Brüder Grimm Festspiele: Umjubelte Premiere von „Sterntaler“

Foto: Brüder Grimm Festspiele, Hendrik Nix

Theater
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Im Märchen „Sterntaler“ der Brüder Grimm geht es um ein Waisenkind – bettelarm, aber herzensgut. Die paar Dinge, die es sein Eigen nennen kann, schenkt es Menschen, die sie dringend benötigen. Dazu gehört das letzte Stück trockenes Brot für einen alten Mann, der Hunger leidet, Mütze, Kleid und Hemd, die das Mädchen frierenden Kindern schenkt. Für diese selbstlosen Taten regnet es schließlich Sterne vom Himmel, die sich in Taler verwandeln. Das Mädchen sammelt sie auf und kann ein sorgenfreies Leben führen.



Von Britta Hoffmann-Mumme

Die Inszenierung „Sterntaler“, die am Samstag im Hanauer Amphitheater ihre Uraufführung hatte, gibt dem Märchen eine komplett andere Interpretation und stellt Wünsche in den Mittelpunkt. Das Publikum nahm diese Geschichte begeistert auf und belohnte das Ensemble mit jeder Menge Szenenapplaus, frenetischem Beifall und stehenden Ovationen am Ende. Sichtlich bewegt: Hauptdarstellerin Rosa Alice Abruscato, die mit der Rolle der Mina ihr Bühnendebüt nach der Schauspielausbildung gibt.

Freundlicherweise zeigte der Wettergott eine Spur von Mitleid: Nach einem Tag mit Dauerregen brach sich die Sonne pünktlich zur Premiere um 19.30 Uhr Bahn und sorgte für zusätzlich gute Stimmung im fast vollbesetzten Amphitheater. Intendant Frank-Lorenz Engel strahlte bereits vor Beginn und machte aus seiner Begeisterung für „Sterntaler“ keinen Hehl: „Phantaphorisch“ sei es – übrigens ein Begriff, der sich durch das Stück zieht. Er verbinde, so Engel, „phantastisch“ und „euphorisch“ und stehe dafür, wenn man etwas so phantastisch finde, dass man vor Euphorie überschäumen möchte. Große Erwartungen also an das Ensemble. Dies begann denn auch direkt mit augenzwinkernder Tiefstapelei: Die Geschichte sei zum einen sehr kurz („Eigentlich können Sie direkt wieder nach Hause gehen“) und dazu auch noch sehr traurig, also nichts, was dem Publikum Freude mache. Verpackt in ein Lied („Es wird traurig und auch trist, dass es kaum noch auszuhalten ist“) wird die Vorgeschichte des Mädchens Mina (Rosa Alice Abruscato) erzählt. Dabei kommen auf der ansonsten komplett in grau gehaltene Bühne und Ausstattung (Bühnenbild: Hans Winkler) immer mehr Farbflecke dazu –sie stehen für eine rundum glückliche und liebevolle Familie, in der Geschichten erzählen, knuddeln und Wackelpudding einfach dazugehören. Minas Eltern Fanni (Sophie Göbel) und Arthur (Marius Schneider) sind Sternenforscher und beschäftigen sich unter anderem mit sogenannten „Sterntalern“, also Sternen, die auf die Erde fallen und den Menschen ihren größten Wunsch erfüllen. Das Problem: Bedingt durch Alltag, Stress, Anonymität der Großstadt und Sorgen ums Überleben verlieren sie ihre Kraft. Den Zuschauern begegnet dieses Thema im Laufe des Stückes immer wieder: Die Sterne werden von den Schauspielern mit blinkenden Taschenlampen angedeutet, begleitet von einer eingängigen Melodie – und dem Begriff „phantaphorisch“. Das Lied „Und für einen Moment…“ ertönt immer dann, wenn Mina, wie im Original, selbstlos ihr Hab und Gut an jemanden Bedürftigen verschenkt.

