Jutta Fleck: Die Frau vom Checkpoint Charly

Hanau

Bespitzelung, Unterdrückung, Repressalien: Jutta Fleck war über Jahre hinaus unvorstellbaren Qualen und Ängsten ausgesetzt - nur weil sie etwas für sich und ihre Kinder einforderte, was man als eines der Grundrechte eines Menschen ansehen muss: Freiheit.

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Die heute 69-jährige Jutta Fleck war ehemalige DDR-Bürgerin und ist als die „Frau vom Checkpoint Charlie“ in die Geschichtsbücher eingegangen. „Gebt mir meine Kinder wieder“: Mit einem schier unerschütterlichen Willen und Durchhaltevermögen kämpfte Fleck nach ihrer Ausreise aus der DDR am Berliner „Checkpoint Charlie“ Aug in Aug mit den DDR-Grenzsoldaten stehend um die Freilassung ihrer beiden Töchter Beate und Claudia. Dieses dramatische Einzelschicksal, das den friedlichen Widerstand gegen die DDR-Diktatur beschreibt, steht stellvertretend für viele derartiger Schicksale in der Ex-DDR. Nun war Jutta Fleck in der Karl-Rehbein-Schule Hanau (KRS) zu Gast, um vor interessierten E-Stufen-Schülern von ihrem unglaublichen Teil der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte als Zeitzeuge zu berichten.

„Vor 25 Jahren ist etwas Großartiges passiert: Ohne einen einzigen Schuss fiel eine Mauer, die Deutschland teilte. Eine friedliche Revolution, deren Dimension ich zu diesem Zeitpunkt als 19-Jähriger nicht erkannte. Deshalb möchte ich hier und heute mit dieser Veranstaltung und auch der dazugehörigen Ausstellung ein Stück dieser Geschichte den Schülern zurückgeben“, so der Initiator der Ausstellung und der KRS-Veranstaltung, der Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert. Für KRS-Direktor Jürgen Scheuermann ist die Beschäftigung mit einem totalitären Unrechtsstaat wichtig, gerade weil der Fall der Mauer vor 25 Jahren den jungen Menschen heute nicht mehr präsent sei. „Freiheit ist kein natürliches Gut. Man muss sich dafür auch immer wieder einsetzen“, so der KRS-Direktor.  

Der Fall der Jutta Fleck, die damals noch Jutta Gallus hieß, war sogar dem Fernsehen ein Zweiteiler mit Veronica Ferres in der Hauptrolle wert. „Aufklärung über diese Zeit ist notwendig. Man darf nichts verschönern. Die geistige Unterdrückung und den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie müssen Jugendliche kennenlernen“, sagt Fleck, die heute in Wiesbaden lebt und als Leiterin des Schwerpunktprojektes „Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ständig auf „Aufklärungstour“ quer durch die Republik reist.

Die tiefen seelischen Wunden, die Frauen-Gefängnis und die Trennung von den Töchtern hinterlassen haben, sind bis heute nicht verheilt: Den KRS-Schülern erzählt sie sehr eindringlich und auch sehr bewegt von der fortwährenden Willkür des ehemaligen SED-Staates. Mit der Schlussakte von Helsinki 1975 hatten auch Bürger der DDR das Recht auf freie Wahl ihres Wohnsitzes – soweit das Papier. Die Realität sah allerdings anders aus. Wer die DDR verlassen wollte, stellte entweder einen Ausreiseantrag mit möglichem Freikauf durch die BRD oder vertraute sich Schleusern an. Fleck wählte die letzte Möglichkeit mit Endstation Rumänien. Dort wurde sie während eines vermeintlichen Urlaubs gefasst und in die DDR überführt. Bei der Ankunft in Berlin wurde sie von ihren Töchtern getrennt und nach Psychoterror und Schikanen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wegen „Republik-Flucht“ verurteilt. Im Frauen-Gefängnis Burg Hoheneck durchlebte sie die entwürdigende Hölle auf Erden, 22 Monate nach Haftantritt wurde sie dann schließlich von der Bundesrepublik freigekauft – ohne ihre Töchter.      

Diese Trennung wollten weder die Töchter noch Jutta Fleck hinnehmen. Mit spektakulären Aktionen machte sie auf ihr Schicksal aufmerksam, sah sie im Westen die wesentlich besseren Chancen, um ihre Töchter erfolgreich zu kämpfen. So stand sie vier Jahre lang Tag für Tag bei Wind und Wetter im Westberliner Teil vor dem „Checkpoint Charlie“ um die Freilassung ihrer Kinder immer wieder aufs Neue einzufordern. Diese Bilder und diese Aktion gingen damals um die Welt. Fleck sprach mit hochrangigen Vertretern aus Politik und Kirche wie dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher oder Papst Johannes Paul. Nach vier Jahren, am 25. August 1988, war das Martyrium beendet: Die DDR ließ die beiden Töchter, die letztlich bei dem leiblichen Vater untergekommen waren, frei.

Die KRS-Schüler erleben eine mutige Frau als Zeitzeugin, die sich niemals von einer Diktatur unterdrücken lassen wollte – selbst dann nicht, als man ihr das Wertvollste, was eine Mutter haben kann, ihre Kinder, wegnahm. „Menschen, die einer Diktatur die Stirn bieten, sind Botschafter für Demokratie und Freiheit. Und die Freiheit ist das Wichtigste, was ein Mensch haben kann“, diktiert Fleck den sichtlich ergriffenen KRS-Schülern ins Heft. „Wir wissen das ja alles irgendwie aus den Geschichtsbüchern – aber das ist für uns weit weg. Es ist daher schon ein großer Unterschied, das von einem Menschen erzählt zu bekommen, der das alles selbst auch erlebt hat“, so der Tenor der Schüler. Geschichte zum Anfassen: Damit hat die „Frau vom Checkpoint Charlie“ in der KRS einen wertvollen wie lebendigen Beitrag zur politischen Bildung gegeben.

Foto: Lebendiger Geschichtsunterricht in der Karl-Rehbein-Schule Hanau: Die „Frau vom Checkpoint Charlie“, Jutta Fleck (Zweite von links) berichtet den KRS-Schülern von ihrem Leben in der DDR und dem Kampf um ihre Töchter. Landtagsabgeordneter Heiko Kasseckert (links), die KRS-Geschichtslehrerin Hetzel-Kress und Schulleiter Jürgen Scheuermann freuen sich über Informationen aus erster Hand.


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