Zahl der Inobhutnahmen steigt in der Wetterau

Wetterau

Die jüngsten Zahlen über die starke Zunahme von Inobhutnahmen in Deutschland lassen sich, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, auf die Wetterau übertragen.

Morgenpost

Das teilte Erster Kreisbeigeordneter und Jugenddezernent Helmut Betschel-Pflügel mit. „In den vergangenen Jahren haben wir stets mehr als 100 Kinder und Jugendliche pro Jahr in Obhut genommen, allerdings nicht mit kontinuierlichen Steigerungen“, sagt Jugenddezernent Helmut Betschel-Pflügel. Eine gravierende Steigerung gab es von 2008 auf 2009 von 83 auf 113 Inobhutnahmen. Im Jahr 2010 (139), im Jahr 2011 (138) und im Jahr 2012 waren es 107 Inobhutnahmen.

„Das Jugendamt ist verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet. Gleiches gilt, wenn eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert“, heißt es in Paragraph 42 des Sozialgesetzbuches VIII.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem das Jugendamt wandelt, denn bei der Inobhutnahme ist zwischen dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen und den Rechten aus der elterlichen Sorge abzuwägen. „Wenn dem Jugendamt Fälle von Vernachlässigung, von Kindesmisshandlung oder Missbrauch bekannt werden, werden wir unverzüglich aktiv. In der Regel machen sich zwei Sozialarbeiter sofort auf den Weg zu einem Hausbesuch. Damit wollen wir uns einen ganz konkreten Eindruck von dem Kind, den Eltern und dem persönlichen Umfeld schaffen“, erläutert Yvonne Messinger, Leiterin des Fachdienstes Jugendhilfe in der Wetterauer Kreisverwaltung.

Anhand eines Kriterienkataloges wird dann geprüft, ob das Kind in der momentanen Situation bei den Eltern gelassen werden kann oder in Obhut genommen werden muss. Hierbei wird geprüft, ob die Vorsorgeuntersuchungen der Kinder eingehalten werden, wie es um den Ernährungszustand und die Ausstattung der Kinder bestellt ist. Weitere wichtige Kriterien sind: hygienische und wirtschaftliche Verhältnisse, Streit in der Familie, Hinweise auf Drogenkonsum. In die Entscheidung über das weitere Vorgehen fließen sowohl die Ergebnisse des Hausbesuches als auch zusätzliche Hinweise vom Kindergarten oder der Schule ein. Sollten Auffälligkeiten wahrgenommen werden, spielt bei der Entscheidung über eine Inobhutnahme zudem eine große Rolle, ob die Eltern bereit sind, mit dem Jugendamt zur Verbesserung der Situation zusammenzuarbeiten.

Wichtigstes Ziel: Eltern und Kinder zusammenbringen

Das wichtigste Ziel des Jugendamtes ist das Kindeswohl. „Genauso wichtig ist uns aber, dass Eltern und Kinder wieder zusammenleben können. Wir klären nach der Inobhutnahme, welche Unterstützung die Eltern benötigen, um die Kinder wieder zu sich zu nehmen. Dabei bietet sich das Angebot der Sozialpädagogischen Familienhilfe an“, sagt Yvonne Messinger.

In diesem Rahmen unterstützen Familienhelfer Eltern dabei, ihren Tagesablauf zu organisieren. Sie sensibilisieren die Eltern für die Grundbedürfnisse ihrer Kinder und stärken sie in ihrer Erziehungskompetenz. Das beginnt schon damit, sie dabei zu unterstützen, die Kinder morgens rechtzeitig zu wecken, ihnen ein Frühstück zu bereiten und anschließend die Wohnung aufzuräumen.

Die Inobhutnahme eines Kindes ist ein Eingriff in die Familie, der größer kaum sein könnte. „Das ist uns sehr bewusst, deshalb sind wir so sensibel“, bekräftigt Jugenddezernent Betschel-Pflügel die Rolle des Jugendamtes. Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder an Vernachlässigung oder Misshandlung. Das sind drei Kinder zuviel und jeder Fall, der hätte verhindert werden können, macht betroffen. „Wir müssen aber die gesellschaftliche Situation zur Kenntnis nehmen. Die Zahl der vernachlässigten und misshandelten Kinder nimmt zu, auch eine Folge der sozialen Situation in den Familien. Eine lange Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven lassen manche Eltern aggressiv werden, auch gegenüber den eigenen Kindern, die sie eigentlich lieben“, sagt Betschel-Pflügel.

Pflegefamilien: Vorübergehend Schutz und Geborgenheit

Kinder, die in Obhut genommen werden, brauchen einen sicheren Ort, einen Ort der Geborgenheit, wo sie zur Ruhe kommen können. Das können spezielle Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sein, aber auch Pflegefamilien, die für einen kürzeren oder auch längeren Zeitraum Kinder aufnehmen und sich um sie kümmern.


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