AIDS in Hessen: 88 Prozent kennen ihre Diagnose

Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD).

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Kurz vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember haben sich in Frankfurt Fachkreise und Betroffene zur Aidshilfe-Tagung „Ziele der HIV-Prävention in Hessen“ getroffen.

„Dass in Hessen nur 88 Prozent der Aids-Erkrankten ihre Diagnose kennen, müssen wir ändern“, betonte Kai Klose (Grüne), Hessischer Minister für Soziales und Integration. Ihm wurde eine Studie übergeben, in der zwei Forscher der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in den vergangenen zwei Jahren die HIV-Lage zur Prävention und Versorgung in Hessen beleuchten. „Das Amt für Gesundheit und Gefahrenabwehr des Main-Kinzig-Kreises war ebenfalls vertreten und unterstützt die Botschaften der Organisatoren“, sagt Erste Kreisbeigeordnete und Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler (SPD).

Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts leben in Hessen rund 6.900 Personen (Deutschland: mehr als 90.000 Personen, BZgA) mit HIV. Die Abkürzung steht für „human immunodeficiency virus“: menschliches Immunschwäche-Virus. Da 12 Prozent nichts von ihrer Infektion wissen, werden sie nicht medizinisch behandelt und können das Virus unwissentlich weitergeben. So kommt es, dass bei vielen Infizierten bei ihrer späten Diagnose eine Immunschwäche bereits weit fortgeschritten ist. Im Endstadium einer HIV-Infektion entwickeln Patienten Aids, „acquired immune deficiency syndrome“: erworbenes Immunschwäche-Syndrom.

„Ohne Behandlung schädigt das Virus die Abwehrkräfte des Körpers. So können sich andere Erreger ausbreiten und zu schweren Erkrankungen mit tödlichem Ende führen“, erläutert Dr. Lenz, Leiter des Amts für Gesundheit und Gefahrenabwehr. Allein 2021 sind laut der World Health Organization (WHO) rund 650.000 Menschen im Zusammenhang mit HIV gestorben (2020 in Deutschland: 380). Suki Beavers vom Globalen Zentrum UNAIDS (gemeinsames Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von HIV/Aids) fasste auf dem Symposium zusammen: „Durchschnittlich jede Minute stirbt eine Person auf der Welt an Aids.“ Vergangenes Jahr hätten sich weltweit 1,5 Millionen Menschen neu infiziert. In Deutschland sei die medizinische Lage vergleichsweise sehr gut.

Sowohl Tagungsteilnehmer als auch Betroffene berichteten jedoch von Beispielen, in denen Erkrankte zwar früh mit Symptomen zum Arzt gegangen seien, aber keiner der Beteiligten auf die Idee kam, einen Aids-Test zu machen und es bis zur richtigen Diagnose Jahre dauerte. Erschwerend kommt hinzu, dass es nach einer Infektion Monate bis Jahre dauern kann, bis die Symptome deutlich erkennbar werden. Krankheitszeichen wie Abgeschlagenheit, Durchfall oder Lymphknotenschwellungen werden öfters einem grippalen Infekt zugeschrieben.

Das HIV-Virus wurde erstmals 1959 nachgewiesen und stammt von einer Virusgruppe, die bei einigen Affen und Menschenaffen vorkommt. Wahrscheinlich wurde es über Blut auf den Menschen übertragen und mutierte zum HIV. HIV wird vor allem beim ungeschützten Geschlechtsverkehr (mit Nicht-Therapierten) und durch Spritzen beim Drogenkonsum übertragen, nicht jedoch im Alltag. „HIV war in Alltagssituationen wie etwa der gemeinsamen Nutzung von Gegenständen oder Räumen, Berührungen oder über die Luft, weil jemand hustet, noch nie übertragbar“, betont Florian Beger, Geschäftsführer der Aidshilfe Hessen. Menschen mit hohem HIV-Risiko können vorbeugend ein Medikament einnehmen, um sich nicht anzustecken (PrEP: Prä-Expositions-Prophylaxe). Auch nach einem Risiko-Kontakt können vorbeugend vier Wochen lang HIV-Medikamente eingenommen werden, denn mit einem Labortest lässt sich eine Infektion erst ein paar Wochen nach dem letzten Risikokontakt ausschließen. Seit 2018 ist in Deutschland der Verkauf von HIV-Selbsttests legal. Sie werden u.a. in Apotheken, Drogerien oder lokalen Aidshilfen vertrieben.

