Zum Tod von Erich Pipa: „Ein unermüdlicher Streiter für soziale Gerechtigkeit"

Politik
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Mit großer Trauer und Bestürzung haben die Kreisspitze um Landrat Thorsten Stolz (SPD), Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) und Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann (CDU), der Kreistagsvorsitzende Carsten Ullrich (SPD) sowie Landrat a.D. Karl Eyerkaufer (SPD) am Wochenende die Nachricht vom Tode des früheren Landrats Erich Pipa (wir berichteten) aufgenommen.

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„Der Main-Kinzig-Kreis verliert eine herausragende Persönlichkeit, die durch ihre klare Haltung, ihren Mut und ihre Leidenschaft fürs Politikmachen weit über unsere Kreisgrenzen bekannt und geschätzt wurde. Erich Pipa war ein unermüdlicher Streiter für soziale Gerechtigkeit und einen modernen, zukunftsfähigen Landkreis“, erklärt Landrat Thorsten Stolz im Namen des Main-Kinzig-Kreises. „Sein politisches Werk und Tun haben den Main-Kinzig-Kreis ganz entscheidend vorangebracht und gestärkt. Erich Pipa als Politiker und natürlich auch als Mensch und Ansprechpartner abseits des politischen Geschäfts werden wir ehrenvoll in Erinnerung behalten.“ Erich Pipa ist in der Nacht zu Ostersonntag verstorben. Erich Pipa ist von 2005 bis 2017 Landrat des Main-Kinzig-Kreises gewesen. Politisch tätig war er jedoch schon seit den 1960er Jahren, und insgesamt mehr als 30 Jahre lang setzte er sich in verantwortlicher Position auf kreispolitischer Ebene für die Belange der Bürgerinnen und Bürger ein, als Kreisbeigeordneter und Erster Kreisbeigeordneter zusammen mit Landrat a.D. Karl Eyerkaufer und dann als dessen Nachfolger.

„Bewegen statt reden“ lautete der Slogan der SPD Main-Kinzig bei der Kommunalwahl 2016, die der 1948 in Fulda geborene Erich Pipa letztmals als Spitzenkandidat auf der Kreistagsliste der Sozialdemokraten anführte. Für Landrat Thorsten Stolz beschreibt dieser Spruch „sehr treffend, wie Erich Pipa Politik verstand und ausübte“: „Ihm ging es immer darum, über politische Projekte nicht nur zu theoretisieren, sondern ins Machen zu kommen. Es gehörte zu seiner Art, gerade das anzupacken, wofür es eben noch kein Beispiel andernorts gab. Lieber wollte er in unserem Main-Kinzig-Kreis diese Leuchttürme schaffen, an denen sich andere ein Beispiel nehmen können“, sagt Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler.

Bereits im Alter von 17 Jahren trat Erich Pipa 1965 in die SPD ein, begann im selben Jahr mit seiner Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten der Stadt Hanau und stieg bis zum Oberamtsrat auf. 1972 wurde er zudem persönlicher Referent des Hanauer Landrates Martin Woythal. Diese Zeit hatte bei Erich Pipa tiefe Spuren hinterlassen. „An Martin Woythal hat mich fasziniert, wie er auch komplizierteste Zusammenhänge auf den Punkt bringen konnte. Seine Art und seine Denkweise haben mein politisches Engagement entscheidend geprägt“, hatte Pipa immer wieder betont.

