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Mit diesen Worten eröffnete Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch den letzten Fachtag des Netzwerks Frühe Hilfen. Es ging um Gesundheit von Kopf bis Fuß, rund um Geburt und frühe Kindheit. Mehr als einhundert Fachleute und interessierte Besucher/innen nutzten die Gelegenheit zu Information und Austausch. Bei Planung und Durchführung des Fachtags wurden die Veranstalterinnen aus dem Netzwerk Frühe Hilfen von RDW Trockendock unterstützt.

Viele Akteure aus dem regionalen Bereich des bundesweiten Netzwerks Frühe Hilfen präsentierten sich mit ihren Unterstützungsangeboten für Familien mit Kindern unter drei Jahre. Vorträge und Workshops drehten sich um gesundheitliche Themen, wobei Wert gelegt wurde auf einen ganzheitlichen Gesundheitsbegriff. Im Mittelpunkt des Fachtages stand der Vortrag von Dr. Gisela Bolbecher vom Verein FASD Nordbayern. FASD steht für Fetale Alkoholspektrumsstörungen und ist die häufigste nicht genetisch bedingte seelische, geistige und/oder körperliche Behinderung bei Neugeborenen. Alkohol, den eine Schwangere zu sich nimmt führt beim Ungeborenen zu irreparablen Schäden.

Alkohol gelangt über den Mutterkuchen und das Fruchtwasser zum Ungeborenen. Bis zur 16. Schwangerschaftswoche hat der Fötus keine Enzyme um Alkohol abbauen zu können. Und auch danach ist der Abbauprozess in der Leber des Ungeborenen viel langsamer. Die Mutter baut den Alkohol etwa um das zehnfache schneller ab als der Fötus. Alkohol bleibt also viel länger im Fruchtwasser als im mütterlichen Blut und das Kind trinkt immer wieder davon. Es gibt keinen unschädlichen unteren Grenzwert, und nicht nur Alkoholikerinnen bekommen Kinder mit FASD. Es wird geschätzt, dass eines von 56 Neugeborenen FASD hat.

37 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 26 Jahren trinken bis zur Kenntnis der Schwangerschaft pro Woche mehr als fünf Drinks, mehr als 20 Prozent trinken auch dann weiter wenn sie bereits wissen, dass sie schwanger sind. 58 Prozent trinken Alkohol in der Schwangerschaft, davon 78 Prozent einmal im Monat, 75 Prozent maximal zwei Portionen (meist Wein oder Sekt); Alkoholkonsum kommt bei Nicht-Migrantinnen dreimal häufiger vor und 2,5-mal häufiger bei Frauen der Oberschicht.

FASD bedeutet unter anderem: ein zu kleiner Kopfumfang (Mikrocephalie), verminderte Intelligenz, Defizite bei Sprache, Feinmotorik, räumlich-visueller Wahrnehmung, Lern- oder Merkfähigkeit, Rechnen, Aufmerksamkeit, sozialen Fertigkeiten oder Verhalten. Menschen mit FASD leben im Hier und Jetzt, vergessen schnell, haben wenig Verständnis für soziale Normen, leiden unter Stimmungsschwankungen, haben Schwierigkeiten bei der Selbstregulierung, müssen an alltägliche Tätigkeiten ständig erinnert werden und haben ein erhöhtes Risiko für Alkohol und Drogen.

FASD zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben, Dr. Bolbecher nannte Zahlen: 90 Prozent haben psychische und andere Gesundheitsprobleme, 60 Prozent geraten in Konflikt mit dem Gesetz, 80 Prozent der über 21-jährigen benötigen Unterstützung in ihrer Lebensführung, 70 Prozent sind arbeitslos.

Wenn schwanger – dann Zero!

Ergänzt wurde der Fachtag von einer interaktiven Ausstellung im Friedberg Kreishaus: „Wenn schwanger – dann Zero!“ Schulklassen und interessierte Besucher/innen nahmen die Gelegenheit war, im begehbaren Modell einer Gebärmutter die kindliche Entwicklung von der Entstehung bis zur Geburt zu erfahren. „Eine sehr informative Ausstellung mit super Videos. Es hat sich gelohnt“, sagte eine Schülerin. Weitere Rückmeldungen forderten, auch Gynäkologen müssten über FASD informieren und es sollte Thema im Unterricht sein.

Weitere Themen des Fachtags waren unter anderem: Ernährung während der Schwangerschaft und danach, Rahmenbedingungen bei der Geburt im Kreißsaal, was bringt es mit sich, wenn aus einem Paar eine kleine Familie wird. Informationen, die in einer veränderten Gesellschaft nicht allen bekannt sind, was Leistungsanbieter aus Gesundheit, Jugendhilfe oder Bildung vor neue Anforderungen stellt.

Austauschplattform auf hohem Niveau

Auch in diesem Jahr wird es wieder einen Fachtag geben, haben doch „viele beim Abschied schon gefragt, wann der nächste Fachtag sein wird“, sagt Ute Wilhelm von der Frühförderstelle der Lebenshilfe Wetterau. Netzwerkkoordinatorin Romy Nickel freut sich, dass der Zug „Frühe Hilfen in der Wetterau“ an Fahrt gewinnt. „Wir erreichen immer mehr Menschen und Organisationen, die sich mit dem Netzwerk identifizieren und die im Bundeskinderschutzgesetz festgeschriebenen Ziele verfolgen.“

Auch die Qualität im Netzwerk soll fortwährend verbessert werden, darauf weist Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch hin: So nehmen einige Mitarbeiter/innen des Fachbereichs Jugend und Soziales mit Vertreter/innen anderer Wetterauer Organisationen am bundesweiten Qualifizierungsprojekt des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen teil. „Ein wichtiges Ziel ist, geeignete Methoden zu finden, um alle Eltern in der Wetterau über die vielen Angebote zu informieren und mit ihnen gemeinsam genau solche Unterstützungsangebote zu entwickeln, die sie brauchen“, so die Dezernentin.

Ob Kita, Familienzentrum, Arztpraxis oder Kirchengemeinde: Alle Netzwerkpartner sollen Anlaufstellen für Familien in Notsituationen sein. Wenn nötig werden sie an eine andere Stelle mit dem passenden Hilfsangebot verwiesen. Auch die Onlineplattform „Frühe Hilfen in der Wetterau“ wird genutzt, um einen Hilferuf zu senden. „Wir bemühen uns, vieles zu tun, um zu vermeiden, dass junge Eltern keinen Ausweg mehr wissen und in einer Kurzschlussreaktion ihrem Kind Schaden zufügen“, sagt Romy Nickel.

Foto: Interessiertes Publikum beim Fachtag Frühe Hilfen im Plenarsaal des Kreishauses in Friedberg.

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