Man kann nicht anders als mitlächeln, wenn Annemarie Heilmann von ihren Erlebnissen während der Nachkriegszeit erzählt.
Man kann nicht anders als mitlächeln, wenn Annemarie Heilmann von ihren Erlebnissen während der Nachkriegszeit erzählt.
Obwohl das wirklich kein freudiges Thema ist, geht die alte Dame sehr gelassen damit um und beteuert immer wieder, was für eine wunderschöne Kindheit sie hatte. Heilmann war jetzt an der Karl-Rehbein-Schule (KRS) zu Gast, um interessierten Schülern die schwere Zeit während des Zweiten Weltkrieges die wirren Zeiten danach näher zu bringen.
Annemarie Heilmann ist 1935 geboren, Ende des Krieges ist sie also gerade mal zehn Jahre alt, berichtet sie den Schülern. Zu diesem Zeitpunkt wohnt sie noch in dem kleinen Städtchen Haidt, auf halber Strecke zwischen Nürnberg und Prag gelegen. Die letzte Volkszählung ergab eine Zahl von circa 2000 Einwohnern. Fast jede Familie in dem Städtchen hatte ein eigenes Haus. Jeder kannte, wie das so üblich war, natürlich fast jeden. 1938 begannen dann erste jüdische Familien wegzuziehen, doch die acht jüdischen Familien, die zurückblieben, hatten während der ganzen Zeit des Naziregimes keine Probleme. Sie durften ihre Geschäfte behalten und wurden nicht deportiert. Während der „Reichskristallnacht“ brannte es aber auch in Haidt. Die kleine Annemarie Heilmann wollte mit ihrem kleinen Wassereimer mithelfen das Feuer zu löschen, was ihr aber strikt untersagt wurde.
Als 1945 dann der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Deutschland von den vier Siegermächten besetzt wurde, standen in Haidt zunächst die Amerikaner. Diese besetzten in Haidt das halbe Schloss und eine Villa. Radios wurden eingezogen. Trotzdem war das Verhältnis zu den Amerikanern gut. Im September 1945 zogen die Amerikaner dann ab. Kurz darauf kamen Tschechen, rund 30 bis 40 Mann in das kleine Städtchen und besetzten wahllos Häuser. Die deutschen Familien mussten sofort weichen und durften nichts aus ihren Häusern mitnehmen. Haidt wurde eine tschechische Gemeinde und auf den Straßen deutsch zu sprechen war von da an verboten.
Anfang 1946 verschwand Heilmanns Vater, die Familie wurde nicht über seinen Aufenthaltsort informiert, allein dass er lebt, wurde ihnen gesagt. Im März desselben Jahres erhielten sie und ihre Mutter einen Brief, der sie zum Gehen aufforderte. Am nächsten Tag wurden sie und ihre Mutter nach Tachau in eine leere Zigarrenfabrik gebracht. Dort war ein Lager für vertriebene Deutsche errichtet worden. Die Kinder sahen in diesen Lagern zwar nie, was geschah, aber die Schreie und Schläge konnten auch sie hören. Nach nur elf Tagen mussten sie schon wieder ins nächste Lager. In Güterwagons, 30 Mann pro Wagon, wurden sie nach Schwabach gebracht und von da aus auf einzelne Dörfer verteilt.
Heilmann kam mit ihrer Mutter dann nach Eichstädt - ein echter Segen wie sich herausstellen sollte. Die jüngste Tochter des Fürsten von Haidt hatte in Eichstädt eine Villa und lud jeden Tag zehn Menschen aus Haidt zu sich zum Essen ein. Von Eichstädt kamen sie schließlich nach Schelldorf und dort konnte Heilmann einen Uhrmacher aus Ingolstadt überreden, seine Jagdhütte im Wald an sie und ihre Mutter zu vermieten. Bis 1949 lebte sie in dieser Jagdhütte. Danach nahm sie im Laufe der Zeit verschiedene Stellen als Kindermädchen an und das immer beim Adel.
Am Ende kam sie über ihre Verwandtschaft nach Hanau und mit der Zeit fand hier die ganze Familie wieder zusammen. Trotz der Erlebnisse in ihrer Kindheit denkt Annemarie Heilmann nicht schlecht von den Tschechen. Sie wussten es ja nicht besser. Heilmann weiß heute aus den vielen Besuchen in ihrer Heimat, dass die Tschechen im Glauben gelassen wurden, dass die Deutschen erst 1938 mit Hitler ins Sudetenland gekommen seien, sie hätten sich ja also nur zurückgeholt, was ihnen gehörte. Sie ist auch überzeugt, dass viele von den Deutschen nur wegen der Arbeit und der Kleidung zur Partei gegangen seien. So sagte sie auch deutlich, dass ihre Tante Mitglied in der NSDAP war. Annemarie Heilmann ist eine beeindruckende Frau. Sie hat so viel Schlimmes erleben müssen und hat trotzdem nie die Freude am Leben verloren. Sie ist ein großes Vorbild für die jungen Menschen von heute.
Foto: Annemarie Heilmann berichtet in der Karl-Rehbein-Schule Hanau vor interessierten Schülern aus ihrer Jugendzeit, die von Krieg und Vertreibung geprägt war.
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