„Bees Denäwe“ in Bad Orb: Ohne Strom und ohne Hochdeutsch

Gunter aus dem Publikum (Mitte) muss am Ende helfen und das Publikum dirigieren.

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Die Zugabe gibt´s gleich am Anfang: Mit „Tschüss, goodbye, auf Wiedersehen“ starten die beiden Mundartmusiker Klaus Lohr und Franz Offenbecher, besser gemeinsam bekannt als „Bees Denäwe“, den Samstagabend im Foyer der Bad Orber Konzerthalle – ohne elektronische Verstärkung, ohne Strom und ohne Hochdeutsch. Dafür mit einem dreistündigen Programm, das als Angriff auf die Lachmuskeln zu werten ist, zwischendurch mit einem Liebeslied, einem „verbalen Vorspiel uff Hessisch“ mit einer DIN-A-4-Seite voller Koseworte und der ein oder anderen Gesellschaftskritik aber auch hingebungsvolle bis ernstere Töne beinhaltet.



 Das Publikum feiert nach 23 Uhr mit standing ovations das Kultduo aus dem Ried, das schon in der Pause gleich mehrere Neuverträge für ihr Programm aus „Comedy, Kokolores und Scheißdreck“ (Lohr) hätte abschließen können.

„Ihr seid ja viel zu jung“, kalauert Lohr schon eingangs mit Blick auf die Gäste. Schließlich habe der Ortsname „Bad Orb“ dafür gesorgt, dass das Programm gleich „mit dem großen Finale“ starte, hätten die beiden Musiker doch damit gerechnet, dass das Publikum „80 plus ist und spätestens nach dem dritten Lied einschläft“. Entsprechend erschallen die „Zugabe“-Rufe auch schon um fünf nach acht, ebenso die Lobesworte des Sängers: „Ihr wart voll geil, ein supergeiles Publikum.“ Die Worte darf Lohr dann etwa drei Stunden später nochmals wiederholen, denn trotz seiner Prognose: „Ich hab gedacht, es wird keiner kommen. Ich bin das erste Mal in meinem Leben in Bad Orb“, ist es ein so großes Publikum, dass die Beschallung ohne Strom gerade eben reicht, um auch in den hinteren Reihen verstanden zu werden.

Wobei das mit dem „Verstehen“ ja ohnehin so ein Thema ist: Die beiden Musiker, die seit 38 Jahren zusammen auf der Bühne stehen, zelebrieren ihren Dialekt „ausm Ried“ regelrecht. Und auch, wenn er der Mundart im Orber Raum nicht ganz unähnlich ist: Um ein genaues Hinhören geht es an dem Abend nicht umhin. Für Lohr kein Problem: „Wenn ihr uns net versteht oder jemand aus dem Neubaugebiet kommt: Einfach reinrufe. Das kostet immer gleich viel, egal, ob wir übersetze, erkläre oder schwätze…“ Um das Reinkommen in den Dialekt den Gästen zu erleichtern, gibt es gleich nach dem grandiosen Finale und der Zugabe „Das Lied der verlorenen Wörter in brachialem südhessischem Slang“ – und dazu auch die Übersetzung ins Hochdeutsche. Nach „„Stoppelern, Kruschelern, Fuddlern und Hockelern“ wird da gefragt – Interaktion steht hoch im Kurs an dem Abend. Die in jedem Haushalt mindestens einmal vorkommende „Kruschtelschublad“ wird gefeiert, und was ein „Babbsack“ ist, gehört zum kleinen Einmaleins in ganz Hessen. „Warum wird net mehr Hessisch gebabbelt?“, fragt Lohr mit Bedauern, gäbe es doch „für ein und dieselbe Tätigkeit oft zehn verschiedene Wörter auf Dialekt“. Und die Sprache sei so filigran: „DudieDuddenetdohi“ (auf Hochdeutsch etwa: „Tu die Tüte nicht dorthin“) zum Beispiel. „Was für ein Klang“, so Lohr.