Auf den Punkt bringen, Politik begreifbar machen, Entscheidungen von der Bürgerschaft her denken: Darauf legte Erich Pipa besonderen Wert. Er hielt sowohl seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in den politischen Gremien wie auch seine Verwaltung dazu an, stets in diesem Sinne zu handeln. „Hinzu kam seine bemerkenswerte Weitsicht bei Zukunftsthemen, Stichwort Sozialpolitik, Stichwort Breitbandausbau“, erklärt Landrat Stolz. „Viel früher als andere konnte er erahnen, mit welchen Fragen sich die kommunale Ebene auseinandersetzen muss. Und er hatte auch viel früher die Antworten, für die er sich dann eben gerne als Erster in den Wind gestellt und mit Freude an der offen ausgetragenen Kontroverse gekämpft hat. Übrigens meistens mit dem verdienten Erfolg.“

Landrat a.D. Karl Eyerkaufer hat den engen Kontakt zu Erich Pipa und dessen Familie über viele Jahrzehnte und bis zuletzt gehalten. Er erinnert sich an die gute, enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, zunächst während der gemeinsamen Zeit in der Arbeit der SPD-Kreistagsfraktion im Altkreis Hanau (ab 1972) und dem Main-Kinzig-Kreis (ab 1974), dann ab 1987 im hauptamtlichen Kreisausschuss. „Wie kaum ein anderer hat sich Erich Pipa um den Aufbau und die Entwicklung des Main-Kinzig-Kreises verdient gemacht. Er ist ein überzeugter Vordenker, starker Vorkämpfer und hartnäckiger Verhandler gewesen“, erklärt Eyerkaufer. Auch nach dem Ende ihrer Amtszeiten hatten Karl Eyerkaufer und Erich Pipa noch oft Kontakt gehabt. „Ich bin Erich Pipa dankbar, dass er die Projekte, gerade auch die Förderung der ehrenamtlichen Arbeit, aus meiner Amtszeit fortgeführt hat. Diese verlässliche Unterstützung und seine Hilfe und Ratschläge als Freund haben Großartiges bewirken können.“

Die Zuverlässigkeit, Zielstrebigkeit und Kampfeslust für die Sache der Kommunen und Landkreise drückte sich im Vertrauen aus, das die anderen hessischen Landkreise ihm entgegenbrachten und ihn für die Zeit von 2013 bis 2017 zum Präsidenten des Hessischen Landkreistages wählten. Zudem erhielt er für sein Engagement am 19. Oktober 2015 von Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer das Bundesverdienstkreuz. Elf Organisationen und Privatpersonen aus dem Main-Kinzig-Kreis hatten „ihren Landrat“ für diese Ehrung vorgeschlagen.

Mitte des Jahres 2016, ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit als Landrat, hatte Erich Pipa seinen Abschied angekündigt. Er werde nicht noch einmal zur Wahl antreten, sagte er seinerzeit – für viele Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter kam dieser Schritt völlig überraschend, wo er sich doch lange Zeit ein Leben ohne Arbeit nicht hatte vorstellen können. Doch das Private sollte nach 2017 den Vorrang haben, über 50 Jahre Politik und Beruf seien genug, kündigte er an. Erich Pipa, der Vollblutpolitiker mit prallem Terminkalender an sieben Tagen in der Woche, bekam den Einschnitt von einem auf den anderen Tag tatsächlich hin. Er lenkte seinen Fokus auf die Familie und trat in den folgenden gut viereinhalb Jahren nur noch selten als Politiker öffentlich auf. Auch wenn seine Entscheidung zum Abschied beeinflusst wurde durch die seit Juli 2015 bestehende Bedrohungslage mit wiederholten anonymen Beschimpfungen und Anfeindungen, so war es schließlich ein gut überlegter Entschluss von Erich Pipa, nach zwölf Jahren als Landrat, den Generationswechsel einzuleiten.

Neben dem Kreisausschuss um Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann drückte Carsten Ullrich in seiner Funktion als Kreistagsvorsitzender seine Trauer aus. „Als Kommunalpolitiker, als Hauptamtlicher in der Politik und als Parteifreund weiß ich um Erich Pipa als Vorbild. Mit wie viel Leidenschaft er im Kreistag klare Kante gezeigt hat, bei sozialpolitischen Themen, bei gesellschaftspolitischen Themen, bei Digitalisierungsprojekten, bei der Frage der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen 2015: Das wird bleiben. Die hohe Anerkennung für Erich Pipa ist eine parteiübergreifende“, erklärt Carsten Ullrich. Erich Pipas politische Laufbahn wies mit der Übernahme der Geschäftsführung der SPD-Kreistagsfraktion ab 1975 einen bedeutenden Meilenstein auf. Zwölf Jahre später, ab 1. Februar 1987, wurde er schließlich Wahlbeamter und Erster Kreisbeigeordneter in der neu entstandenen Koalition aus SPD und Grünen, zeitgleich trat Karl Eyerkaufer die Nachfolge von Landrat Hans Rüger an.

