Anita Lasker-Wallfisch hat vor mehr als 200 Schülerinnen und Schülern der Augustinerschule in Friedberg über Leben und Überleben im Nationalsozialismus und ihren Umgang mit den Deutschen berichtet. Einen Tag nach dem 77. Jahrestag der Reichspogromnacht kam die „Cellistin von Auschwitz“ nach Friedberg, um als Zeitzeugin von Hass und Ausgrenzung und vom Holocaust zu sprechen. Mit dem „Kol nidrei“, der Vertonung eines jüdischen Bußgebetes von Max Bruch für Klavier und Cello begann die Veranstaltung. Schulleiter Martin Göbler zog in seiner Begrüßung die Parallele zur aktuellen Situation: „Aus der Geschichte müssen wir lernen, wie wir mit Fremden umzugehen haben.“
Landrat Joachim Arnold empfahl jungen Menschen den Besuch von Gedenkstätten des nationalsozialistischen Terrors. „Solche Erfahrungen kann man nicht mehr aus dem Gedächtnis streichen, sie prägen für das Leben und immunisieren gegen rechtes Gedankengut.“ Während man aber vor dem massenhaften Mord der Nazis fassungslos stehe, mache das einzelne Schicksal so betroffen. Erschüttert zeigte sich der Landrat von dem Ausmaß des Hasses, der derzeit wieder in Leserbriefen und mehr noch in den sozialen Netzwerken aus der Deckung komme. „Gerade deshalb ist es so wichtig, dass man immer wieder die Wahrheit deutlich macht, so wie es nur Zeitzeugen der Nazidiktatur können.“ Arnold zeigte sich sehr froh darüber, dass so viele Schüler an diesem Nachmittag die Veranstaltung besuchten.
Anita Lasker-Wallfisch, 1925 als Jüngste von drei Töchtern eines Juristen und einer Musikerin in Breslau geboren, entstammt einer typisch jüdisch assimilierten deutschen Familie, die nur an hohen Feiertagen die Synagoge besuchte. Mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus begann Stück für Stück die Ausgrenzung. Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, „wurden dann die niedrigsten Instinkte des Volkszorns geweckt. Der 9. November“, so die Einschätzung von Frau Lasker-Wallfisch, “war der Versuch, wie weit man in Deutschland gehen könne. Man konnte sehr weit gehen. Der 9. November war der Auftakt. Er war das grüne Licht für die Judenverfolgung, der die Judenvernichtung folgte.“ Im April 1942 wurden schließlich die Eltern deportiert. „Ich war damals 16 Jahre alt und habe nie wieder etwas von ihnen gehört.“
Mit ihrer ein Jahr älteren Schwester musste sie vom Elternhaus in ein Kinderheim umziehen und von dort aus in einer Papierfabrik arbeiten. Mit ihren guten Französischkenntnissen nahm sie Kontakt zu französischen Kriegsgefangenen auf, verhalf diesen durch gefälschte Pässe zur Flucht. Die „Karriere“ als Passfälscherin endete schließlich im Gefängnis und im November 1943 in Auschwitz, wo sie ein Jahr bleiben sollte.
„Wir waren nur eine Nummer!“
69388, diese Nummer trägt sie noch heute auf ihrem Unterarm. „Wir waren nur eine Nummer, der Persönlichkeit beraubt.“ Dabei hatte Anita Lasker-Wallfisch noch viel Glück. Im Lager gab es eine Kapelle, die morgens und abends mit Märschen aufspielte, wenn die Masse der Häftlinge zur Arbeit ging oder kam. In der Kapelle fehlte eine Cellistin, das hat mir letzten Endes das Leben gerettet. Trotz der miserablen Haftbedingungen, dem ständigen Hunger, dem Lärm, dem Geruch nach Leichen gab es immer noch eine ‚Art von Leben‘. Die Gedanken drehten sich nur um das Überleben.
Im Oktober 1944 wurde Anita Lasker Wallfisch schließlich mit 3.000 anderen Häftlingen nach Bergen Belsen gebracht, ein Lager, das Platz für 1.000 Menschen bot. “Wir verbrachten die ersten Nächte in eiskalten Zelten auf dem nackten Boden. Die Menschen starben wie die Fliegen.“ So war es noch im April 1945, ein außergewöhnlich heißer Monat, wo tausende Häftlinge auf die Befreiung durch die Engländer warteten. Am 15. des Monats war es endlich so weit. Die Engländer kamen. „Wir schauten nur stumm auf unsere Befreier. Zum Jubeln fehlte uns einfach die Kraft.“
Mit der Befreiung gab es neue Probleme. Man war auf einmal eine „displaced person“. „Niemand wusste etwas mit uns anzufangen.“ Das Cello war auch nach dem Krieg für Anita Lasker-Wallfisch von großer Bedeutung. Jahrelang spielte sie als Berufsmusikerin im English Chamber Orchestra. „Lange Zeit habe ich mich geweigert, nach Deutschland zu kommen, aber Ende der 90er Jahre wollte ich noch einmal den Ort Bergen Belsen sehen, und meine Begegnungen mit Deutschen haben mich dann davon überzeugt, dass es wichtig ist, etwas von dem weiterzugeben, was ich erlebt habe.“
Vorher schon hatte sie ihr Buch „Ihr sollt die Wahrheit erben“ geschrieben, es ist mittlerweile in fünf Sprachen übersetzt. „Sie haben als Deutsche eine besondere Verantwortung, dass aus diesem Land, aus dem der Holocaust kam, eine bessere Gesellschaft entsteht“, , richtete sie ihren Appell an die 200 Schülerinnen und Schüler. Ob sie die Deutschen, ob sie die Nazis hasse, wurde in der anschließenden, sehr ernsthaften Diskussion gefragt. „Hass“, so Anita Lasker-Wallfisch, „Nein, Hass ist eine sinnlose Beschäftigung. Ich rate Ihnen: hassen Sie niemals.“ Bei allem Ernst der Veranstaltung gelang es der 92jährigen dennoch, auch lustige Momente in die Diskussion zu bringen. Warum denn ihre Schwester nicht auch im Orchester spielte, fragte eine Schülerin. „Sie spielte einfach schrecklich Geige.“
Der Wetteraukreis und die Lagergemeinschaft Auschwitz haben die Veranstaltung mit Anita Lasker-Wallfisch gemeinsam organisiert. Die Schülerinnen und Schüler des Augustinergymnasiums haben durch große Ernsthaftigkeit und kluge Fragen gemeinsam mit Anita Lasker-Wallfisch eine großartige Veranstaltung entstehen lassen.
Foto: Anita Lasker Wallfisch bei der Lesung in der Augustinerschule.