Eine HIV-Infektion ist zwar noch nicht heilbar, aber heute mit einer Tablette täglich gut behandelbar. Durch die Medikamente haben die Betroffenen eine normale Lebenserwartung und „die vorhandene Viruslast wird so stark reduziert, dass HIV-positive Menschen in Therapie auch in den wenigen Situationen, die früher ein Risiko darstellten, nicht mehr als infektiös gelten. Auch beim Sex kann dann keine Ansteckung mehr erfolgen“, so Beger. Die antiretroviralen Medikamente können zwar weder die Viren entfernen noch das Immunsystem völlig wiederherstellen, allerdings unterdrücken sie die HIV-Vermehrung und sind umso wirksamer, je früher sie im Krankheitsverlauf eingesetzt werden. Ohne diese Medikamente könnte es auch in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen zu einer Übertragung auf das Kind kommen. Prof. Dr. Daniel Deimel, der gemeinsam mit Prof. Dr. Thorsten Köhler das Forschungskonzept für Hessen entwickelt hat, berechnet die Kosten eines HIV-Patienten pro Jahr auf rund 23.300 Euro. „Prävention ist also nicht nur aus sozialen Gründen wichtig, sondern hat auch eine gesundheitsökonomische Relevanz“, betonte der Professor für Klinische Sozialarbeit.

Nach mehreren Workshops und einer abschließenden Podiumsdiskussion kristallisierte sich bei den Tagungsteilnehmern aus dem Gesundheitswesen, der Aids-Beratung und Betroffenen das Ziel eines Landesaktionsplans heraus, der die 19 Handlungsempfehlungen der Studie aufgreifen soll. Das Erreichen der UNAIDS-Ziele ist bereits Teil des Koalitionsvertrags zwischen CDU und Grünen in Hessen, die sich mit der Formel 95-95-95-0 zusammenfassen lassen. Diese besagt, dass bis 2030 95 Prozent aller HIV-Positiven von ihrer Infektion wissen und 95 Prozent davon sich in einer antiretroviralen Therapie befinden sollen, sodass wiederum bei 95 Prozent der Behandelten die Virenlast unter der Nachweisgrenze liegt. Die Null steht für null Stigmatisierung. „Auch der Main-Kinzig-Kreis wendet sich entschieden gegen jede Form der Diskriminierung oder Kriminalisierung von HIV-Positiven“, betont Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler.

Für Fachpersonal aus dem Gesundheitswesen stellte Carsten Gehrig, Fachbereichsleiter Psychosoziales und Prävention von der Aidshilfe Frankfurt, das „Netzwerk Plus“ vor: Unter diesem Label werden Fortbildungsmodule zu Aids angeboten. Das Basismodul ist bereits von der Landesärztekammer Hessen zertifiziert und wird mit Fortbildungspunkten honoriert. Patienten wiederum können am Label erkennen, dass sich Ärzte zum HIV-Virus weiterqualifiziert haben.

Mehr Informationen, Beratung und Spendenmöglichkeiten unter www.aidshilfe-hanau.de, www.aidshilfe.de, www.welt-aids-tag.de, www.aids-stifung.de. Die Weiterbildungsmodule für Ärzte oder medizinisches/pflegerisches Personal werden unter http://www.netzwerk-plus.de vorgestellt. Die Studie zum HIV-Umsetzungsstand und Entwicklungsbedarf in Hessen ist unter www.pabst-publishers.com erwerbbar. Teststellen listet die Aidshilfe unter www.aidhilfe.de/teststellen auf.


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