Juliane Gallo hält an der HOLA: „Sehen allein nützt nichts“

Hanau

Dass Kunst etwas mit dem Wissen um Form und Gestalt zu tun hat, braucht man niemandem zu erklären.

Interkulturelle Wochen im Main-Kinzig-Kreis
Höfler Fenster

Dass sie sich anschickt, etwas mit dem Begreifen der Welt zu tun zu haben, einer Welt, von der wir bisweilen eingestehen müssen, dass sie unser Begriffsvermögen bis über seine Grenzen hinaus fordert, ist eine Auffassung, die der Kunst einen ganz anderen Stellenwert einräumt, als wir ihr aufgrund der zuerst genannten Eigenschaften zugestehen. In der letztgenannten Funktion wird Kunst nicht bloß als eine Sache des Empfindens und des Geschmacks, d.h. des ästhetischen Urteils wahrgenommen, sondern sie schwingt sich auf, uns etwas über unser Wissen und unser Verstehen der großen Zusammenhänge zu zeigen.

Eine Nachmittagsveranstaltung an der Hohen Landesschule (HOLA) gab jüngst Gelegenheit, diese oben geäußerte Auffassung von Kunst zu überprüfen. Geladen waren nicht nur Lehrer und Schüler der Kunst-Oberstufenkurse der HOLA, auch Kollegen und Schüler der Karl-Rehbein-Schule halfen das Forum zu füllen. Dank der Kontakte und Vermittlung von Studienrätin Astrid Lüth war die Kunstwissenschaftlerin Juliane Gallo aus Kassel angereist, um Schülern und Lehrern einen Einstieg in die Thematik der aktuell stattfindenden documenta 13 zu geben.  

Juliane Gallo unternahm den ambitionierten Versuch zu erklären, wie in der Rezeption moderner Kunst die gegenwärtige Welt als asynchrones Verweissystem unterschiedlichster Bezüge Gegenstand subjektiver Verstehensleistungen wird. Wenn Sehen allein nichts nütze, wie Juliane Gallo absichtsvoll plakativ zu Beginn verkündet, und wenn „alles mit allem zusammenhängt“, wie sie wenig später erklärt, dann verheiße dies zunächst einiges an Arbeit für den in seinem Verstehen geforderten Betrachter. Dieser müsse sich jetzt in Zusammenhänge einfinden, aus denen heraus Bedeutung entstehe und wieder vergehe. Und diese Zusammenhänge gehen über eine Kunst, die nichts anderes zu sein beansprucht als im Status der Kunst wahrgenommen zu werden, weit hinaus.

Kein griffiges Konzept liege der Kasseler Ausstellung, die mittlerweile Weltgeltung genießt, zugrunde. Wenn es überhaupt eine Umschreibung der documenta 13 gebe, dann erkläre sich diese in der Dynamik von „collapse and recovery“ oder Zusammenbruch und Wiederaneignung. Der Zusammenbruch erinnert nachvollziehbar an das Anliegen der ersten documenta von 1955, einer Zeit, als das Kasseler Stadtbild noch erkennbar von den Zerstörungen des 2. Weltkrieges geprägt war. Spricht diese Erfahrung den heutigen Betrachter überhaupt noch an? Auch die Kunst des 21. Jahrhunderts ist keine Äußerung, die in einer durch Wohlstand geprägten Welt, die Kunst in der Kategorie des Marktwerts begreift, stehen bleibt. „Die Grenze, zwischen dem, was Kunst ist, und dem, was nicht Kunst ist, wird unwichtig“, formuliert Juliane Gallo. Wenn „recovery“ mehr als ein harmloses Schmuckwort sein will, dann muss sich Kunst der Herausforderung einer globalisierten Welt stellen, zu deren alltäglicher Wirklichkeit die Zerstörung von Geschichte und Menschlichkeit gehört, aber auch deren revitalisierende Erinnerung.

Insofern erklärt es sich, dass die jüngste documenta das „Phantombewusstsein“ zweier räumlich weit entfernt voneinander liegender Orte beschwört – Kassel auf der einen, Kabul, Afghanistan, auf der anderen Seite. Auch dies vielleicht eine Erinnerung an den damaligen Gründungsgedanken der ersten documenta vor 57 Jahren: Es sollte eine Ausstellung sein, die Aufbauhilfe leistet für den daniederliegenden Geist. Mag dies in Kassel die Arbeit an der Geschichte beschreiben, im heutigen Kabul ist es mit Sicherheit eine Botschaft, die mitten ins Herz trifft.

Foto: Kunstwissenschaftlerin Juliane Gallo aus Kassel hielt kürzlich an der HOLA einen Einführungsvortrag zur documenta 13.

 


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