Fachkräftemangel in Kitas dramatisch: Bürgermeister schreiben an Landesregierung

Politik
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Lange Wartelisten, Reduzierung der Öffnungszeiten, dauerhafte Überlastung des Personals. Die Situation in Kitas ist landauf, landab sowohl für die Familien, als auch für die Träger dramatisch. Daher wenden sich Bürgermeister*innen des Main-Kinzig-Kreises mit einem offenen Brief an die Hessische Landesregierung und den Hessischen Landtag. Sie unterbreiten darin konkrete Vorschläge mit dem Ziel, die personelle Ausstattung in den Einrichtungen zu verbessern.



„Unsere Vorschläge sind pragmatisch, praxistauglich und würden schon kurzfristig die Betreuungssituation entlasten“, so Maintals Bürgermeisterin Monika Böttcher, die die Federführung für den gemeinsamen Appell übernommen hat. Denn die Situation in den kommunalen Kinderbetreuungseinrichtungen wird aufgrund des Fachkräftemangels „von Monat zu Monat dramatischer“, weisen die Unterzeichnenden auf den dringenden Handlungsbedarf hin. Schon jetzt sei der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz quasi nicht mehr einzulösen. Weil sich die Situation weiter zuspitzt und keine Besserung in Sicht ist, appellieren die Kommunen an die Landesregierung, zwei Änderungen bei den geltenden Regelungen vorzunehmen, die bereits kurz- und mittelfristig für eine Entspannung sorgen könnten.

Dazu soll der Katalog von Personen, die mit der Leitung einer Kindergruppe beauftragt werden dürfen, ergänzt werden um diejenigen, die schon heute in einer Kindergruppe mitarbeiten dürfen – allerdings nicht in verantwortlicher Funktion. Dazu zählen neben pädagogischen Fachkräften auch Personen, die über eine berufsähnliche Ausbildung verfügen. Dies können beispielsweise Kinderpfleger*innen oder Kindertagespflegepersonen sein. Durch den größeren, multiprofessionellen Personalpool wäre sichergestellt, dass es eine ausreichende Anzahl an Gruppenleitungen gibt, um Gruppen öffnen und betreiben zu können. Dies ist den Kommunen aufgrund der Vorgaben der Aufsichtsbehörde bislang nicht erlaubt.

Um perspektivisch mehr Menschen für den Beruf und die Ausbildung zu begeistern, wollen die Bürgermeister*innen die Zugangsvoraussetzungen erleichtert sehen. Dabei haben sie vor allem die zweijährige Ausbildung zu Sozialassistent*innen im Blick, die nach Abschluss der Mittleren Reife Voraussetzung ist, um die dreijährige Praxisintegrierte vergütete Ausbildung (PivA) zu beginnen. „Abgesehen davon, dass es für Sozialassistent*innen auf dem Arbeitsmarkt keine wirkliche Nachfrage gibt, führt die damit verbundene mindestens fünfjährige Ausbildungsdauer vom Schulabschluss bis zur staatlichen Anerkennung als Erzieherin oder Erzieher nicht dazu, dass sich Menschen mit Mittlerer Reife in größerer Anzahl dafür interessieren, diesen Beruf zu ergreifen“, wird der Vorstoß begründet. Diese Ungleichbehandlung im Vergleich zu Abiturient*innen, die eine „nur“ dreijährige Ausbildung durchlaufen, ist angesichts des leergefegten Arbeitsmarkts nicht mehr zeitgemäß. Denn es braucht mehr ausgebildete Erzieher*innen, um auf die hohe Nachfrage zu reagieren und die zunehmende Wettbewerbssituation zwischen den Kommunen zu entschärfen, die aus der Not heraus mit unterschiedlichen Boni um die raren pädagogischen Fachkräfte werben.

