„Wir wollen keine weiteren Sporthallen belegen“, begründet Landrat Thorsten Stolz den Bau der inzwischen fünften Notunterkunft im Kreisgebiet. Bislang werden Asylsuchende und Vertriebene von der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen zunächst in die Turnhallen in Birstein, Wächtersbach und Langenselbold oder in die Mehrzweckhalle in Hanau-Mittelbuchen gebracht, bevor sie von dort auf die Kommunen verteilt werden. Wann diese vier Hallen wieder für ihren normalen Betrieb freigegeben werden können, ist trotz der zusätzlichen Baumaßnahmen ungewiss, Kreisbeigeordneter und Schuldezernent Winfried Ottmann (CDU) bleibt aber dabei: „Turnhallen sind die Schlechteste aller Möglichkeiten.“
Mit einem Abriss des Zustroms rechnet allerdings niemand, auch wenn aus der Ukraine momentan weniger Menschen kommen. Bei der Eröffnung der Notunterkunft in der Birsteiner Turnhalle im März 2022 kamen am ersten Tag 288 Männer, Frauen und Kinder, davon waren 244 aus der Ukraine. Zuletzt waren von den 160 Menschen, die wöchentlich dem Main-Kinzig-Kreis zugewiesen werden, noch 27 aus der Ukraine und die anderen aus Syrien, Afghanistan und inzwischen auch aus der Türkei, wo aufgrund der wirtschaftlichen Krise laut Kreisverwaltung mittlerweile immer mehr Menschen eine bessere Zukunft suchen. Sollte der Krieg in der Ukraine weiter eskalieren, ist aber auch von dort wieder mit mehr Vertriebenen zu rechnen.
Die Kommunen sind längst am Limit, der Gelnhäuser Bürgermeister Daniel Christian Glöckner (FDP) bringt es auf den Punkt: „Gelnhausen hat keinen freien Wohnraum mehr.“ In den Stadtteilen Roth, Meerholz und Haitz plant auch er mittlerweile neue Unterkünfte. Die 150 Menschen, die in der Notunterkunft auf dem Gelände der Kreisrealschule zwischenzeitlich untergebracht werden, werden – anders wie beispielsweise bei der derzeit im Bau befindlichen Gemeinschaftsunterkunft in Freigericht-Altenmittlau - nicht auf das Kontingent seiner Stadt angerechnet. Der Hallenkomplex befindet sich auf kreiseigenem Gelände und wurde vom Kreis gekauft (Kaufpreis eine Million Euro für die Hallen inklusive Tische, Stühle, Betten, Sanitärcontainer und Heizungen) und binnen sechs Wochen aufgebaut und eingerichtet. Den Betrieb übernimmt wie auch schon bei den anderen Notunterkünften eine externe Firma (Musleh GmbH).
Die neue Notunterkunft in Gelnhausen besteht aus einer größeren Halle (1.000 Quadratmeter), in der 22 Kabinen mit Hochbetten aufgebaut wurden. Direkt angeschlossen ist eine kleinere Halle (200 Quadratmeter) für die Essensversorgung und als Aufenthaltsbereich. Sechs Sanitärcontainer, ein Waschmaschinencontainer sowie ein Büro-Container für die Standortleitung sollen die Grundversorgung sicherstellen. Eine sechste Notunterkunft soll im Frühjahr in einem Gewerbegebiet in Bad Soden-Salmünster in Betrieb gehen. Insgesamt können dann im Main-Kinzig-Kreis bis zu 800 Menschen in diesen sechs Unterkünften erstbetreut und erstversorgt werden, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden.
Die Zeit, die die Asylsuchenden und Vertriebenen dort verbringen, variiert, soll aber möglichst kurzgehalten werden. Als nächste Unterbringungsstufe betreibt der Kreis inzwischen elf Gemeinschaftseinrichtungen und entlastet damit die Kommunen. Aktuell werden neben Freigericht auch in Maintal und Erlensee zwei weitere Unterbringungsmöglichkeiten gebaut, die dank der Wohncontainer-Bauweise für einen längeren Verbleib geeignet sind. Insgesamt hält der Kreis dann 1.200 Plätze für dauerhaftes Wohnen bereit. Nicht alle wollen auch im Main-Kinzig-Kreis bleiben, von den 6.400 aufgenommen Menschen aus der Ukraine sind aktuell noch 4.800 im Kreisgebiet.
„Hier lebt niemand in einem Gefängnis“, weist die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) darauf hin, dass alle sich frei bewegen und die Unterkünfte verlassen können. Für die medizinische Versorgung wird es einmal in der Woche ein Angebot geben. Simmler spricht inzwischen von einer „Unterbringungskrise“, der Kreis wolle sich keinesfalls aus seiner Verantwortung ziehen, die Forderungen nach einer faireren Verteilung bleiben allerdings bestehen, zudem sei das Land gefordert, eigene Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen.





