Dabei erfolgt der Zugang nicht über die Leiste, sondern über das Handgelenk. „Das Verfahren ist absolut etabliert und hat zahlreiche Vorteile für die Patienten – weniger Komplikationen und geringere Sterblichkeit“, betont PD Dr. Christof Weinbrenner, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie, Nephrologie und internistische Intensivmedizin. „Wir setzen damit neue Erkenntnisse zum Wohle unserer Patienten sehr schnell in die Praxis um“, ergänzt der Ärztliche Direktor des Klinikums Hanau, Dr. André Michel.
„Traditionell erfolgt der Katheter-Zugang über die Leistenschlagader des Patienten. Das hat allerdings den Nachteil, dass Patienten nach dem Eingriff einen Druckverband erhalten müssen, damit nach der Entfernung des Plastikschlauchs eine Blutung verhindert wird, denn der Arzt sticht ja eine Schlagader an“, erklärt der Herzkatheter-Spezialist Dr. Johannes Feuerbach. Der Oberarzt der Herzklinik erläutert: „Die Patienten müssen in der Regel vier bis sechs Stunden mit einem Pressverband flach auf dem Rücken liegen bleiben. Teilweise können es sogar 24 Stunden sein, insbesondere bei Herzinfarktpatienten, die Gerinnungshemmer bekommen haben. Viele Patienten sagen uns, das ist für sie eigentlich das Schlimmste an der ganzen Untersuchung.“
Gegenüber dem herkömmlichen Zugang über die Leiste hat der Handzugang nun klare Vorteile: Zwar bekommt der Patient auch bei dieser Methode einen Druckverband. Der wird aber nicht um den ganzen Körper gewickelt, sondern nur um das Handgelenk. Dabei handelt es sich um eine Art kleines Kissen. Damit können die Patienten schon unmittelbar nach der Untersuchung aufstehen, das Bett verlassen und sich anziehen. Das ist der entscheidende Vorteil, den die Patienten sofort verspüren: nicht im Bett liegen bleiben zu müssen, mit all den Nachteilen und Problemen, die das mit sich bringt: nicht auf die Toilette gehen und im Liegen nur schlecht essen und trinken zu können.
Bei einer Herzkatheter-Untersuchung wird ein dünner Kunststoffschlauch über eine Körperader des Patienten bis zum Herz geführt. Herzkammern, Herzkranzgefäße und Herzklappen können damit optimal angesehen werden. Über den Katheter wird ein Röntgen-Kontrastmittel eingespritzt. So werden die Strukturen des Herzens auf einem Monitor sichtbar gemacht. Mit einer Katheter-Untersuchung kann der Arzt Engstellen und Verstopfungen in den Herzkranzgefäßen aufspüren, die Pumpleistung der Herzkammern ermitteln und die Qualität der Herzklappen überprüfen. Über den Herzkatheter kann zugleich eine Stütze (Stent) eingebracht werden, die das verengte Gefäß dauerhaft offenhalten soll. Bei einem Herzinfarkt wird über den Katheter häufig eine Ballondilatation durchgeführt, d. h: an der verengten Stelle wird ein kleiner Ballon, der sich an der Spitze des Katheters befindet, aufgedehnt, damit sich die Engstelle weitet.
Im Klinikum Hanau wurde im Frühjahr 2012 der Zugang über das Handgelenk erstmals vorgenommen. „Mittlerweile wenden wir diese Methode bei rund zwei Drittel aller Katheter-Patienten an. Schon im vergangenen Jahr profitierten so rund 700 Herzpatienten von der Methode, und für das Jahr 2013 erwarten wir, dass es etwa 1.400 bis 1.500 sein werden“, berichtet Chefarzt Dr. Christof Weinbrenner.
Patienten erleben den Handzugang als schonend und komfortabler. Aber es existieren noch viel weitreichendere positive Effekte, die die Wissenschaft mit Studien belegt hat: So hat man herausgefunden, dass einerseits die Komplikationsrate viel niedriger ist und dass andererseits die Sterblichkeit der Patienten mit einem Herzinfarkt bei der Herzkatheter-Untersuchung mit dem Handzugang abnimmt.
„Wir können nach der Untersuchung die Einstichstelle für den Katheter an der Hand viel besser abdrücken als dies bei der Leiste der Fall ist. Deshalb ist die Komplikationsrate erkennbar geringer. Das ist der eigentliche Erfolg der neuen Methode. Zwar waren die Komplikationen bei den Routineeingriffen auch vorher selten lebensbedrohlich, aber wir sind auch froh, wenn weniger gravierende Komplikationen – wie Blutergüsse an der Einstichstelle – zurückgehen“, sagt Oberarzt Dr. Feuerbach.
Allerdings gibt es auch ein paar Einschränkungen für die Anwendung dieser Methode. Dazu gehört zum Beispiel die Körpergröße eines Menschen. Denn die Handschlagader verhält sich proportional zur Körpergröße. Wenn also Menschen klein sind, dann ist es in der Regel auch die Handschlagader. „In diesen Fällen finden wir dann keinen oder nur sehr schwer einen Zugang für den Katheter. Grundsätzlich gilt die Regel, dass Menschen mit einer Körpergröße von unter 160 Zentimetern nur bedingt für einen Handzugang geeignet sind. Aber das ist eine Grauzone und muss immer im Einzelfall entschieden werden“, erläutert Dr. Feuerbach. Auch Menschen, die einen Bypass erhalten haben, kommen manchmal für den Handzugang nicht in Frage. Denn häufig wird dabei ein Stück der Handschlagader entnommen, die dann als Bypass im Herz dient. Dann ist ein Handzugang technisch nicht mehr möglich.
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie, unterstreicht Johannes Feuerbach denn Stellenwert der Methode, „hat den Handzugang für Infarktpatienten im vergangenen Jahr als Methode der ersten Wahl empfohlen. Und seit Anfang des Jahres favorisiert die Fachgesellschaft den Handzugang auch beim Einsetzen eines Stents“.



