
Die heute 79-jährige Frida Raisman ist eine der ganz Wenigen, die die Hölle des Ghettos von Minsk (Weißrussland) überlebt haben und als Zeitzeugin jüngere Generationen wider das Vergessen mahnen kann.
Auf Einladung desInternationalen Bildungs- und Begegnungswerkes (IBB) und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung Zukunft wurde Frida Raisman aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 2014 in deutsche Städte eingeladen, darunter auch nach Hanau. Die KRS engagiert sich seit Jahren mit Zeitzeugengesprächen für die Aufarbeitung der Geschichte. Ihr Namensgeber Karl Rehbein war selbst Verfolgter des NS-Regimes. Dr. Elisabeth Schmitz, ihr wurde vor kurzem posthum der Ehrentitel „Gerechte der Völker“ verliehen, unterrichtete nach dem Zweiten Weltkrieg an der Schule.
Von Frankfurt aus gingen 1941 und 1942 Deportationen von Menschen jüdischen Glaubens nach Minsk aus. Auch viele Hanauer Juden, die sich in der Anonymität der Großstadt Schutz erhofften, wurden im November 1941 als „Hamburger Juden“ (der Transport ging über Hamburg) nach Minsk verbracht. Im Juli 1941 zwang die deutsche Wehrmacht rund 60.000 jüdische Bewohner der weißrussischen Hauptstadt Minsk in ein Ghetto. Bis auf elf Personen wurden alle Deportierten im Ghetto oder im Vernichtungslager Trostenez ermordet.
Frida Raisman wird als Siebenjährige zum Leben im Ghetto gezwungen. „Ich habe sechs Pogrome überlebt. Es ist vielleicht eine Vorsehung Gottes, dass ich heute hier sprechen darf“. Und sie spricht mit fester, bestimmter Stimme über ihr persönliches, erschütterndes Schicksal, das stellvertretend für abertausende Menschen stehen kann, die von den Nazis systematisch umgebracht wurden und von denen es nur ganz Wenige geschafft haben, zu überleben. „Wir kämpften jeden Tag aufs Neue um das nackte Überleben“, berichtet Raisman, „ich hatte große Angst vor dem Tod. Bei großer Gefahr versteckte ich mich meist unter den Häusern. Dort hatten wir ‚Höhlen‘ gegraben, die die Deutschen nicht entdeckten. Von dort aus mussten wir zusehen, wie die Besatzer grundlos Menschen auf die Straße zerrten und an Ort und Stelle hinrichteten. Frauen, Männer, Ältere, Kinder – jeder konnte jederzeit Opfer der Willkür der deutschen Soldaten werden“, führt Raisman aus. Auf den Straßen sah man oft noch die Blutlachen der gerade ermordeten Menschen. „Ein deutscher Soldat schlug ein Kind mit seinem Kopf gegen eine Wand, bis es tot umfiel“, beschreibt Raisman stellvertretend die Gräueltaten im Ghetto von Minsk.
In dem einen Quadratkilometer großen, durch Stacheldraht abgegrenzten Gebiet, gab es weder Wasser noch Nahrung. Hygiene oder eine Heizung waren ebenfalls Mangelware. So auf engstem Raume zusammengepfercht sei es überhaupt ein Wunder, diesen Vorort der Hölle überlebt zu haben. Viele Ghetto-Insassen starben an Krankheiten. Ihre Leichen wurden einmal am Tag von einem „Räumungs-Bataillon“ abtransportiert.
Widerstandsgruppen wie Partisanen waren es, die Frida nach ihrer Rettung aus dem Ghetto zunächst bei sich aufnahmen, berichtet sie auf rege Nachfrage aus der Schülerschaft, wie sie es denn geschafft habe zu überleben. „Obwohl es strafbar war, Juden zu helfen, hat mich ein Bauer nach meiner Flucht gerettet. Meine Brüder waren Mitglieder der Partisanen, wo ich danach Unterschlupf fand“, so Raisman weiter. Die KRS-Schüler, sichtlich beeindruckt von dem bildhaften, ergreifenden Bericht Raismans über diese unmenschliche Grausamkeit, können nicht verstehen, warum es zu keinem Aufstand gegen die deutschen Besatzer gekommen sei. „Es gab nur eine Art Widerstand, einen Aufstand wie etwa in Warschau aber gab es nicht“, so Raisman.
Auch nach Kriegsende sah sich Raisman einer antisemitischen Haltung in Russland ausgeliefert. Sie durfte nicht studieren, denn als Jüdin wurde ihr die Aufnahme an der Universität verweigert. Bis zum Zerfall der Sowjetunion durften die Kriegsopfer nicht über ihre Vergangenheit reden. Dennoch hat sie ihren Lebensweg gefunden – sie heiratete einen Schulkameraden und hat heute vier Enkelkinder und einen Urenkel. In den 90er Jahren gründete sie den „Verein der ehemaligen Ghetto-Häftlinge“, der naturgemäß an Mitgliedern verliere. Der Verein als auch ihr Besuch in Deutschland habe aber die Aufgabe, über diesen grausamen Abschnitt der Menschheits-Geschichte zu erzählen, damit sich derartiges nie wiederholen möge. „Wir sind dankbar, Zeugen aus dieser Zeit an unserer Schule zu hören. Das ist umso wichtiger, sind wir in einem demokratischen Rechtsstaat groß geworden. Heute gilt ,die Würde des Menschen ist unantastbar‘. Berichte wie diese helfen, dieses für uns heute selbstverständliche Gut neu schätzen zu lernen,“ verabschiedet KRS-Schulleiter Jürgen Scheuermann dankbar Frida Raisman, die sich am Ende ins „goldene Buch“ der KRS einträgt.
Foto: Tief bewegt und beeindruckt übergibt eine Schülerin der Karl-Rehbein-Schule als ein kleines Präsent den KRS-Kalender an Frida Raisman, die das Ghetto von Minsk überlebt hat und als Zeitzeugin zu den Schülern der KRS sprach. Foto: Privat


