Brüder Grimm Festspiele starten mit "Die Gänsemagd“

Foto-Copyright: Brüder Grimm Festspiele / Hendrik Nix

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Bestes Premierenwetter, sehr gute Vorverkaufszahlen und ein volles Haus zum Start der Brüder Grimm Festspiele sorgten schon vor dem ersten Satz auf der Bühne für gute Stimmung bei allen Beteiligten. Was dann aber das Ensemble des Musicals „Die Gänsemagd“ in den darauffolgenden rund zwei Stunden zeigte, erzeugte pure Begeisterung: Tempo, Emotionen, Witz und dazu darstellerisches und musikalisches Können auf höchstem Niveau machten den Theaterabend zu einem Hochgenuss. Kein Wunder, dass es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen hielt, kaum, dass der letzte Ton verklungen war. Es feierte das gesamte Musical-Team frenetisch und mit stehenden Ovationen.



Von Britta Hoffmann-Mumme

45.382 war die Zahl des Abends: Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) hatte sie extra mitgebracht und verkündete sie mit Stolz. So viele Tickets seien bereits für die Festspiele verkauft worden – ein kleiner Rekord und der Grund für die ausgemacht gute Laune beim Stadtoberhaupt und bei Intendant Frank-Lorenz Engel. In seiner Begrüßung erinnerte Kaminsky daran, wie vor 40 Jahren die ersten Aufführungen im Schlosspark, getragen vom Enthusiasmus und der Vision einer kleinen Gruppe von Menschen, den Grundstein für den heutigen Erfolg gelegt hätten. Vor allem aber seien diejenigen immer überzeugt gewesen, dass es weitergehe mit den Festspielen – auch in schwierigen Zeiten. „Hoffen lohnt sich und Nicht-Hoffen bringt uns auch nicht weiter. Es tut uns gut, Hoffnung zu haben. Märchen geben uns Hoffnung, dass alles zum Besseren gewendet werden kann“, schlug der Oberbürgermeister den Bogen in die Gegenwart. Dass auch hier Schwierigkeiten überwunden werden müssen, davon konnte Festspielchef Engel ein Lied singen: Erst fünf Tage vor der Premiere sei für den erkrankten eigentlichen Darsteller des Königs, Dieter Gring, Schauspielkollege Hartmut Volle eingesprungen. Für diese Nachricht gab es spontanen Applaus des Publikums.

Der Inhalt des Märchens „Die Gänsemagd“ ist bekannt und schnell erzählt: Eine von Neid zerfressene Magd zwingt die Prinzessin, der sie dient, zum Rollentausch. Sie selbst entwickelt sich dann zu einer bösen Monarchin, die ihre Untertanen so schlecht behandelt wie sie es selbst erlebt hat. In der Hanauer Welturaufführung sind Prinzessin Rosa (begeisterte: Myriam Akhoundov) und Magd Alma (fabelhaft: Sandra Leitner) jedoch schon seit Kindertagen beste Freundinnen und damit per se ein Fehler im System – „Schwerblüter“, also Adlige, pflegen keinen Umgang mit dem gemeinen Volk, den „Leichtblütern“. Beide träumen von einem Leben voller Freiheit und Selbstbestimmung und leiden unter den Zwängen, die die Gesellschaft ihnen jeweils auferlegt. Der Satz „Wir hinterfragen das nicht“ steht symbolisch für das seit Jahrhunderten bestehende Rollensystem, in das sich alle so klaglos einfügen. Dass die beiden jungen Frauen es eben doch in Frage stellen, sorgt für Ärger. Rosa soll schnellstens verheiratet werden, so will es ihre Tante, die bösartige Königin Agatha (Charlotte Heinke). Selbstverständlich sucht sie selbst den passenden Kandidaten für ihre aufmüpfige Nichte aus: Prinz Theobald (charmant-jungenhaft: Florian Sigmund), dessen Vater (Hartmut Volle gewohnt souverän) seinen Sohn ebenfalls zügig unter die Haube bringen will.

An dieser Stelle ist es höchste Zeit für einen Hinweis auf das kongeniale Autorenduo Franziska Kuropka (Buch und Liedtexte) und Lukas Nimscheck (Komposition und Regie). Die Idee, aus den beiden jungen Frauen Freundinnen zu machen, erweist sich als großartiger Kunstgriff. Er eröffnet eine Fülle neuer Perspektiven und macht die Handlung emotional und zudem hochaktuell – Stichwort Selbstbestimmtheit und Rollendenken. Die Dialoge sind facettenreich, von witzig-ironisch bis tiefgründig, ebenso die Liedtexte. Kuropka hat damit vielschichtige Charaktere geschaffen, die von Nimscheck perfekt in Szene gesetzt werden – darstellerisch wie musikalisch. Nach der Premiere verrät der Musicalregisseur, der unter anderem als Sänger der Band „Deine Freunde“ sowie als Juror bei „The Voice Kids“ bekannt wurde, er sei froh und erleichtert, dass er „seine“ Charaktere nun loslassen könne, sie jetzt zeigen dürften, wer sie seien und was in ihnen stecke. Gefragt nach seiner Inspiration schmunzelt Nimscheck. „Meine Oma war heute in der Premiere. Sie hat gesagt ‚Du hast nie aufgehört zu spielen. Und Du hast alle immer verzaubert‘. Das ist meine Motivation, Menschen zu verzaubern.“ Das ist ihm in Hanau auf jeden Fall gelungen. Dazu trägt auch die mitreißende Choreographie von David Hartland bei – von der witzigen Einlage aus der Abteilung „Rhythmische Sportgymnastik“ mit Bändern bis zur „Boygroup“ der Bewerber um Rosas Hand machen seine Ideen Spaß. Sehr eindrucksvoll: Das tänzerische Spiel mit Leitern, die mal als Bett, mal als Gerüst und sogar als Galgen dienen. Übrigens: Seine Ideen bekommt der Brite an der frischen Luft – beim Spaziergang mit seinem Jack Russell-Terrier.

