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Nidda: Ein Erfolgsmodell in Sachen Innenentwicklung

Nidda: Ein Erfolgsmodell in Sachen Innenentwicklung

Um einen Ort voranzubringen, braucht es nicht zwingend Neubauten. Wie Innenentwicklung funktionieren kann, zeigt sich in Nidda - in der Kernstadt, aber auch in den Stadtteilen.

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Bürgermeister Hans-Peter Seum hat das Thema zur Chefsache gemacht und kann auf die Unterstützung der Wirtschaftsförderer Bernd-Uwe Domes und Klaus Karger zählen. Dabei war die Ausgangslage bei Seums Amtsantritt im April 2010 nicht gerade die beste.

Als Seum ins Rathaus einzog, stand es schon nicht gut um den Holzstoffhersteller Pfleiderer; kurz darauf wurde die Schließung des Werks in Nidda bekanntgegeben, den zuletzt noch 140 Mitarbeitern wurde gekündigt, auch zahlreiche Zulieferer waren betroffen. Bereits im Juni 2010 hatte es eine weitere Hiobsbotschaft gegeben: Das Amtsgericht, das im Schloss direkt neben dem Rathaus untergebracht war, würde Ende 2011 seine Pforten schließen; die Bürger hatten nun keinen Ansprechpartner mehr vor Ort und müssen seither nach Büdingen fahren. Bad Salzhausen stellte eine weitere Baustelle für Seum dar: Das frühere Staatsbad, das die Stadt vom Land geschenkt bekommen hatte, lag im Dornröschenschlaf.

Davon ist heute nichts mehr zu spüren: Bad Salzhausen ist zu neuem Leben erwacht. "Wir haben mit der Politik und der Wirtschaftsförderung Wetterau einen Masterplan erarbeitet", erinnert Seum, "das war eine wichtige Grundlage." Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, ergänzt: "Mit solch einem Zukunftsplan, der im Übrigen nicht starr ist, sondern immer wieder an neue Entwicklungen angepasst wird, macht ein Ort deutlich: Wir haben eine Vision. Wir wissen, wo wir stehen, wo wir hinwollen und was uns ausmacht. Das ist ein konkreter Orientierungsrahmen für jedwede Handlung und Entscheidung."

Das wüssten auch interessierte Investoren zu schätzen, berichtet Seum. Und erzählt von einem Domino-Effekt: In Bad Salzhausen hat Hans-Jürgen Eckhardt etwas ausgelöst. Er hat das Kurhaushotel, das Herzstück des Ortes, gekauft und auf Vordermann gebracht. Seine Investitionen haben bald weitere ausgelöst. Seum zählt das Parkschlösschen auf, das Café am Park, das Salzbach und einige mehr - und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. "Solche privaten Investitionen sind entscheidend für die Entwicklung eines Ortes - viel mehr als Fördergelder", betont Karger, ebenfalls Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung.

"Die Stadt investiert auch", sagt Seum und nennt als Beispiel das Gradierwerk, das zurzeit mit Mitteln aus dem LEADER-Programm neu aufgebaut wird. Sein Fazit: Vieles sei schon erreicht worden, vieles sei aber auch noch zu tun. Bad Salzhausen sei auf dem besten Weg, sich als gesundheitstouristischer Ort zu etablieren, in dem es sich außerdem gut leben lässt.

Wo viele Bürger mitanpacken

Ebenso optimistisch schaut der Bürgermeister auf die anderen Stadtteile. Einen Schub nach vorne gab es auch hier durch eine Strategie - entwickelt im Forschungsprojekt "Kommune innovativ - Dorf und Du", an dem die Stadt Nidda als eine von drei Modellkommunen, neben Ortenberg und Butzbach, teilgenommen hat. "Das bedeutete viel Arbeit, aber die hat sich gelohnt", macht Seum deutlich. Das von der Wirtschaftsförderung Wetterau initiierte Projekt habe die Bürger mobilisiert, sich einzubringen und mitzumachen. "Das hat die Menschen näher zusammengebracht", sagt Seum.

