Brüder Grimm Festspiele Hanau: Premiere von „Romeo und Julia“

Fotos: Brüder Grimm Festspiele, Hendrik Nix

Theater
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Sie ist inzwischen als Bestandteil der Brüder Grimm Festspiele Hanau nicht mehr wegzudenken: Die Klassiker-Reihe „Grimms Zeitgenossen“. In diesem Rahmen sah das Hanauer Publikum unter anderem bereits „Maria Stuart“, „Der zerbrochene Krug“ und „Faust“ – in diesem Jahr steht William Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ auf dem Programm. Die Premiere am vergangenen Samstag war zwar verregnet, doch taten die Wetterkapriolen der guten Stimmung im zu etwa zwei Drittel gefüllten Amphitheater keinen Abbruch. Das Publikum quittierte die Inszenierung mit viel Szenenapplaus und belohnte das Ensemble am Ende mit langanhaltendem Beifall und stehenden Ovationen.



Intendant Frank-Lorenz Engel stand trotz der ganz normalen Premierenanspannung die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Während der Proben für „Romeo und Julia“ hatten zahlreiche Krankheitsfälle im Ensemble für Turbulenzen gesorgt. Dass sich trotzdem planmäßig der Vorhang für eine der berühmtesten Liebesgeschichten der Welt heben konnte, verdanke er einem tollen Team, das konzentriert und engagiert gearbeitet habe, so Engel. Dafür sei er sehr dankbar. Der Leiter der Festspiele führte nicht nur Regie, sondern bearbeitete den Text nach der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel auch selbst. Das Motto der Jubiläumsspielzeit lautet „Hoffnung“, und in diese Logik fügt sich auch die Inszenierung des Klassikers von William Shakespeare ein: Romeo und Julia sind mit der Fehde aufgewachsen, die ihre beiden Familien seit Generationen erbittert führen. Ihre junge und unschuldige Liebe aber, so hoffen die beiden, wird diesen Streit beenden und für Versöhnung sorgen. Diese Hoffnung erfüllt sich bekanntlich nicht.

Die Montagues tragen blau. Wer Capulet heißt, kleidet sich rot. Die farbliche Trennung macht es für den Zuschauer leicht, sich zu orientieren und setzt direkt in der Auftaktszene einen kräftigen Akzent. Das Bühnenbild (Hans Winkler) kommt mit einer schlichten mediterranen Steinoptik in Grautönen aus und stellt den ruhigen Hintergrund des Marktplatzes, auf dem sich alles abspielt. Auch auf üppige Ausstattungsstücke wird verzichtet: Julias Himmelbett skizziert ihr Schlafgemach, einfache Stühle und ein Holzgestell zum Trocknen der Kräuter deuten die Klause von Ordensbruder Lorenzo (Christopher Krieg) an. Madame Destina, die Stimme des Schicksals (Johanna Haas), übernimmt zunächst die Rolle einer Erzählerin und führt in die Geschichte ein; alle anderen Darsteller intonieren als Hintergrundchor „Junge Liebe“ – die Zuschauer erleben ihren ersten Gänsehautmoment. Die erste Szene beginnt mit scheinbarer Leichtigkeit: Jeweils zwei Diener der verfeindeten Häuser begegnen sich und zetteln über eine Nichtigkeit einen Streit an. Doch während das Publikum noch darüber schmunzelt, dass auch eine Salami als Hiebwaffe dienen kann, wird schnell klar: Das hier ist ein Pulverfass! Im Nu kommen Mitglieder beider Seiten dazu, der Degen sitzt bei allen locker, und ruckzuck kreuzen sich die Klingen. Erst als Fürst Escalus (Dieter Gring) erscheint, geben die Kampfhähne auf. Das Stadtoberhaupt ist sichtlich genervt von dem Dauerzwist („Drei Bürgerkriege habt Ihr angezettelt!“) und versucht, offensichtlich nicht zum ersten Mal, die Gegner zur Vernunft zu bringen.