Das bestimmende Thema der ersten Jahre war die Abfallbeseitigung. Im Bereich der Umweltpolitik setzte sich Erich Pipa bereits 1988 in Rodenbach und Freigericht für die Errichtung von Blockheizkraftwerken ein. Er wurde darüber hinaus sehr früh zum überzeugten Verfechter für den sinnvollen Einsatz erneuerbarer Energien unter anderem aus Sonne, Wasser, Wind und Erdwärme. Mitte der 90er Jahre rückten die Schwerpunkte Soziales und Arbeitsmarktpolitik immer mehr in den Mittelpunkt. Außerdem gelang Pipa 1999 mit der Übernahme des maroden Hanauer Altenheims „Wohnstift“ ein spektakulärer Erfolg. Ohnehin war es der Einsatz für benachteiligte Menschen, der das politische Wirken des begeisterten Kommunalpolitikers prägte.

Vor allem als Kämpfer für eine kommunale Beschäftigungspolitik machte Erich Pipa bundesweit von sich reden. Regelmäßig reiste er als gefragter Gesprächspartner und Experte nach Berlin. Seine „neuen Wege“ flossen Anfang 2004 unter dem Stichwort „Hartz IV“ schließlich ein in das so genannte Optionsmodell: Ausgewählte Landkreise übernahmen Verantwortung für die Betreuung von Langzeitarbeitslosen, an erster Stelle der Main-Kinzig-Kreis. Im Herbst 2004 kündigte Pipa an, die Nachfolge von Landrat Karl Eyerkaufer anzustreben. Er stellte sich am 31. Januar 2005 der Direktwahl und erhielt 51,7 Prozent der Stimmen der Bürgerinnen und Bürger im Main-Kinzig-Kreis. Am 18. Juni 2005 übernahm er offiziell im neuen Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen die Amtsgeschäfte. 2011 wurde Erich Pipa mit deutlicher Mehrheit in seinem Amt bestätigt und begann seine zweite Dienstzeit als Landrat.

Der Breitbandausbau im Main-Kinzig-Kreis gilt als eines der größten Erfolgsprojekte von Erich Pipa. Denn als einer der ersten Landkreise in Deutschland baute der Main-Kinzig-Kreis in eigener kommunaler Verantwortung ein flächendeckendes Glasfasernetz, das nach gut zwei Jahren im Herbst 2015 weitgehend fertiggestellt war. Ein weiteres zentrales Thema der letzten Jahre in der Politik war für den anerkannten Finanzexperten und Präsidenten des Hessischen Landkreistages die Neufassung zum Kommunalen Finanzausgleich. Zudem war es ihm als zuständiger Dezernent im Main-Kinzig-Kreis gelungen, seit 2014 jeweils ausgeglichene Haushaltspläne vorzulegen und positive Jahresabschlüsse zu erzielen. Zuvor musste der Main-Kinzig-Kreis wiederholt erhebliche Defizite im Finanzhaushalt verkraften.

Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann, Kreistagsvorsitzender Carsten Ullrich und Landrat a.D. Karl Eyerkaufer drückten gemeinsam ihr Beileid aus: „Die Erinnerung ist ein Ort des Lebens und des Begegnens und ein Ort, den wir, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern des Main-Kinzig-Kreises, für Erich Pipa bewahren werden. Unsere Gedanken sind bei der Familie um Erich Pipas Ehefrau Eveline. Wir wünschen viel Kraft in dieser schweren Zeit.“


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