Wenngleich beide Vorschläge eine Lockerung der bisherigen Vorgaben bedeuten, soll dies nicht zulasten der pädagogischen Qualität gehen. „Selbstverständlich werden wir als Träger auch weiterhin darauf achten, ausschließlich fachlich wie menschlich überzeugende Mitarbeitende mit der Leitung einer Kindergruppe zu betrauen. Und ebenso selbstverständlich werden wir nur Menschen die PivA erfolgreich durchlaufen lassen, die unseren hohen Qualitätsanforderungen entsprechen. Auf die Kompetenz der kommunalen Ebene darf die Landesregierung vertrauen“, betonen die Unterzeichnenden und weisen darauf hin, dass von diesen Änderungen letztlich die Wirtschaft insgesamt profitiert. Schließlich ist eine verlässliche Kinderbetreuung Voraussetzung dafür, dass Eltern berufstätig sein können. Die aktuelle Lage führt hingegen dazu, dass insbesondere Frauen dem Arbeitsmarkt nicht oder nur eingeschränkt zu Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund sehen die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ihren offenen Brief als konstruktiven Beitrag, der aus den Erfahrungen der kommunalen Praxis resultiert und erhoffen sich ein dementsprechend positives Signal aus Wiesbaden.

Der Offene Brief im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Rhein, sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Wallmann, sehr geehrte Frau Staatsministerin Hofmann, sehr geehrter Herr Staatsminister Schwarz,

wir, die unterzeichnenden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Hessen, wenden uns heute mit einem dringenden Anliegen an Sie. Die Situation in unseren kommunalen Kinderbetreuungseinrichtungen wird aufgrund des Fachkräftemangels von Monat zu Monat dramatischer. Es ist aufgrund des Fachkräftemangels für die Kommunen mittlerweile fast unmöglich geworden, den Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz gem. § 24 Sozialgesetzbuch VIII einzulösen. Besserung ist aktuell nicht in Sicht. Daher ist es aus unserer Sicht an der Zeit, sich Gedanken über grundsätzliche Stellschrauben zu machen, die auch kurzfristig zu einer Verbesserung der Situation beitragen können:

1. Erweiterung der Vorschriften aus § 25b Abs. 1 Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch. Dieser Abschnitt regelt, welche Fachkräfte mit der Leitung einer Kindergruppe beauftragt werden dürfen. Hierzu regen wir dringend an, dass dieser Katalog um diejenigen Personen erweitert wird, welche gem. § 25b Abs. 2 Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch mit der Mitarbeit in Kindergruppen beauftragt werden können.

2. Attraktivere Zugangsvoraussetzung zum Beruf von Erzieherinnen und Erziehern. Wir halten es für erforderlich, dass die Zugangsvoraussetzungen für das Erlernen des Berufs von Erzieherinnen bzw. von Erziehern für bestimmte Schulabgänger attraktiver gestaltet werden.

Vor längerer Zeit mag es gute Gründe dafür gegeben haben, dass Menschen, welche die Schule mit der Mittleren Reife verlassen, nicht sofort in die dreijährige Praxisintegrierte vergütete Ausbildung (PivA) einsteigen können. Allerdings ist die aktuelle und auch künftige Lage auf dem Arbeitsmarkt derart angespannt, dass wir diese unterschiedliche Behandlung von Menschen mit (Fach)Hochschulreife einerseits und Mittlere Reife andererseits in Frage stellen wollen.

Es ist für Menschen mit Mittlerer Reife eben nicht attraktiv, dass diese frühestens nach zwei Jahren, z.B. nach Abschluss der Ausbildung zur Sozialassistentin bzw. zum Sozialassistenten mit der PivA beginnen können. Abgesehen davon, dass es für Sozialassistentinnen bzw. Sozialassistenten auf dem Arbeitsmarkt keine wirkliche Nachfrage gibt, führt die damit mindestens fünfjährige Ausbildungsdauer vom Schulabschluss bis zur staatlichen Anerkennung als Erzieherin bzw. Erzieher eben nicht dazu, dass. sich Menschen mit Mittlerer Reife in größerer Anzahl dafür interessieren, diesen Beruf zu ergreifen.

