Die Erste Kreisbeigeordnete und Bildungsdezernentin Susanne Simmler sowie Schuldezernent Matthias Zach stellten vor einigen Tagen im Bildungshaus gemeinsam mit dem Geschäftsführer der kreiseigenen Bildungspartner Main-Kinzig (BiP), Horst Günther, das Angebot eines Projekttages „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“ vor, das die kreiseigene BiP zusammen mit dem Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge entwickelte.
Die Bildungsreferentin des Landesverbands, Anna Turré, und der Fachbereichsleiter Gesellschaft der BiP, Alexander Wicker, die gemeinsam den Projekttag konzipierten, waren ebenfalls dabei, als Susanne Simmler das Angebot für Klassen ab Jahrgangsstufe 9 mit einer besonderen Empfehlung verband: „Hier haben wir ein bedrückendes Stück Regionalgeschichte, aus dem man viel für unsere Zeit und die Zukunft lernen kann. Ich hoffe, dass möglichst viele Schulen aus unserem Kreis dieses Angebot wahrnehmen.“
Der Projekttag zum Thema Zwangsarbeit umfasst mehrere Module. Noch zu wenig bekannt, lief im März 1945 ein Todesmarsch von Häftlingen des Frankfurter Konzentrationslagers „Katzbach“ in den Adlerwerken entlang der heutigen A 66 durch das Kinzigtal bis Hünfeld, von wo aus die Überlebenden des Marsches mit dem Zug in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurden. Auf der Kriegsgräberstätte in Schlüchtern liegen einige der während des Marsches umgekommenen Häftlinge. Für diese räumliche Nähe zu den Verbrechen des NS-Regimes sowie für das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus möchten die Initiatoren die Schülerinnen und Schüler mit Quellenmaterial und Fundstücken wie Arbeitskarten von Zwangsarbeiterinnen sensibilisieren. Im weiteren Verlauf des Seminars wird der Film „Zwei Balkone“ von Andrzej Falber mit den Schülern angeschaut und besprochen. In dem Film, der von der Frankfurter Wilhelm, Heinrich, Otto-Claudy-Stiftung unter der Leitung von Friedrich Radenbach zur Verfügung gestellt wurde, kommen mehrere ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers „Katzbach“ zu Wort.
Der hauptamtliche Kreisbeigeordnete und Schuldezernent Matthias Zach zeigte sich ebenfalls überzeugt, dass die weiterführenden Schulen im Main-Kinzig-Kreis mit dem Projekttag ihren Geschichts- und PoWi-Unterricht bereichern können: „Dass sich solch schreckliche Ereignisse hier in der unmittelbaren Lebensumgebung der Jugendlichen vor nicht einmal 70 Jahren abgespielt haben, ist vielen sicher nicht bekannt. Mit diesem realen Bezug zur Region und Heimat ist Geschichte greifbar und ich hoffe, dass darüber die Erkenntnis wächst, dass sich solche Ereignisse nie mehr wiederholen und nie wieder so leicht Verführungen stattfinden können.“
Einige Interessenten gibt es bereits. Noch vor den Ferien war es sogar recht kurzfristig möglich, den Projekttag an der Friedrich-August-Genth-Schule in Wächtersbach mit zwei zehnten Klassen durchzuführen. Auch das Grimmelshausen-Gymnasium Gelnhausen war aus diesem Anlass schon zu Gast im Bildungshaus. „Es freut uns sehr, dass wir so intensiv mit der Bildungspartner Main-Kinzig kooperieren. Unsere pädagogische Arbeit, die Kriegsgräberstätten als vielfältige Lernorte versteht, bildet die Grundlage für stets neue Formate, die wir gemeinsam für junge Menschen hier im Main-Kinzig-Kreis entwickeln“, betont Anna Turré. Hinzu kommen regelmäßige Angebote für pädagogische Fachkräfte, die so in die Lage versetzt werden, regionalgeschichtliche Aspekte in ihrem beruflichen Kontext als Lehrerin oder Erzieher aufzugreifen und Projekte durchzuführen. BiP-Geschäftsführer Horst Günther schätzt die Zusammenarbeit mit dem Volksbund sehr: „Auch in unserer erfolgreichen Reihe ‘studium generale‘, das sich im nächsten Halbjahr mit Erinnerungskulturen beschäftigen wird, beteiligt sich der Volksbund an drei Veranstaltungen. Ein verlässlicher Partner, mit dem wir seit langem, aber auch immer wieder neu sehr gerne verbunden sind.“
Der Volksbund, 1919 in Folge des Ersten Weltkrieges gegründet, ist in Hessen seit rund zwanzig Jahren neben der „klassischen“ Fürsorgearbeit in Form der Erfassung, Bestattung und Erhaltung der Gräber von Kriegstoten und der Benachrichtigung von Angehörigen, auch regional aktiv: Ausgewählte Kriegsgräberstätten werden historisch erforscht und die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Gräber und die damit verbundenen individuellen Geschichten, die sie erzählen, sind Ausgangspunkt für die Bildungsarbeit des Landesverbands. Die Zuständigkeit für die Kriegsgräber im Inland haben die Kommunen; nur im Ausland übernimmt der Volksbund im Auftrag der Bundesregierung diese Aufgabe. Die Gedenkstättenarbeit auf und mit Kriegsgräberstätten leitet sich aus dem gesetzlichen Auftrag ab, für die Folgen von Krieg und Gewalt zu sensibilisieren. Zu diesem Zweck veranstaltet der Volksbund über die regionalen Angebote hinaus internationale Jugendbegegnungen und unterhält vier Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten für friedenspädagogische Projekte.
Alexander Wicker, Fachbereichsleiter der BiP, der die halbtägigen Workshops auch koordiniert, freut sich vor allem über die Resonanz der Schülerinnen und Schüler: „Interessierte und neugierige Nachfragen sind die besten Anzeichen dafür, dass der Projekttag gut ankommt. Wir machen die Erfahrung, dass die Jugendlichen das große Ganze, die nationalsozialistische Diktatur und ihre Verbrechen am besten einzuordnen lernen, wenn wir sie mit den Details bekannt machen, die hier, an ihren Wohnorten, in ihren Straßen passiert sind. Der Anschluss an das im Unterricht Gelernte gelingt so meistens sehr gut.“ Interessierte Schulen können sich per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bei Alexander Wicker melden.
Foto: BIP und Volksbund präsentieren ein Bildungsangebot zum Thema Zwangsarbeit und Todesmarsch, v.l.: Horst Günther, Alexander Wicker, Anna Turré und Susanne Simmler sowie Matthias Zach.
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