Menschlichkeit im Zeitalter der Digitalisierung

Unternehmen
Tools
Typographie
  • Smaller Small Medium Big Bigger
  • Default Helvetica Segoe Georgia Times

„Das unterscheidet uns von allen Lebewesen: Wir können uns überlegen, was Mensch sein heißt und was menschliches Handeln bedeutet. Mut zum Humanismus!“, so lautete die zentrale Botschaft von Professor Dr. Julian Nida-Rümelin im Brockenhaus Hanau.

Der ehemalige Kulturstaatsminister und Philosoph sprach anlässlich des Neujahrsempfangs des BWMK (Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V.) vor mehr als 250

neujahrbwmk.jpg
neujahrbwmk1.jpg
neujahrbwmk2.jpg

Gästen.

Nida-Rümelin verknüpfte den Gedanken des Humanismus mit der rasanten Technologisierung der Gesellschaft. Gerade in Zeiten der virtuellen Plattformen, die gigantische Datensammel-Maschinen seien, steige das Risiko der Manipulation. Mittlerweile könnten durch Big Data - also digitale Datenanalyse und die gezielte Manipulation der Zielgruppen sogar Wahlkämpfe gewonnen werden, wie das Beispiel des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeige. Umso wichtiger sei es, wachsam zu bleiben und der Technologie mit einer klaren Ethik zu begegnen. „Verstehen sie mich nicht falsch. Technik ist in vielen Bereichen absolut hilfreich - auch in der Pflege. Es kommt aber darauf an, wie wir damit umgehen.“

Weder der pessimistische Ansatz sei im Umgang mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Lebenswelt zu empfehlen, noch die Euphorie. Die „Silicon-Valley-Ideologie“, die Wohlstand und Weltfrieden propagiere, habe sich nicht bewahrheitet. Aber auch Technologie-Feindlichkeit sei perspektivlos. Der digitale Humanismus bietet laut Nida-Rümelin dazu eine Alternative: Er sei Technik- aber auch Menschen-freundlich. „Er setzt sich von den Apokalyptikern ab, weil er der menschlichen Vernunft vertraut und es setzt sich von den Euphorikern ab, weil er die Grenzen digitaler Technik achtet und wirbt für ein konsequent an menschlichen Werten orientierten Einsatz der technologischen Möglichkeiten“, unterstrich der Philosoph. Es sei auch eine zentrale politische Frage, wie mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, also dem Recht auf Schutz der persönlichen Daten, umgegangen werden soll. Die Datenschutzverordnung allein reiche da nicht aus, es brauche die Diskussion und die gemeinsame Festlegung einer digitalen Ethik.

Da auch viele Kommunal- und Landespolitiker zu Gast waren - unter ihnen Landrat Thorsten Stolz (SPD), die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD), Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Landtagsmitglied Heiko Kasseckert (CDU), erwähnte Nida-Rümelin auch den Gedanken der „Smart City“, also das Bestreben, Städte mit Hilfe von Technologie effizienter, fortschrittlicher und sozial inklusiver zu gestalten. „Eine gute Idee“, so der Redner, „aber wie gehen wir mit den gigantischen Mengen an persönlichen Daten um?“

Um das Recht auf Selbstbestimmung - allerdings aus einem anderen Blickwinkel - , ging es auch im Redebeitrag von Werkstatt-Rätin Ingrid Krebs (BWMK). Sie erwähnte das neue Bundes-Teilhabegesetz und kritisierte, dass es für Menschen mit Behinderung sehr schwierig sei, sämtliche Neuerungen zu verstehen. „Ob dadurch unsere Rechte wirklich gestärkt werden, das müssen wir abwarten.“ Auch Doris Peter, die Verwaltungsratsvorsitzende des BWMK, machte aus ihrer Skepsis keinen Hehl. „Es ist viel Bürokratie hinzugekommen. Ob die Leistung für den Einzelnen Menschen dadurch individueller und besser wird, wage ich zu bezweifeln.“

Das BWMK habe sich gut auf die Veränderungen vorbereitet. Im Zentrum des Handelns des Sozialunternehmens stehe nach wie vor die Frage, welche Voraussetzungen es braucht, damit Menschen mit Behinderungen sich in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld als zugehörig, kompetent und anerkannt erleben können. Es werde immer wieder neue Projekte geben, um Menschen mit Beeinträchtigungen in der Arbeitswelt, im Wohnumfeld und weiteren Bereichen des Lebens zu begleiten und ihnen neue Möglichkeiten der Teilhabe zu eröffnen. Martin Berg, der Vorstandsvorsitzende des BWMK, unterstrich die Funktion des Sozialunternehmens als „Brückenbauer“ zwischen Mensch und Gesellschaft. Es gelte die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und diese klug zu nutzen, um das soziale Miteinander und die gesellschaftliche Zukunft positiv zu gestalten.

Foto: Mehr als 250 Gäste fanden sich zum Neujahrsempfang im festlichen Ambiente des Brockenhauses Hanau ein.
Foto: Begeisterten das Publikum mit ihren Redebeiträgen (von links): BWMK-Vorstandsvorsitzender Martin Berg, die Verwaltungsratsvorsitzende Doris Peter und Professor Julian Nida-Rümelin.
Foto: Die Pianistin Maike Garden verzauberte die Gäste mit Musik und Gesang.

Gefällt Ihnen
VORSPRUNG-ONLINE?
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!?
€0.50
€1
€2
€5
Eigener Betrag:
 
Powered by
BLOG COMMENTS POWERED BY DISQUS

PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von VORSPRUNG!