Als der Geheimbund von Sternenforschern, dem Fanni und Arthur angehören, zu einem eiligen Treffen ruft, müssen die beiden Mina in die Obhut ihrer griesgrämigen Tanten Ernestine und Hedwig Knoblauch (Barbara Seeliger und Johanna Haas) geben. Die zwei sind in jüngeren Jahren einem Betrüger aufgesessen, haben das Familienvermögen aus einer Sauerkrautkonservenfabrik durchgebracht (auch das Lied „Zirkusclown und Sauerkraut“ sorgt am Premierenabend für Szenenapplaus) und sind verarmt. Über die Babysitteraufgabe ist das sauertöpfische Duo wenig begeistert, und auch Mina hofft auf eine schnelle Rückkehr ihrer Eltern. Ein Brief der Eisenbahngesellschaft, mit der die beiden unterwegs waren, klingt allerdings zunächst katastrophal: Der Polarexpress sei verunglückt, und es gebe keine Überlebenden. Die Tanten nutzen die Gelegenheit und setzen die arme Mina kurzerhand vor die Tür. Das Mädchen ist indes überzeugt, dass ihre Eltern noch am Leben sind und macht sich auf den Weg zu ihnen – immer in Richtung Polarstern.

Regisseur Jan Radermacher, der gemeinsam mit Timo Riegelsberger auch Buch und Komposition geschrieben hat, hat die beiden Handlungsorte, also Minas Erlebnisse in der großen Stadt und die abenteuerliche Reise ihrer Eltern, auf zwei Ebenen angesiedelt. Während die Stadt auf der Hauptbühne steht, wird für die Geschehnisse rund um das Treffen des Geheimbundes im oberen Bühnenteil ein großes Fenster geöffnet. Mina erzählt unten, was ihren Eltern gerade passiert, während oben diese Szene gespielt wird. Auf diese Weise kann der Zuschauer beiden Handlungen folgen und erlebt abwechselnd temporeiche, phantasievolle Abenteuerszenen im Universum und die zum Teil bedrückenden Dinge, die Mina passieren. Die Stadt nämlich liegt unter einer ständigen Rauchwolke, verursacht von der Kerzenfabrik von Oswald Hammerwurf-Grütz (Stephan Bürgi). Er lässt sich von der Stadtgesellschaft als Wohltäter feiern, beutet aber in seiner Fabrik Waisen brutal aus – bedrückend die Szenen, in denen die Kinder am Fließband Kerzen herstellen müssen, von einem fiesen Aufseher malträtiert werden und in ständiger Angst vor Bestrafung leben. Bedrückend aber auch die Geschichte des kleinen Oswald selbst, der als Kind misshandelt wurde und sich zum Selbstschutz erst zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und später zum grausamen Tyrannen entwickelt hat. Optisch wird im Hanauer „Sterntaler“ das Ganze untermalt von grauen Arbeiterkluften und durchgehend grau-brauner Kleidung der gehetzten Bürger in der großen Stadt (Kostümbild: Kerstin Laackmann und Anke Küper), dazu ein Maskenbild, das Erschöpfung und Ausgezehrtheit zeigt (Wiebke Quenzel). Die Inszenierung arbeitet mit grauen Holzkisten in verschiedenen Größen (Aufschrift „Kerzen Grütz“), die gerollt, gestapelt und dadurch flexibel einsetzbar sind. Im oberen Bühnenteil deuten rauchende Backsteinschornsteine die Dächer der Stadt an. Ein schlichtes, sehr durchdachtes Konzept, das ohne Schischi auskommt. Ein großes Plus: Lieder und Choreographie (Musikalische Leitung: Joe Schmitz; Choreographie: Soufjan Ibrahim). Nicht wenige Zuschauer summten in der Pause die Songs aus der ersten Hälfte mit oder sangen Textzeilen. Zudem gelingt es dem kleinen Ensemble, durch die Vielzahl unterschiedlicher Rollen, in die alle im Laufe des Stückes schlüpfen, eine große Bandbreite von Charakteren darzustellen. Auch die Funktion des Erzählers übernimmt jeder mal. Das sorgt für Abwechslung und unterschiedliche Akzente.