Als Beispiele nennt er unter anderem Eichelsdorf, wo die Bürger die Pflege ihres Parks übernehmen, Ulfa, wo die Menschen sich um die Nachbesetzung der Arztpraxis kümmern, Stornfels, wo sie das Backhaus wieder aktivieren, Ober-Lais, wo der Grillplatz nun wieder betreut ist, Wallernhausen, wo die Bürger sich des Freibads annehmen, und der Modellstadtteil Ober-Schmitten, wo zusammen mit den Bürgern an solchen Fragen gearbeitet wurde, wie leerstehende Gebäude revitalisiert werden können, wie sich Hofreiten umnutzen lassen und wie man mit Problem-Immobilien umgeht. "Dabei hat es sehr geholfen, dass auch Architekten mitgearbeitet haben. Ihre Fähigkeit, etwas zu visualisieren, hat die Bürger dabei unterstützt, eigene Ideen zu entwickeln", berichtet Karger.

Aus den Erkenntnissen der drei Modellkommunen soll nun eine Regionalstrategie erarbeitet werden, die auch den anderen Kommunen in der LEADER-Region Wetterau/Oberhessen helfen soll. "Unsere Region zeichnet sich aus durch Kommunen, zu denen viele Dörfer gehören. Deshalb ist eine unserer Hauptaufgaben, die Dorfkerne und die innerdörfliche Entwicklung in den Blick zu nehmen - mit dem Ziel, die Zukunftsfähigkeit der Region zu erhalten", sagt Wirtschaftsförderer Domes. Alle Ergebnisse des Forschungsprojekts, zum Beispiel Leerstandspotenziale, die das Amt für Bodenmanagement aufgezeigt hat, sind online unter www.dorfunddu.de einzusehen.

Zwei konkrete Ansätze im Nachgang des Projekts gibt es schon: So soll zusammen mit dem Wetteraukreis ein Kompetenznetzwerk Innenentwicklung gegründet werden. Außerdem soll eine Dorfakademie, auf Initiative des Vereins Oberhessen und unter der Trägerschaft der Wirtschaftsförderung etabliert und über LEADER gefördert werden. An dem Vorhaben, Bürger, aber ebenso Mitarbeiter von Kommunalverwaltungen in Sachen Ortsinnenentwicklung zu schulen, soll auch die Volkshochschule Wetterau mitwirken. Weitere Partner mit Expertise sollen sich beteiligen, um Potenziale und Zukunftsfähigkeit der Dörfer qualifiziert und ortsgerecht voranzubringen. Das LEADER-Programm biete hier gute Fördermöglichkeiten, wie an den Beispielen des Dorfladens und der Kulturscheune in Himbach, des Backhauses und der Kulturremise in Gedern, der Pilgerrast und der Burghalle in Lißberg oder des Kinder- und Jugendraumes in Ulfa deutlich werde.

"Viel Herzblut investiert"

Für die Wirtschaftsförderung, die sich dem Thema nachhaltige Raumentwicklung auch durch die Veranstaltungsreihe "Vitale Innenstädte" widmet, ist Nidda ein gutes Beispiel dafür, wie das Thema praktisch angegangen werden kann. " Nidda sei eine Stadt, die sich als offen, entwicklungsorientiert und partnerschaftlich präsentiere, zählt Domes entscheidende Voraussetzungen auf, um Kommunen voranzubringen. "Es geht einfach um eine konstruktive Atmosphäre."

Seum weist aber auch auf die günstigen Rahmenbedingungen hin: den Siedlungsdruck aus dem Rhein-Main-Gebiet und die zurzeit lohnende Investition in Immobilien. Ebenso wichtig seien der Ausbau von Breitband ("das ist essenziell für Firmen, auch in den Dörfern") und des Bahnhofs gewesen (die Verbindungen nach Frankfurt seien nun "relativ gut", könnten aber durch das "S10-Projekt" des Vereins Oberhessen zur Optimierung der Schienenanbindung der Region an die Metropole Frankfurt noch besser werden). "Doch natürlich bereitet es mir auch große Freude, wenn ich sehe, dass die Mühe sich lohnt und die Stadt nach vorne bringt."

Ein positives Klima, auf die eigene Identität setzen und eine qualitätsvolle Innenentwicklung wirkten sich langfristig sowohl auf den Wohnungsmarkt als auch auf die Wirtschaft günstig aus, sagt Domes. Als einen Indikator nennt er, dass sich vor allem in der Kernstadt auffallend viele junge Menschen einbrächten und Investoren für die Revitalisierung stadtbildprägender Immobilien gewonnen worden seien. Bestes Beispiel: das Lumos-Kino. "Das ist der Anker der Kernstadt", sagt Seum. Früher eine Tankstelle und ein Busbetriebshof, habe auf dem schwierig zu bebauenden Gelände an prägnanter Stelle lange Leerstand geherrscht. "Bis die drei jungen Männer kamen, die nicht nur viel Geld, sondern auch viel Herzblut investiert haben." Mittlerweile sogar um einen Saal, das "Mystique" für kleinere Gruppen, erweitert, sei das Kino "unheimlich wichtig für die Region", betont Seum. Denn es würden ja nicht nur Blockbuster im Lumos gezeigt, sondern auch Filme für Schulklassen und Senioren, Opernaufführungen sowie Dokumentationen wie "Der Vulkan lebt".

