Empörung über Kreiswerke: Querdenker-Porträt im Kundenmagazin

Politik
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Ein Artikel im Kundenmagazin „Strömung“ der Kreiswerke Main-Kinzig GmbH hat für viel Unmut und Empörung gesorgt. Vorgestellt wird darin als Beispiel für eine Berufsgruppe, in der die Person tätig ist, ein führendes Mitglied der Querdenker-Szene im Main-Kinzig-Kreis. Die Kreiswerke streiten geschäftliche Verbindungen mit der Person ab, vielmehr füge sich der Beitrag in ein Format und eine Rubrik des Magazins ein. An Protestveranstaltungen gegen die von dieser Person angemeldeten so genannten Querdenker-Demonstrationen hatte sich in den vergangenen Monaten auch der Aufsichtsratsvorsitzende der Kreiswerke, Landrat Thorsten Stolz (SPD), beteiligt.

Die prominenteste Unterstützung für die mittlerweile als Verein fungierende Demokratiebewegung „Hand aufs Herz“ beim Protest gegen die Querdenker, die neben Kundgebungen und Autokorsos auch Lichtermärsche durchführten, kam allerdings aus Wiesbaden und kommt ab jetzt aus Berlin: Die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte nicht nur bei ihrem Auftritt in Gelnhausen, sondern auch bei ihrer Vorstellung als Mitglied der Bundesregierung einen entschiedenen Kampf gegen Rechtsextremismus angekündigt. Mindestens eine Duldung von Personen aus der rechtsextremen Szene, möglicherweise auch mehr, wird den Organisatoren und Teilnehmern der Querdenker-Veranstaltungen im Kreisgebiet vorgeworfen. „Nazis raus“ schallte es daher nicht nur einmal von den Veranstaltungen von „Hand aufs Herz“, die von Mitgliedern aller demokratischen Parteien im Kreis unterstützt wurden.

Die Grünen im Main-Kinzig-Kreis, deren Kreistagsabgeordneter Bernd Wietzorek bereits als Hauptredner auf einer Kundgebung von „Hand aufs Herz“ auftrat, reagieren daher empört über den Artikel im Kundenmagazin der Kreiswerke. „Hetzern, die während der Corona-Pandemie die Gesellschaft spalten, darf kein Raum gegeben werden“, sagt der Fraktionsvorstand der Grünen Kreistagsfraktion, Reiner Bousonville, Viola Haßdenteufel und Jakob Mähler. „Deswegen ist es für uns nicht nachvollziehbar, wie die Kreiswerke Main-Kinzig diese Person portraitieren konnten.“ Deren Organisation sei dafür bekannt, dass sie gegen die Corona-Maßnahmen hetzt, Verschwörungstheorien verbreitet und Hass gegen ganze Menschengruppen schürt. Umso erstaunlicher sei es, dass die Kreiswerke Main-Kinzig, als Tochtergesellschaft des Main-Kinzig-Kreises, dieser Person einen ganzen Artikel widmen: „Der Main-Kinzig-Kreis betont bei allen sich bietenden Möglichkeiten, dass sie sich gegen Querdenken und gegen die Spaltung der Gesellschaft stellen. Gleichzeitig wird mit einer der führenden Querdenker-Kräfte im Kreis Werbung für die Kreiswerke Main-Kinzig gemacht.“ Auch die Bemühungen des Kreises rund um die kreisweite Impfkampagne bekommen einen Beigeschmack, „wenn eine kreiseigene Tochtergesellschaft mit Impfgegnern wirbt.“

Der Fraktionsvorstand der Grünen-Kreistagsfraktion fordert nun Aufklärung von Seiten der Kreisspitze: „Die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreiswerke und der neue Geschäftsführer Oliver Habekost müssen sich erklären, wie dieser Artikel zu Stande kam, ob hier wider besseren Wissens von Seiten einiger gehandelt wurde und wie der Bericht so lange im Internet und im kreiswerkeeigenen Magazin ‚Strömung‘ unentdeckt bleiben konnte.“ Klar sei, dass der Kreis hier entsprechende Aufklärung leisten müsse: „Wir erwarten hier genaue Gründe und keine Aussagen, dass ein solcher Fehler nicht mehr passieren wird und der Kreis sich von den Aussagen dieser Person distanziert. Für eine solche allgemeine Aussage ist es deutlich zu spät“, so Bousonville, Haßdenteufel und Mähler abschließend.

Miriam Franz, Pressesprecherin der Kreiswerke Main-Kinzig GmbH, dementiert allerdings eine geschäftliche Verbindung mit der porträtierten Person: „Eine Geschäftsbeziehung ist keine Voraussetzung für einen derartigen Beitrag in der Kundenzeitschrift ‚Strömung‘. Das gilt auch für diese Veröffentlichung.“ Bezahlt worden sei für den Beitrag nichts, die Redaktion sei im Zuge einer Recherche auf die Person gestoßen. Aber wie verträgt es sich aus Sicht der Kreiswerke, dass auf der einen Seite gegen diese so genannten „Querdenker“ demonstriert wird und auf der anderen Seite offensichtlich mit genau diesen Personen Geschäfte gemacht werden? „Wie wir ausgeführt haben, gibt es diesen Bezug nicht und die Aussage ist somit unzutreffend. Die in der Anfrage geschilderten Umstände und Hintergründe waren nicht Teil der Recherchen und sind somit auch kein inhaltlicher Bestandteil des zitierten Artikels in der Kundenzeitschrift“, beantwortet Franz diese Frage und erklärt auf eine weitere Frage zur grundsätzlichen Haltung des Unternehmens zu Querdenkern wörtlich: „Die Kreiswerke Main-Kinzig stehen für Offenheit, Vielfalt, Meinungsfreiheit und ein respektvolles Miteinander. Gerade in herausfordernden Zeiten wie diesen betonen wir als regionales Versorgungsunternehmen vielmehr unser Selbstverständnis als ‚Einer von HIER!‘ und leisten mit unserer Kommunikation einen Beitrag dazu, das WIR-Gefühl in der Region zu stärken.“

Dieses lokale Gespür hat der Fraktionsvorsitzende von „DIE LINKE“ im Kreistag, Andreas Müller, bei der Veröffentlichung im Kundenmagazin der Kreiswerke aber offenbar vermisst: „Innerhalb des sehr übersichtlichen Gelnhausens können wir davon ausgehen, dass die Aktivitäten von (…) bekannt sein müssten. Die Geschäftsführung eines kreiseigenen Betriebes sollte sich seiner besonderen Vorbildfunktion bewusst sein. Dazu gehört auch, dass Menschen, welche unser Gemeinwesen bekämpfen, keine Anerkennung durch die Veröffentlichung auf der kreiseigenen Plattform ermöglicht werden sollte.“ Die Pandemie sei zu gefährlich, um sie für abstruse politische, populistische Meinungsmache zu missbrauchen: „Toleranz gegenüber Querdenkern und insbesondere Organisatoren dieser Veranstaltungen wie (…) ist zum Zeitpunkt der Pandemie völlig inakzeptabel.“

„Hand aufs Herz“ will sich aktuell nicht zu der Veröffentlichung im Kundenmagazin der Kreiswerke äußern. Der Verein wehrt sich momentan gegen juristische Angriffe der porträtierten Person, die in Kürze vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt werden. Die proträtierte Person wurde zweimal per E-Mail um eine Stellungnahme gebeten, eine Antwort blieb aus.

Foto: Auch in Freigericht fand im April 2021 eine überparteiliche Protestkundgebung gegen eine dortige Veranstaltung der Querdenker statt.