheidung und einer erneuten Heirat junge Kinder hat, für die er als Vater Verantwortung trägt und damit vielleicht aus dem Amt heraus auch anders agiert als seine meist altersmilden und auf eine mahnende großväterliche Rolle reduzierten Vorgänger. Damit war Wulffs eigene Lebenswirklichkeit der vieler Deutscher näher, als die seiner Amtsvorgänger. (Dies gilt vielleicht auch für die Fehler, die er gemacht hat.) Das „Experiment“ ist nun gescheitert. Allerdings nicht, weil diese Dinge, für die Christian Wulff stand, nicht zeitgemäß wären, sondern weil er offensichtlich nicht nur im Amt als Bundespräsident, sondern auch schon davor Fehler gemacht hat, die ihm zu Recht oder zu Unrecht nun vorgehalten werden und für die er gerade stehen muss. Darum war sein Rücktritt wohl unausweichlich. Unabhängig von der Frage der Nachfolge bin ich froh, dass das nun ein Ende hat.
Auf welche Art und Weise sich Christian Wulff juristisch nicht korrekt verhalten hat, sollen nun die Gerichte klären. Ob er sich moralisch nicht korrekt verhalten hat, darüber hat die Republik wochenlang gestritten. Ich selbst habe dazu ehrlich gesagt keine abschließende Meinung. Einerseits habe ich bei vielen Vorgängen – sowohl was die Vorwürfe als auch was den Umgang damit betrifft – innerlich den Kopf geschüttelt, andererseits hat mich die moralische Überheblichkeit, die viele, die sich da lautstark zu Wort melden ziemlich angewidert. Manche Vorwürfe fand ich unbegründet, andere verlogen, denn das was man Wulff vorwarf wird von vielen, die die Vorwürfe formulierten, oft selbst praktiziert. Dies gilt für manche Politiker, aber auch für manche Journalisten.
Am Ende dieser Geschichte gibt es keine Sieger, sondern nur Verlierer – auch wenn ich das Gerede, dass damit das Amt des Bundespräsidenten beschädigt ist, für falsch halte. Die Rücktritte von Horst Köhler und Christian Wulff haben aber gezeigt, dass es offensichtlich schwer ist, den (neuen) Ansprüchen, die an das Amt gestellt werden, gerecht zu werden. Joschka Fischer hat auf die Frage, ob er für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung steht, folgenden klugen Satz formuliert: „Ich habe mein Leben so geführt, dass ich den hohen moralischen Standards, die neuerdings an öffentliche Ämter durch die Medien angelegt werden, nicht mehr gerecht werde.“
Es wird sicher nicht leicht, so jemanden zu finden, denn Menschen die gar keine Fehler in ihrer Vita haben, gibt es nicht. Die Frage ist, wie genau wir hinschauen, ob wir Fehler verzeihen oder gnadenlos mit ihnen umgehen. Ich wünsche mir durchaus einen Bundespräsidenten, der moralisch integer ist, aber der selbst einmal gescheitert ist, der vielleicht große Probleme hatte und hoffentlich erfolgreich durchgestanden hat. Auch das kann vorbildlich sein. Und ich wünsche Christian Wulff, dass sich die neuen Vorwürfe ähnlich wie bei dem diskutierten Kredit als haltlos herausstellen.
Allen Seiten würde nun eine Tugend nicht schaden, die ich auch von einem Bundespräsidenten erwarte: Demut. Christian Wulff hat diese Tugend mit seinem nun erfolgten Rücktritt wohl deutlich zu spät an den Tag gelegt. Eine evangelische Pfarrerin hat allerdings mit Blick auf die Debatte formuliert, dass 80 Millionen Deutsche nun jüngstes Gericht spielen ohne Gott zu sein. Vielleicht wollte sie damit auch an die Worte Jesu erinnern, dass der, der ohne Sünde ist, den ersten Stein werfen solle.
Das ist es, was wir aus meiner Sicht aus der „Affäre“ lernen und uns vornehmen können: wir sollten nicht so gnadenlos miteinander umgehen. Dazu gehört, dann aber auch, dass man zu seinen Fehlern steht und sie offen zugibt. Auch da hat Christian Wulff gefehlt. Nur dann kann man darauf hoffen, dass Menschen verzeihen. Es wäre erstrebenswert, eine solche Kultur des Verzeihens nach einem eingestandenen Fehler und den daraus gezogenen Konsequenzen zu entwickeln. Das gilt dann nicht nur für Christian Wulff, sondern für alle Menschen die Fehler machen – auch wenn sie öffentliche Ämter bekleiden.“
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