Wer mit der Bahn zu Arbeit pendelt, kennt den Zustand der Bahnhöfe im Main-Kinzig-Kreis. Alle die nicht in diesen täglichen Genuss kommen, können sich jetzt im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen ein Bild davon machen: Fünf Nachwuchskräfte der Kreisverwaltung haben im vergangenen Jahr alle 35 Bahnhöfe genau unter die Lupe genommen und die Mängel dokumentiert.
Diese Liste wurde an die Deutsche Bahn AG geschickt und die Reaktion war wenig überraschend. „Erschütternd“, nannte es Landrat Erich Pipa, was die Bahn mit den Ergebnissen aus dem Main-Kinzig-Kreis gemacht hat – nämlich schlichtweg ignoriert.
In den vergangenen Wochen und somit ein Jahr später sind die Nachwuchskräfte wieder die Bahnhöfe abgefahren und haben nur wenige Verbesserungen festgestellt. „Die Bahnhöfe im Main-Kinzig-Kreis verkommen zunehmend und es werden nur kleinere Arbeiten durchgeführt“, kritisierte Pipa erneut die Bundesregierung. „Es gibt zu viele Technokraten in der Welt, die nur verwalten und nicht gestalten“, vermisste er aber auch einige Mitstreiter an der lokalen Front. So waren bei der Ausstellungseröffnung im Main-Kinzig-Forum aus den 29 betroffenen Kommunen lediglich Gründaus Bürgermeister Gerald Helfrich, sein Wächtersbacher Amtskollege Rainer Krätschmer und Langenselbolds Erster Stadtrat Matthias Mücke anwesend. „Das ist nicht sehr berauschend“, war Pipa allerdings auch wenig erfreut, dass die heimischen Bundestags- und Landtagsabgeordneten mit Abwesenheit glänzten.
Einen Mitstreiter hatte er aber an seiner Seite: Manfred Schell, einst Anführer der Lokführer-Gewerkschaft und bekannt durch seine heftigen Auseinandersetzungen im Jahr 2008 beim Tarifstreit mit dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn. An seiner kritischen Haltung gegen die Führungsspitze der Deutschen Bahn AG hat sich nichts geändert. „Es wird vom Vorstand entschieden, was gemacht wird und was nicht, und nicht vom Bund als 100 prozentigem Eigentümer oder von Ramsauer“, wünscht er sich mehr Einflussnahme durch die Bundesregierung und betonte, dass er 1993 im Bundestag gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn gestimmt hat, obwohl er ein CDU-Parteibuch hat. „Diese Struktur ist der Grund, warum solch eine Untersuchung, wie sie hier im Main-Kinzig-Kreis gemacht wurde, dort auf taube Ohren trifft“, handele es sich bei der Deutschen Bahn AG um ein personifiziertes Unternehmen, dessen Führungsspitze parteipolitisch besetzt werde.
Das war Wasser auf die Mühlen des Landrates, der auf die Versteigerung des Bahnhofsgebäudes in Gründau-Lieblos für ein Mindestgebot von 8.500 Euro hinwies. „Das muss doch mal irgendeiner bezahlt haben und das war der Steuerzahler. Da wird Staatseigentum verramscht“, passe dazu ins Bild, dass für einen Bahnhof in Stuttgart Geld vorhanden sei, für die kleinen aber nicht. Was aus den kleinen dann wird, ist auf den Bildern der Ausstellung, in der neun Bahnhöfe exemplarisch aufgeführt sind, gut zu sehen.
Im Sinntaler Ortsteil Jossa bekam das Bahnhofsgebäude zwar zum Teil einen neuen Anstrich, Schimmel, Bauschutt und große Schlaglöcher sind aber wie im vergangenen Jahr weiterhin vorhanden. In Schlüchtern wurden überhaupt keine Verbesserungen festgellt, immerhin wurde dieser Bahnhof jetzt aber in ein Sanierungsprogramm von Bahn und Land aufgenommen. Gleiches gilt für den Bahnhof im Nidderauer Stadtteil Ostheim, wo sich bislang auch noch nichts getan hat.
Inzwischen in Privatbesitz befindet sich nach einer Versteigerung das Bahnhofsgebäude im Gründauer Ortsteil Mittel-Gründau. Die Nachwuchskräfte stellten bei ihrem erneuten Besuch fest, dass die Wände noch mehr verschmutzt sind, immerhin gibt es aber ein neues Wartehäuschen. In Biebergemünd-Wirtheim gibt es inzwischen ordentliche Fahrradstellplätze, dafür aber auch neue Stolperfallen durch Überwucherungen von Gebüschen. Einen neuen Anstrich und ein neues Wartehäuschen hat der Bahnhof Hailer/Meerholz bekommen, abgebrannte Mülleimer und ein extremer Uringeruch warten aber auch weiterhin auf die Fahrgäste.
Und auch bei den beiden größten Bahnhöfen im Main-Kinzig-Kreis gibt es viel zu tun. In Gelnhausen wurde zwar die Decke der Unterführung gestrichen, dafür weist die Fassade des Bahnhofsgebäudes jetzt deutlich mehr Mängel auf. Und am Hanauer Hauptbahnhof wurden außer neuen Anzeigetafeln auch keine Verbesserungen festgestellt. „Es besteht weiterhin akuter Handlungsbedarf“, will Landrat Erich Pipa mit der aktualisierten Dokumentation jetzt erneut bei den Verantwortlichen der Deutschen Bahn AG vorstellig werden.