TPL_VORSPRUNG_SKIP_NAV
Keiler Bier

„Jungs spielen sich ein Leben weg“

„Jungs spielen sich ein Leben weg“

Realität im Kinderzimmer: Computer, Handys, Spielekonsolen und das Internet sind heute selbstverständlich.

medienkrsmedienkrs1Kinderzimmer sind zunehmend digital voll ausgestattet. Die Nutzung dieser Technologien durch die „Digital Natives“ (Digitale Eingeborene) hat sich allerdings weitgehend verselbständigt. Den meisten Eltern der „Generation Kassettenrekorder“ fehlen in der oft endlosen Diskussion um den Medienkonsum wirksame Argumente und Strategien. Die Karl-Rehbein-Schule Hanau (KRS) nimmt sich dieses immer mehr um sich greifenden Problems an und hat nun eine Elternschulung für die fünften Klassen angeboten – ein Angebot, das für einen vollen Saal im Congress Park Hanau (CPH) sorgte.

Günter Steppich, Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden, gab den oftmals erstaunten und manchmal auch entsetzten Eltern im CPH einen ungeschminkten Einblick in die digitale Welt ihrer Kinder. Zuvor aber stimmte KRS-Direktor Jürgen Scheuermann die Eltern auf den aufrüttelnden Vortrag ein: „Wir müssen uns mit Problemen beschäftigen, die noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären“, so der KRS-Chef. So dürfe man bei „Sexting“ oder „Cyber-Mobbing“ nicht wegschauen, könne dies heutzutage jeden treffen. „Wir müssen deshalb darauf vorbereitet sein, um schnell eingreifen und helfen zu können“, mahnt Scheuermann. Der KRS-Medienbeauftragte Helge Messner sieht das Ende des freiwilligen Internets gekommen: „Sie sind alle bei Facebook“ ruft der Oberstudienrat den Eltern provozierend zu. Allerdings will die KRS dem immer mehr um sich greifenden Medienmissbrauch aktiv und vor allem präventiv begegnen, in dem man Medienscouts ausbilden, einen „runden Tisch“ zum Thema Umgang mit den Medien einberufen und im kommenden Schuljahr die AG „Digitale Helden“ initiieren will. An der KRS sollen somit Leitlinien zum Umgang mit digitalen Medien erarbeitet werden.

Zuvor wurden die Lehrkräfte der KRS von Günter Steppich in einer vierstündigen Fortbildung für die Schattenseiten des Internets sensibilisiert. Steppich gab dann den Eltern in einer Art „Crashkurs“ erstaunliche Einblicke in das „digitale“ Leben ihrer Kinder. Mit der Einführung der „Smartphones“, so Steppich, haben Kinder ungefilterten Zugriff auf die Erwachsenenwelt. 80 Prozent der Eltern haben keine Kenntnis über das, was sich da auf den Bildschirmen abspielt, so Steppich. Doch da insbesondere das Internet neben großartigen Chancen auch erhebliche Risiken berge und gerade in der Pubertät eine deutlich erhöhte Risikobereitschaft bestehe, müssten Eltern die Mediennutzung ihrer Kinder aktiv begleiten und sich kritisch damit befassen, rät Steppich, selbst Lehrer und Vater zweier Kinder.

Frei nach Goethes Worten „Die Geister, die ich rief“ aus dessen Ballade „Der Zauberlehrling“ sind heute Gewaltdarstellungen, Pornographie, indizierte Spiele, sexuelle Übergriffe und Online-Mobbing zu regelrechten „Plagegeistern“ des Internets geworden. Gewaltspiele können das Aggressionspotenzial wesentlich erhöhen, der kostenfreie Zugriff auf Pornoseiten sorge bei Jugendlichen in der Pubertät für ein völlig falsches Bild von Sexualität und Liebe. „Man kann Kinder nicht vom Internet fernhalten, dennoch müssen wir uns mit dem Thema auseinandersetzen um auf Augenhöhe mit unseren Kindern zu bleiben – sonst haben wir verloren“, warnt Steppich davor, das Problem zu bagatellisieren oder gar auszublenden. Denn es bestünde nicht nur Gefahr für die seelische Entwicklung der Kinder sondern obendrein bewegten sich die Kids oftmals im strafrechtlichen Bereich etwa bei illegalen Downloads oder dem Recht am eigenen Bild, was gerade bei Facebook und Co. ein großes Problem darstelle. „Blödheiten können heute mit einem einzigen Klick weitergeleitet werden. Und wenn es dann mal passiert ist, finden die Kinder oftmals nicht den Mut, sich ihren Eltern zu offenbaren und um Hilfe zu bitten“, konstatiert Steppich weiter. „Die Hemmschwellen, sich den Eltern anzuvertrauen, sind gerade in der Pubertät sehr hoch. Umgekehrt fallen die Hemmschwellen, wenn es um Mobbing über das Internet geht. Kinder werden zuhause auf digitale Weise gnadenlos gemobbt“. Mobbingfälle müssten früh unterbunden werden, die Privatsphäre im Internet müsse gewahrt bleiben, fordert der Fachberater.

Der überhöhte Bildschirmkonsum könne darüber hinaus zu den „Modererkrankungen“ ADS und ADHS führen. Für diese These spreche unter anderem die stark vermehrte Verschreibung von Ritalin-Medikamenten die einhergehe mit dem zunehmenden Medienkonsum. Insbesondere die Beschäftigung mit Computerspielen könne zur Spielsucht und zu schulischen Leistungseinbrüchen führen. Besonders gefährdet seien Jungen. „Jungs spielen sich das Leben weg“, warnt Steppich. So belegten Studien, dass wenigstens Mädchen noch häufiger zu einem Buch greifen, während Jungs kaum noch lesen würden. Das wirke sich insgesamt auch auf den Ausbildungsmarkt wie Industrie und Studium aus. Steppich rät den Eltern, „analoge“ Beschäftigungen - Sport oder Musik – der Kinder zu fördern.

Insgesamt könne eine Medienkompetenz der Jugendlichen nur durch das Zusammenspiel von Schule und Eltern funktionieren. „Eine erfolgreiche und sichere Medienerziehung ist nur möglich, wenn Schule und Elternhaus zusammen arbeiten“. Die Weichen dafür sind an der KRS gestellt. Tipps, Hilfen und ein Forum rund um das Thema Medienerziehung finden Eltern auf der Homepage www.medien-sicher.de

Foto: KRS-Elternbeiratsvorsitzender Thomas Adlung, der Referent Günter Steppich, KRS-Direktor Jürgen Scheuermann und KRS-Medienbeauftragter Helger Messner freuen sich über ein reges Eltern-Interesse an dem hochbrisanten Thema des „digitalen Kinderzimmers“.   Fotos: Privat

Foto: Volles Haus: Viele Eltern der Karl-Rehbein-Schule zeigen sich an der Beratung zu digitalen Medien sehr interessiert.

Artikel teilen: Teilen Tweeten Teilen
Ihnen ist etwas Interessantes aufgefallen im Main-Kinzig-Kreis? Schreiben Sie uns an info@vorsprung-online.de
Zeig dein Herz und spendiere der Redaktion einen Kaffee! Jede Unterstützung hilft uns, weiterhin unabhängig aus der Region zu berichten.
☕ Kaffee spendieren
Interkulturelle Wochen im Main-Kinzig-Kreis