Von der Fülle all dieser Begrifflichkeiten zeugt das Programm der Musiker, die ihre selbstgeschriebenen Lieder mit allerlei (erfundenen) Anekdoten ergänzen – insbesondere dann, wenn Lohr wieder mal in seinem Liederheft die passenden Texte nicht findet und Offenbecher sich auf die Suche macht. Dann erzählt Lohr vom Handkäs, der im Schlafzimmer hinter der Bettwäsche vor sich hin „möppselt“ (was nicht mit „stinken“ gleichzusetzen ist!), von dem Stapel alter Plastiktüten im Keller, die „bei ebay bestimmt total hohe Erlöse bringen“, und davon, „Hausschuhfetischist“ und damit Sachverständiger zu sein. Oder darüber, wie er aufgefordert wurde, doch mal ein Lied „über bleede Leut“ zu schreiben – eine Aufgabe, die in dem Lied „So blöd“ mit 1.226 Strophen endete. Wie in der Kirche werden davon am Samstag aber nur die ersten fünf Strophen gesungen - und die letzte. „Franz, wie lang soll ich hier noch einen Scheißdreck erzählen“, wird der Ruf nach den Noten laut, denn bei aller Komik: Die musikalische Darbietung, mit der die beiden Musiker – Lohr mit Gitarre und Harp, Offenbecher mit Gitarre und Mandoline und beide mit all dem, was sich sonst noch zum Musizieren eignet - auf die Bühne treten, ist erstklassig.

Oder wie es der Sänger und Entertainer als Einleitung für den Song „Do you think it´s right or wrong, sing with me the Äbbelwoisong“ ausdrückt: „Heinz Schenk und Johnny Cash hätten Tränen in den Augen – der eine wegen der Musik, der andere wegen dem Text. Das ist bei uns wie beim Blauen Bock – nur in Farbe.“ Dazu ein Apfelwein, stilecht aus Bembel und Geripptem - der darf natürlich auch nicht fehlen an diesem Abend: Aus der Kelterei Stier herbeigekarrt, denn Moderatorin Andrea Euler weiß, dass ein Abend mit Bees Denäwe ohne Schoppen nicht vorstellbar ist. Was auch nicht fehlen darf: Stalljacke, Stallhose und Gummistiefel. Wobei die „Kittelschürz“ übergeworfen wird, wenn „Liebe uffm Land“ erklingt, orange Tücher bei „Warten auf Bhagwan“, die Bombelkapp und die Stallmütz´ nicht zu vergessen. Dass „wir bei uns dehaam keine Freunde mehr haben“, liegt an den Liedern „für Minderheiten“, mit denen gleichermaßen „Handyglotzer, Veganer und Katzenhasser“ durch den Kakao gezogen werden.

Der Absacker, „so banal, dass er noch net email einen Namen hat, sondern bei uns unter „e“ einsortiert ist – für ,Einfach e Lied´“, reißt schließlich alle mit: Das sinnfrei-mitreißende „Lallallaaa“  macht aus dem Publikum einen grölenden gemischten Chor, dem die Musiker ihren herzlichen Beifall zollen: Einfach dafür, „dass Sie es geschafft haben, uns den ganzen Abend zuzuhören. Das kann heute nicht mehr jeder.“ Für einige ist der Weg nach Hause im Anschluss noch weit: Sie haben eine lange Strecke auf sich genommen, um die Band zu hören: Aus dem Ried und dem Odenwald, auch aus der Wetterau sind Gäste da, einige kennen Lohr und Offenbecher schon weit mehr als 20 Jahre. Und können natürlich die Refrains mitsingen – während des Auftritts, aber auch noch auf dem Nachhauseweg.

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Links Franz Offenbecher, rechts Klaus Lohr.

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Gunter aus dem Publikum (Mitte) muss am Ende helfen und das Publikum dirigieren.


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