Und vor Charlie Chaplins Sarg machten Lösegelderpresser ebenfalls nicht Halt: Künstlerverehrung kann seltsame Blüten treiben und kriminelle Energien freisetzen. Das musste auch Uwe Kröger erfahren, als er vor rund einer Woche in Bielefeld nach der Pause seine Maske suchte, das wohl wichtigste Requisit in der Musicalproduktion "Das Phantom der Oper": Sie war weg. Gestohlen in den 20 Minuten Pause, die die schwungvolle Inszenierung von Deborah Sasson und Jochen Sautter Darstellern und Publikum lässt.
Die entwendete Maske ist der Grund dafür, warum Uwe Kröger am zurückliegenden Mittwoch nicht wie geplant in der Bad Orber Konzerthalle auf der Bühne steht, sondern von Guido Weber ersetzt wird, der der tragischen Figur überzeugendes Leben einhaucht: Da es bislang nur eine einzige Ersatzmaske gab, wurden – nur zur Sicherheit – gleich Abdrücke für vier neue genommen. Die Arbeit ist, wie Deborah Sasson zufrieden feststellt, "richtig toll geworden" – doch hat leider bei Kröger zu einer allergischen Reaktion und Augenentzündung geführt, sodass sich ein Auftritt in der Kurstadt verbietet. Der lyrische Bariton Guido Weber, sonst stets als "Der Perser" auf der Bühne, überzeugt das Publikum aber vollends, ebenso wie Sopranistin Deborah Sasson, die als Christine Daaé auf der Bühne steht, das Chormädchen also, das durch das Phantom zur Solistin und in der Folge zum gefeierten Opernstar gefördert wird. Doch nicht nur das Phantom Erik ist in Liebe zu Christine entbrannt, sondern auch der Comte de Chagny, als der Bariton Jochen Sautter begeistert.
Sasson und Sautter sind es auch, die das Phantom der Oper 2010 erstmals gemeinsam als Musical präsentierten. Nah an der literarischen Vorlage von Gaston Leroux, der den Roman ursprünglich in Fortsetzungen in der Zeitung Le Gaulois veröffentlichte und der die seinerzeit neu erbaute Opéra Garnier in Paris zum Schauplatz seiner tragischen Liebesgeschichte machte. Die vom Phantom beanspruchte Loge 5 existiert heute noch und ist entsprechend gekennzeichnet. Auch die unterirdischen Gewässer unter dem Opernhaus existieren weiterhin – auf ihnen schippert das Phantom mit seiner Barke, und so ist es nur folgerichtig, wenn Sasson nach der Pause nicht auf die Bühne, sondern "ins Boot" gebeten wird. Endet der erste Akt mit dem mitreißenden "Das Leben ist ein Maskenball" und dem videotechnisch dargestellten Sturz des ikonischen Kronleuchters, so beginnt der zweite mit einer Überfahrt, bei der Erik die entführte Christine über die Bühne stakt.
Was den Blick der Gäste einmal mehr auf das herausragende Bühnenbild lenkt, das mit unzähligen Requisiten und Kulissen sowie faszinierenden Videoprojektionen auf mehreren Vorhängen punktet. Wie alle Etagen des Opernhauses von Daniel Stryjecki scheinbar durch einen dreidimensionalen Videoschwenk erlebbar gemacht werden, diese visuelle Pracht fasziniert und begeistert die Gästeschar.
Die künstlerische Gesamtleitung für das Musical liegt bei Deborah Sasson und Jochen Sautter, die mit dem "Phantom" weit mehr als Arbeit verbinden. "Es ist mein Herzblut", betont Sasson im Gespräch inbrünstig. "Als ich zwölf Jahre alt war, hat mir meine Mutter dieses Buch geschenkt. Ich wollte schon mit zwölf Jahren Opernsängerin werden, und die Geschichte rund um das Opernhaus hat mich fasziniert. Das war für mich phantastisch." Anders ging es Jochen Sautter, der "über das Musical von Andrew Lloyd Webber" mit dem Phantom in Kontakt kam: "1988 habe ich in New York studiert – und plötzlich waren alle Ballettgirls weg", erinnert sich der Künstler an die damalige Broadway-Premiere. Später, als er nach Paris – in seine langjährige Wohnstätte – zurückkehrte, habe er das Buch gelesen, "zumal ich zwanzig Jahre neben der Oper wohnte". Was ihn besonders beeindruckt, ist bis heute die "wunderbare Sprache, sehr elegant", die er auch in seine Texte für die Produktionen mit übernahm.
Und irgendwie hatte das Phantom auch seine Hände im Spiel, als es Sasson und Sautter zusammenführte: "Das war bei einer Weihnachtsshow. Und sie hat aus dem Phantom gesungen." Damals etwas aus der "Webber-Fassung". "Das mache ich heute noch", wie Sasson erzählt. "Aber was mich damals schon gestört hat: Das Musical zeigt nur einen kleinen Teil des Buches." Ein Versäumnis, das den beiden für ihre Inszenierungen nicht denkbar ist, an denen gemeinsam gearbeitet wird: Die Kompositionen stammen von Deborah Sasson, die Texte von Jochen Sautter, der auch für Regie und Choreografie verantwortlich zeichnet. Das musikalische Arrangement liegt in den Händen von Ryan Martin.
Erstklassiges Ensemble, herausragende und mit Spielfreude agierende Sänger, Tänzer und Schauspieler, große Gefühle und mitreißende Musik: Für manche Gäste kann es davon offenkundig nicht genug geben. Ein Ehepaar aus Langenselbold etwa hat die verschiedenen Produktionen von Sasson und Sautter schon an die 40-mal gesehen. Worüber eine weitere Besucherin aus dem Frankfurter Raum nur schmunzelt: Bei ihr sind es noch deutlich mehr Besuche. Entsprechend danken den Künstlern stehende Ovationen, wobei der Beifall noch einmal stürmischer wird, als Ann Jennings (La Carlotta) und Aleksei Rossoshanskii (Der Perser) vortreten.
Und dann wird es für das ganze Team nochmal anspruchsvoll: Nur bis zwei Uhr in der Früh haben sie Zeit, alles zu verladen und sich auf den Weg nach Greiz in die Vogtlandhalle zu machen, wo am Folgeabend der nächste Auftritt stattfindet, während noch in der Nacht in Bad Orb die nächsten Nightliner, Sattelzüge, Reisebusse eintreffen. Der Auftritt der 12 Tenöre steht bevor. The show must go on.