Zurück zur Handlung: Auch Mina wird von Wachtmeister Butterbirne, einem Paragraphenreiter par excellence (Benedikt Selzner), festgenommen und in die Fabrik gebracht. Als er sie beim Geschichten erzählen erwischt, steckt Fabrikbesitzer Grütz sie ins „Loch“, also in den Kerker. Dort wird sie von dessen Mündel, dem freundlichen Fräulein Rosa (Larissa Grosenick), entdeckt, das die Fabrik erben soll, aber die Geschäftspraktiken ihres Onkels nicht gut heißt. Mit ihrer Hilfe und der des stummen Jungen „Kleiner Mittwoch“ (Fabian Baecker) gelingt Mina schließlich die Flucht. Die Schlussphase ist turbulent: Minas Tanten sind halsbrecherisch auf der Suche nach ihrer Nichte auf einem Motorrad unterwegs, Wachtmeister Butterbirne avanciert zum Superhelden, Minas Eltern kämpfen im Universum ums Überleben, und der von allen gefürchtete „Nachtmahr“, der die Sterntaler verschlingt und den Menschen Kälte und Furcht bringt, ist auf dem Vormarsch. Dann gibt es aber noch einen ganz stillen Moment, in dem Mina den Weg zu ihren Eltern sucht, ihn aber nicht findet – die Rauchglocke über der Stadt verhindert es; sie kann den Polarstern nicht sehen. Hier also ist es, das bereits angekündigte „traurige Ende“: „Weil kein einziges Licht mehr brennt, bekommt Ihr heut kein Happy End“. Nur so viel sei verraten: Auch das Duo Radermacher/Riegelsberger hat trotz der ganz eigenen Interpretation der Geschichte ein gutes Ende in petto.

Viel Szenenapplaus und stehende Ovationen am Ende: Das Premierenpublikum sparte nicht mit Beifall. Nach der Vorstellung gab es von vielen Zuschauern zusätzliches Lob – einige Stimmen:

 „Einfach phantaphorisch.“ Ute Berné, Hanauer Urgestein.

„Ich hatte das Gefühl, ich kenne den Text der Lieder und könnte einfach mitsingen, so eingängig sind die.“ Melanie Fritz, Hanau

„Wirklich eindrucksvoll. Die Musik und die Lieder sind auf hohem Musicalniveau.“ Beate Funck (SPD), Stadtverordnetenvorsteherin

„Eine tolle Teamleistung. Das Ensemble strahlt so eine Spielfreude aus und ein harmonisches Miteinander. Das hat sich auf die Inszenierung übertragen.“ Dr. Maria Haas-Weber, Palliativmedizinerin, Hanau

„Ich liebe die Märchen der Brüder Grimm, auch die Geschichte der ‚Sterntaler‘. Aber diese Interpretation ist wirklich etwas Besonderes. Kompliment an alle Beteiligten.“ Margret Härtel (CDU), Hanauer Oberbürgermeisterin a.D.

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Die griesgrämigen Tanten Ernestine und Hedwig Knoblauch und Artur, Minas Vater.

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„Folge dem Polarstern“: Mama und Papa verabschieden sich von Mina.

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„Schneller, immer schneller“: Mina mit dem „kleinen Mittwoch“ auf der Flucht vor Wachtmeister Butterbirne.

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Der Geheimbund muss sich schnell etwas einfallen lassen.

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Bedrückend: Die Kinder in der Kerzenfabrik.

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Das Ensemble von „Sterntaler“.

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Geschichten, knuddeln und Wackelpudding: Eine glückliche Familie.

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Grau in grau: Die Menschen aus der großen Stadt.

Fotos: Brüder Grimm Festspiele, Hendrik Nix


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