Daher regen wir dringend an, dass die Zugangsvoraussetzungen für die PivA für Menschen mit Mittlerer Reife, Fachhochschulreife und Allgemeine Hochschulreife einheitlich festgelegt werden und versprechen uns davon deutlich erhöhte Zahlen von jungen Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen. Damit würden dann tatsächlich mehr Arbeitskräfte insgesamt zur Verfügung stehen und wir Kommunen könnten damit aufhören, uns gegenseitig das Fachpersonal mit immer neuen Ideen gegenseitig abzuwerben. Selbstverständlich werden wir als Träger- wie bisher auch - darauf achten, ausschließlich fachlich wie menschlich überzeugende Mitarbeitende mit der Leitung einer Kindergruppe zu betrauen. Und ebenso selbstverständlich werden wir nur Menschen die PivA erfolgreich durchlaufen lassen, die unseren hohen Qualitätsanforderungen entsprechen. Dieses Vertrauen dürfen Sie in die kommunale Ebene haben und ja, dieses Vertrauen setzen wir auch voraus.

Für beide Maßnahmen schlagen wir einen zehnjährigen Erprobungszeitraum vor. Dann könnten die bei der Umsetzung gemachten Erfahrungen nach acht Jahren evaluiert und die entsprechenden Regelungen bei Bedarf angepasst werden. Der massive Mangel an pädagogischen Fachkräften und die damit fehlenden Betreuungsplätze werden zu einem immer größeren Problem für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dies entwickelt sich zu einem wachsenden Hemmnis für Wirtschaftswachstum - in Hessen wie in Deutschland.

Aus Sicht der Kommunen müssen deshalb alle Maßnahmen oberste Priorität haben, die dazu beitragen, die Betreuungssituation für Ü3/U3 nachhaltig zu verbessern. Vor diesem herausfordernden Hintergrund bitten wir um konstruktive Prüfung und um Umsetzung unserer pragmatischen Vorschläge."

Unterzeichnende Kommunen in alphabetischer Reihenfolge:
Bürgermeister Tobias Weisbecker (CDU/Bad Orb)
Bürgermeister Dominik Brasch (Parteilos/Bad Soden-Salmünster)
Bürgermeister Matthias Schmitt (Parteilos/Biebergemünd)
Bürgermeister Fabian Fehl (SPD/Birstein)
Bürgermeister Wolfram Zimmer (Parteilos/Brachttal)
Bürgermeisterin Sylvia Braun (FDP/Bruchköbel)
Bürgermeister Stefan Erb (SPD/Erlensee)
Bürgermeisterin Albrecht Eitz (SPD/Freigericht)
Bürgermeister Christian Litzinger (CDU/Gelnhausen)
Bürgermeisterin Theresa Neumann (CDU/Großkrotzenburg)
Bürgermeister Gerald Helfrich (Parteilos/Gründau)
Bürgermeister Michael Göllner (SPD/Hammersbach)
Bürgermeister Matthias Pfeifer (SWG/Hasselroth)
Bürgermeister Victor Röder (SPD/Jossgrund)
Bürgermeister Timo Greuel (SPD/Langenselbold)
Bürgermeister Albert Ungermann (SPD/Linsengericht)
Bürgermeisterin Monika Böttcher (Parteilos/Maintal)
Bürgermeister Jörn Schachtner (SPD/Neuberg)
Bürgermeister Klaus Büttner (SPD/Niederdorfelden)
Bürgermeister Andreas Bär (SPD/Nidderau)
Bürgermeister Klaus Schejna (SPD/Rodenbach)
Bürgermeisterin Cornelia Rück (SPD/Schöneck)
Bürgermeister Thomas Henfling (Parteilos/Sinntal)
Bürgermeister Christian Zimmermann (Parteilos/Steinau)
Bürgermeister Andreas Weiher (SPD/Wächtersbach)


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