Fischadler „Simo“ aus Finnland im Main-Kinzig-Kreis verschollen

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Es war Freitag der 16. April um die Mittagszeit, als ein Anruf des NABU-Vogelschutz­zentrums Mössingen in Baden-Württemberg bei Sibylle Winkel, Vorstandssprecherin und Biologin beim NABU Kreisverband Main-Kinzig mit der Bitte um sofortige Unterstützung in einem Notfall einging. Der Hilferuf kam - vermittelt durch das NABU-Zentrum in Mössingen - von Prof. Pertti Saurola, einem finnischen Wissenschaftler und Ornithologen aus Helsinki.

Er teilte den deutschen Kollegen mit, dass einer seiner in Finnland mit einem Satellitensender versehenen Fischadler im Grenzgebiet von Unterfranken und dem Main-Kinzig-Kreis vermisst werde. Die letzte Positionsangabe des Senders endete am 10. April ca. 45 km östlich von Frankfurt. Die genaue Recherche verdichtete das letzte Lebenszeichen des Fischadlers auf einen Ortsteil von Biebergemünd, unweit der bayerischen Grenze im Bereich mehrerer Fischteichanlagen. Prof. Saurola vermutete, dass der Fischadler auf dem Frühjahrszug zurück in sein Brutgebiet nach Finnland bei der Nahrungssuche in oder an einem Fischteich zu Tode kam.

Keine unbegründete Vermutung, denn bereits im Jahr 2008 berichtet das hessische Umweltminis­terium in der Broschüre Natura 2000 praktisch „Artenschutz in und an Gewässern“, dass fast alljähr­lich durchziehende Fischadler in Hessen verunglücken. Für den Fischadler, der Fische im Sturzflug erbeutet, können vor allem Drahtüberspannungen zur tödlichen Falle werden. Diese Überspannun­gen sollen die Fische eigentlich vor Beutegreifern wie Graureiher oder Kormoran schützen. Nicht selten verheddern sich aber auch seltene und bedrohte Vogelarten wie Schwarzstörche und Fischadler in den Überspannungen. Wenn die Tiere sich beim Beuteflug in den Schnüren verfangen, ertrinken sie meistens. Nur wenige Tiere können unverletzt geborgen werden.

„Leider erreichte der finnische Hilferuf die deutschen Ornithologen in der NABU-Station Mössingen erst am 16. April, also mehrere Tage nach dem vermuteten Tod des jungen artgeschützten Adlers“, bedauert Biologin Winkel. Obwohl gleich ein Team des NABU die Flächen rund um die letzte Ortung gründlich absuchte, konnten weder ein Kadaver noch Federn oder sonstige Reste eines toten Fischadlers gefunden werden. Auch der sehr teure Satellitensender – Exemplare dieser Art kosten nicht selten mehrere tausend Euro - war nicht mehr am Ort der letzten Peilung aufzufinden. Ebenso ergebnislos verliefen Anfragen bei den Tierauffang­stationen im näheren und weiteren Umfeld.

So muss mit keiner geringen Wahrscheinlichkeit von „Simos“ Tod ausgegangen werden, auch wenn die Todesumstände im Dunkeln bleiben. Grund genug, um „Anzeige gegen Unbe­kannt“ zu stellen. „Es wäre besser, wenn wir die Sache aufklären könnten und zumindest der teure Sender wieder aufgefun­den und nach Finnland zurückgeschickt werden könnte, erläutert Biologin Winkel. „Besser und sinnvoller als alle Strafanzeigen wäre es allerdings, wenn bei hessischen Fischteich­anlagen künftig Fisch­adler-freundliche Bespannungen verwendet würden“, ergänzt der Biologe und Vogelexperte Bernd Petri vom NABU Landesverband. Das hessische Umweltministerium hat bereits 2008 den Weg dazu beschrieben: So empfiehlt die Broschüre Natura 2000 praktisch „Artenschutz in und an Gewässern“ des Umweltministeriums, an der auch die Staatliche Vogelschutzwarte in Frankfurt mitgearbeitet hat, dass Drahtüberspannungen optisch auffällig und für Fischadler gut erkennbar sein sollten. „Vor dem dunklen Hintergrund der Gewässer sind weiße Schnüre zu empfehlen. Weiß wird von den Vögeln als Signalfarbe erkannt. Empfohlen wird auch, kleine Teilflächen des Teiches nicht zu überspannen, um gefangenen Vögeln die Möglichkeit zur Flucht zu geben“, erläutert Bernd Petri.

„Die Umrüstung so mancher Teichanlage könnte viel bewirken und die Ausbreitung der Fisch­adler erleichtern. Aktuell brüten keine Fischadler in Hessen, seit die Art hier vor über 100 Jahren ausgerottet wurde“, bedauert Sibylle Winkel. Das letzte hessische Exemplar fiel 1910 als „Fischschädling“ der Jagd zum Opfer. „Aller­dings könnte die Situation in wenigen Jahren besser werden“, hofft Dr. Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen (Baden-Württemberg). „Die wachsenden Populationen in benach­barten Bundesländern - vor allem in Bayern und in Nordost­deutschland – könnten dafür sorgen, dass es auch wieder Brutversuche in Hessen geben kann.“

„Aktuell ziehen jährlich 100 bis 200 Exem­plare auf dem Weg zu Ihren Sommerquartieren durch Hessen, Tendenz steigend. Auch „Übersom­merer“ werden immer wieder beobachtet, allerdings bislang ohne zu brüten“, ergänzt Biologe Petri. Heiße Kandidaten für Hessens erste Fischadler-Brut sind unter anderem die „Mooser Teiche“ im südlichen Vogelsberg. Hier sind bereits mehrere kleine und auch größere Teichanlagen im Eigentum des NABU und stehen als Habitate für den Fischadler bereit – mit reichlich Fischen und komplett ohne Überspannun­gen. Biologin Sibylle Winkel vom NABU MKK appelliert dringend an alle Eigentümer von Fischteichen mit Überspannungen, diese kritisch zu überprüfen und im Hinblick auf Fischadler zu entschärfen. „Wenn eines der aktuell 700 Brutpaare in Ostdeutschland und 20 Brutpaare in Bayern den Weg nach Hessen findet, sollen die interessanten und schönen Tiere nicht in Netze geraten.“


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