Bis heute werden Menschen mit metastasiertem Magen- oder Speiseröhrenkrebs als nicht heilbar betrachtet.
Doch diese These wurde nun durch herausragende Ergebnisse der sogenannten FLOT3-Studie zumindest für eine bestimmte Patientengruppe widerlegt. Die Ergebnisse wurden kürzlich auf dem internationalen chirurgischen Kongress IGCC 2013 in Verona vorgestellt und gleich als „Best Oral Presentation“ ausgezeichnet. Die Zahlen der deutschlandweiten Studie zeigen, dass nach adäquater Patientenselektion eine Kombination von Chemotherapie mit erfolgreicher Tumorverkleinerung einerseits und anschließender Entfernung des Magens und / oder der Speiseröhre andererseits hervorragende Therapieergebnisse ermöglicht. Die Studie wurde federführend von Privatdozent Salah-Eddin Al-Batran, Ärztlicher Direktor des Instituts für klinisch-onkologische Forschung (IKF) am Krankenhaus Nordwest, unter der Schirmherrschaft der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft und unter der Beteiligung von etwa 50 weiteren medizinischen Einrichtungen in Deutschland durchgeführt. Innerhalb eines knappen Jahres wurden 252 Patienten in die prospektive, multizentrische Studie eingeschlossen. Es wurde geprüft, inwieweit die Kombination aus präoperativer Chemotherapie nach dem FLOT-Schema und anschließender radikaler Magen- oder Speiseröhrenentfernung bei leicht metastasiertem Magen- oder Speiseröhrenkrebs zu einem längeren Überleben beiträgt, und ob langfristige Remissionen, also Heilungen, herbeigeführt werden können.
Patientenselektion: drei Gruppen
Der Metastasierungsgrad wurde zunächst mit einem vordefinierten Algorithmus bestimmt. Die ausgewählten Patienten mit leichter Metastasierung erhielten dann als Gruppe B eine präoperative Chemotherapie - mit 5-FU, Oxaliplatin und Docetaxel (FLOT). FLOT ist eine besonders effektive Chemotherapie, die im Krankenhaus Nordwest in den letzten Jahren entwickelt und als eine Standardtherapie deutschlandweit etabliert worden. Es schloss sich die operative Entfernung des Magens und/oder der Speiseröhre sowie, falls möglich, auch der Metastasen an. Zwei Kontrollgruppen wurden ebenfalls untersucht. Als Gruppe A Patienten, die keine Metastasen hatten und in jedem Fall operiert wurden und Gruppe C Patienten mit starker Metastasierung, die nur eine Chemotherapie ohne Operation erhielten.
Vielversprechende Überlebensraten in Studiengruppe B
Von den 252 eingebundenen Patienten waren 238 für die Studie geeignet. Von der untersuchten Gruppe B wiesen 41 Prozent einen Befall entfernter Lymphknotenstationen, 22 Prozent Leber- und 17 Prozent Lungenmetastasen auf. Bei sieben Prozent war das Bauchfell betroffen und 13 Prozent hatten andere Metastasen. Diese Patientengruppe erhielt durchschnittlich acht Chemotherapiezyklen. Die dargestellte chirurgische Resektion konnte bei 62 Prozent der Patienten dieser Gruppe vorgenommen werden. Davon konnte bei 81 Prozent eine vollständige Entfernung des Tumors erreicht werden. Die mittlere Überlebenszeit der Gruppe B - operiert oder nicht operiert - betrug 22,9 Monate. Etwa drei Viertel dieser Patienten waren nach zwei Jahren am Leben. Obwohl die mittlere Überlebenszeit in diesem Stadium normalerweise bei nur zwölf Monaten und die Zweijahresüberlebensrate sogar bei unter 20 Prozent liegen. Bei den Patienten der Gruppe B, die nach der Chemotherapie operiert werden konnten, betrug die mittlere Überlebenszeit sogar 31,3 Monate und war somit der Überlebenszeit von Patienten in der Gruppe A, also heilbaren Patienten ohne Metastasen, ähnlich.
Studienergebnisse werden im Falle einer Bestätigung die bisherigen Behandlungsstandards ändern
Der Studienleiter Privatdozent Al-Batran betont: „Sollten diese Ergebnisse bestätigt werden, wird sich die Art und Weise, wie wir zukünftig Patienten mit metastasierten Magen- und Speiseröhrenkrebs und anderen Krebsarten behandeln, grundlegend ändern. Die Vorstellung, dass Patienten mit Metastasen generell nicht heilbar sind, wird einer individualisierten Betrachtung der Kranken weichen müssen. Bei ausgewählten Betroffenen mit Metastasen werden die verschiedenen therapeutischen Optionen im Rahmen sogenannter multimodaler Konzepte kombiniert. Unser Ziel ist es, eine langfristige Kontrolle der Krebskrankheit oder gar eine Heilung zu erreichen. Es muss für jede klinische Situation auch eine eigene therapeutische Strategie gewählt werden. Das geeignete Behandlungskonzept berücksichtigt unter anderem Alter, Allgemeinzustand, Begleitkrankheiten aber auch Ausmaß und Ort der Metastasen. Privatdozent Al-Batran betont jedoch, dass die vorliegenden Zahlen vor einer breiten Anwendung dieses Konzeptes in der Patientenversorgung durch eine zweite größere Studie bestätigt werden müssen. „Derzeit arbeiten wir intensiv an einer bestätigenden Studie.“
Chirurgie bei Metastasen: langersehnte Antworten
Prof. Thomas W. Kraus, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimal Invasive Chirurgie am Krankenhaus Nordwest hat die chirurgische Therapie bei den Patienten in der Studie am Krankenhaus Nordwest geleitet. Er betont, dass die FLOT-3-Studie eine hochrelevante, sich seit Dekaden immer wieder stellende Frage wissenschaftlich behandelt - nämlich die Frage nach der Rolle der chirurgischen Intervention bei Patienten mit Metastasen. Die Studie zeigt, dass die Resektion bei bestimmten Patientengruppen nach erfolgreicher Chemotherapie einen zentralen Beitrag leistet. Hervorzuheben sind schließlich auch die guten Sicherheitsdaten in der FLOT-3-Studie. Die Komplikationsraten waren bei den Patienten in Gruppe B nicht höher als in Gruppe A und konnten sich mit den besten Zentren für Magen- und Speiseröhrenchirurgie weltweit messen lassen. Denn die Magen- oder Speiseröhrenentfernung ist eine große Operation, die nur an Zentren mit profunder Expertise durchgeführt werden sollte.
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