Danach lernen die Zuschauer Romeo (Nils Thalmann) kennen, einen freundlichen jungen Mann, frisch verliebt in ein Mädchen, das sein Leben allerdings Gott weihen will. Um ihn von seinem Liebesleid abzulenken, nehmen seine Freunde Mercutio (Adrian Djokic) und Benvolio (Benedikt Selzner) ihn mit auf ein großes Fest – im Hause der Capulets. Masken schützen die drei vor Entdeckung. Auf diesem Fest soll Julia (Magdalena Lehnen) auch ihren künftigen Mann Graf Paris (Tim Taucher) kennenlernen – Julias Eltern halten ihn für eine gute Partie und wollen die Heirat vorantreiben. Natürlich kommt es anders: Julia und Romeo verlieben sich stattdessen ineinander. Ausgerechnet. Die Ballszene, die gewissermaßen den Auftakt für das verhängnisvolle Geschehen bildet, ist durch ihre Opulenz in den Kostümen (Kostümbild: Kerstin Laackmann und Anke Küper), durch eine sinnliche Choreographie (Soufjan Ibrahim) und den musikalischen Rahmen (Komposition: Valentin von Lindenau) mit starkem Live-Gesang etwas Besonderes. Die junge, unschuldige Liebe, die knisternde Spannung, der unterschwellige Hass und die Ahnung, dass das kein gutes Ende nehmen wird, sind hier eingefangen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Die jungen Liebenden, die sich von der familiären Situation nicht fremdbestimmen lassen wollen, beschließen, zu heiraten. Dieser Dialog am wohl berühmtesten Balkon der Weltliteratur zeigt die jugendliche Unschuld der beiden in allen Facetten, ihre süße Verliebtheit, die Verwirrung darüber und die Hoffnung, am Ende werde alles gut. Um ihre Hochzeitspläne in die Tat umzusetzen, ziehen beide Verbündete ins Vertrauen: Julias Amme (Barbara Seeliger) fungiert als Botin, Bruder Lorenzo traut in seiner Kirche die Liebenden.

Die nächste Konfrontation der beiden verfehdeten Familien lässt indes nicht lange auf sich warten: Romeo und seine Freunde treffen auf Tybalt, Julias Vetter (Dominik Penschek). Tybalt provoziert, Romeo beschwichtigt, doch der hitzköpfige Mercutio lässt sich reizen. Im Duell wird Mercutio tödlich verletzt – darauf hält es auch den friedliebenden Romeo nicht mehr. Er kämpft mit Tybalt und ersticht ihn. Die Situation gerät völlig außer Kontrolle, Romeo flieht. Fürst Escalus, der ihn zum Tode hätte verurteilen können, zeigt sich milde und spricht „nur“ die Verbannung aus. Durch die Hilfe von Amme und Mönch können Julia und Romeo wenigstens eine Nacht als Eheleute miteinander verbringen – als der Morgen graut („Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“) schleicht sich Romeo aus dem Haus und verlässt gerade noch rechtzeitig die Stadt.

Julias Eltern, die von der Verheiratung ihrer Tochter nichts ahnen, treiben die Hochzeitspläne mit Graf Paris voran – Julia wehrt sich dagegen; es gibt eine heftige Auseinandersetzung mit Lord (Stefan Bürgi) und Lady (Sophie Göbel) Capulet, an deren Ende sie ihre Tochter verstoßen. Verzweifelt bittet Julia Bruder Lorenzo um Hilfe. Er rät ihr, zum Schein ihren Eltern zuzustimmen und gibt dem Mädchen ein Fläschchen mit einer Substanz mit, die sie für zwei Tage in eine Art Totenschlaf versetzen wird. Lorenzo will in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass Romeo und er selbst in der Familiengruft der Capulets sein werden, wenn sie aus diesem Zustand erwacht. Julia tut wie ihr geheißen, die Verzweiflung aller ist groß, als sie das vermeintlich tote Mädchen am Morgen ihrer geplanten Hochzeit mit Graf Paris entdecken.

Bis hierhin scheint es also ganz nach Plan zu laufen, doch dann geht alles schief: Romeo erhält die Nachricht von Julias Tod und eilt in die Gruft, um sich an der Seite seiner Liebsten ebenfalls das Leben zu nehmen – Lorenzos Schreiben mit dem eigentlichen Plan hat ihn nie erreicht. In der Gruft trifft er auf Paris, den er in einem weiteren Streit ersticht. Schließlich schluckt Romeo, voller Verzweiflung über den Tod seiner großen Liebe, Gift und stirbt. Julia erwacht kurz darauf wie geplant, sieht den toten Romeo neben sich und setzt auch ihrem Leben, das ihr nicht mehr lebenswert scheint, ein Ende. Erst über dem Grab ihrer Kinder reichen sich die Familienoberhäupter der Montagues und der Capulets die Hände und schließen Frieden. Viel zu spät: Der verbohrte Hass hat viel zu viele unnötige Opfer gefordert. Das Thema ist leider so aktuell wie vor 400 Jahren und begegnet uns heute in all seinen Facetten.

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Begegnung mit Folgen: Auf dem Ball der Capulets sehen Romeo und Julia sich zum ersten Mal und verlieben sich ineinander.

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Die beiden Liebenden wollen den Hass ihrer Familien überwinden und schmieden Zukunftspläne.

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Die Degen sitzen locker bei den Mitgliedern beider Familien – die Kampfszenen, choreographiert von Dörte Jensen, haben Tempo.

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Die Stimme des Schicksals führt durch das Stück.

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Rot und Blau, Liebe und Hass: Das Ensemble von „Romeo und Julia“.

Fotos: Brüder Grimm Festspiele, Hendrik Nix


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