Doch nochmal kurz zurück zur Hanauer Handlung: Die drohende Verheiratung lässt die beiden Freundinnen einen Plan schmieden. Sie reisen zusammen zum Hof von Prinz Theobald und tauschen dort ihre Rollen. Alma darf das höfische Leben als „Prinzessin“ kennenlernen, und Rosa muss sich nicht mehr den lästigen Pflichten am Hof fügen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Das harte Leben als Magd bringt Rosa an ihre Grenzen, und Alma kann mit ihrer neuen Machtposition nicht umgehen. Sie schikaniert ihre Untergebenen – ganz so, wie sie und ihre Mutter (mit starker Bühnenpräsenz: Mona Graw) es immer erlebt haben. Natürlich knallt es irgendwann heftig zwischen den Freundinnen, es scheint, als hätten sie sich für immer entzweit. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Schwindel auffliegt. Doch als schon alles verloren geglaubt ist, entlarvt Rosa mutig das Mythos mit dem leichten und dem schweren Blut und stellt damit das bestehende gesellschaftliche System öffentlich in Frage. Die beiden jungen Frauen schaffen es, ihre Freundschaft zu retten – die Botschaften der „Gänsemagd“: Echte Freundschaft muss Höhen und Tiefen aushalten, mutige Frauen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und hinterfragen Rollenbilder, Diskriminierung durch eindimensionales Schachteldenken ist inakzeptabel.

Das Musical „Die Gänsemagd“ lebt von einer Vielzahl sehr sehenswerter Einzelszenen, die mit Charme und Ideenreichtum inszeniert wurden. Sie hier alle nachzuerzählen, würde den Rahmen sprengen. Es lebt aber vor allem von seinen vielschichtigen Charakteren, zum Beispiel Rosas Pferd Falada (Felix Heller) und Wildgans Uschi (Franziska Kuropka). Die Tiere haben mit ihren ironisch-witzigen Kommentaren und Dialogen das Zeug zu Publikumslieblingen. Doch auch Kürdchen (Alexander Irrgang), ein Bediensteter an Prinz Theobalds Hof, der Rosas Zuneigung erlangt, bringt durch seine Schrägheit eine neue Facette ins Spiel. Schön boshaft und mit echter Soul-Röhre: Königin Agatha. Das gesamte weitere Ensemble (Ruth Lauer, Viola Wanke, Tim Taucher, Stephan Schöne) besticht durch Bühnenpräsenz, Stimmkraft und Dynamik und bildet den perfekten Rahmen. Apropos Stimmkraft: Wenn Myriam Akhoundov und Sandra Leitner ihr Duett „Woanders“ anstimmen, sorgt das für Gänsehautmomente. Beide Darstellerinnen sind großartige Sängerinnen, die die Kompositionen von Lukas Nimscheck mit Leben füllen.

Die Inszenierung gewinnt zusätzlich durch die fünfköpfige Live-Band, die sie begleitet: Tolle Musiker (Jooni Hwang/Violine, Liudmilla Firagina/Cello, Stefan Kreuscher/Bass, Thomas Elsner/Schlagzeug und Joe Schmitz und Dominik Franke/Piano), die unter der Leitung von Dominik Franke ein musikalisches Feuerwerk entzünden. Mit ihrer Unterstützung laufen die Darsteller zu Höchstformen auf. Platziert ist die Kombo im „ersten Stock“ der beeindruckenden Bühne, die Hans Winkler konzipiert hat. Er arbeitet konsequent mit den Farben Gelb für die Leichtblüter und Rot für alles, was mit dem adligen Umfeld zu tun hat. Eine pfiffige Idee für die Darstellung einer Gesellschaft, die alles nur Schwarz oder Weiß sieht. Die Farbgebung hat auch das Kostümbild (meisterlich: Anke Küper und Kerstin Laackmann) übernommen, Wiebke Quenzel sorgt mit dem Maskenbild für so manches i-Tüpfelchen und liebevolles Detail.

Kurzum: Viele großartige Einzelheiten fügen sich dank des tollen Teams zu einem mehr als überzeugenden Theatererlebnis zusammen. Ein Saisonauftakt für die 40. Brüder Grimm Festspiele wie aus dem Bilderbuch.

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Rosa und Alma pfeifen auf gesellschaftliche Zwänge: Sie sind schon seit frühester Kindheit befreundet und haben ihren Spaß miteinander.

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Schmissige Tanzszenen begeistern das Publikum

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Das imposante Bühnenbild von Hans Winkler überzeugt auf der ganzen Linie.

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Tierische Starkhalter in „Die Gänsemagd“; das Pferd Falada und die Wildgans Uschi.

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Kürdchen, der etwas extravagante Diener am Königshof, zeigt sich als Rosas gute Fee.

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Das gesamte Ensemble der „Gänsemagd“.

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Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Intendant Frank-Lorenz Engel eröffnen die 40. Jubiläumsspielzeit der Brüder Grimm Festspiele.

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Gemütliches Beisammensein im Biergarten am Eingang des Amphitheaters.

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Bei der Premiere im ausverkauften Amphitheater.

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Bei der Abend-Premiere im ausverkauften Amphitheater.

Fotos-Copyright: Brüder Grimm Festspiele / Hendrik Nix


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