Einen "Glücksfall" nennt er auch die Entwicklung der Industriebrache, die durch die Schließung des Pfleiderer-Werks entstanden war. Die in Lahnau ansässige Weimer GmbH hat das Areal erworben und sich der Vermarktung angenommen. So konnten etwa die Erweiterungspläne des Elektroshops Wagner umgesetzt werden - neue Arbeitsplätze inklusive. Nicht nur den Bürgermeister, auch die Wirtschaftsförderer freut diese Erfolgsgeschichte: "Solche bestehenden Flächen oder mindergenutzte Gewerbeimmobilien einer sinnvollen Folgenutzung zuzuführen, ist eine wichtige Daueraufgabe", erklärt Karger. Das ist nach sieben Jahren Leerstand auch für das frühere Amtsgerichtsgebäude gelungen: Das Ehepaar Friedersdorf hat das alte Wasserschloss gekauft und füllt es nun wieder mit Leben. Die beiden wollen nicht nur selbst dort wohnen, sondern das ehemalige Gefängnisgebäude auch vermieten - sowohl Wohnungen als auch Räumlichkeiten für Anwälte und Ärzte sind geplant. Außerdem wird Dr. Nicole Friedersdorf ihr "Dark Dirndl"-Atelier von Büdingen nach Nidda verlegen. Mit den neuen Eigentümern wurde vereinbart, dass auf dem Gelände weiterhin Veranstaltungen der Stadt möglich sind, berichtet Seum.

Miteinander statt gegeneinander

Zufrieden zählt er auch die Geschäfte in der Kernstadt auf, die von jungen Unternehmern betrieben - und vorangetrieben werden. Von Konkurrenz sei dabei nichts zu spüren, ganz im Gegenteil, sie arbeiteten eng zusammen, haben zum Beispiel schon eine Modenschau gemeinsam veranstaltet. Von diesem guten Miteinander schwärmt auch Sandra Philipp. Sie betreibt mit ihrem Mann Ralf seit Mitte November die Privatrösterei Philipp im ehemaligen Kino. Nachbarschaftshilfe sieht in ihrem Fall so aus, dass einige ihrer Kaffeesorten außerhalb der Öffnungszeiten in zwei benachbarten Geschäften erhältlich sind. "Viele Kollegen waren zur Eröffnung hier, und wir sind in den Gewerbeverein eingetreten", erzählt die Unter-Schmittenerin. Zudem arbeiten sie eng mit heimischen Betrieben wie der Bäckerei Wagner zusammen und bieten in ihrem Laden zum Beispiel Gewürzsalz von "Rosmarin & Thymian", Schokolade der Genussscheune in Weckesheim und Pralinen der Schottener Sozialen Dienste an. Für die Rewe-Supermärkte, in denen ihr Kaffee inzwischen auch verkauft wird, hat die gelernte Werbekauffrau eigene Etiketten mit dem jeweiligen Wahrzeichen der Kommune entworfen. "Es läuft gut, unser Angebot wird super angenommen, wir haben schon viele Stammkunden", lautet Philipps Bilanz - nach gerade einmal drei Monaten.

Um die Innenstadt weiter voranzubringen, kann Nidda künftig auch vom Städtebauförderprogramm "Aktive Kernbereiche" profitieren. Als Entwicklungsgebiet ist die Schillerstraße 2018 in das Programm aufgenommen worden. "Nun wollen wir einen Plan für die Entwicklung dieses Teils der Innenstadt erarbeiten, mit dem Ziel, noch bestehende Mängel zu beheben", erklärt Seum. Er blickt auch hier optimistisch in die Zukunft: "Das habe ich gelernt: Wenn einer vorangeht, machen andere mit. Wir wollen nicht schimpfen, sondern anpacken."

Foto: Früher Kino, heute Kaffee: Die Privatrösterei von Sandra Philipp ist ein gutes Beispiel dafür, wie Ortsinnenentwicklung gelingen kann, loben Bürgermeister Hans-Peter Seum (2.v.l.) und die Wirtschaftsförderer Klaus Karger (l.) und Bernd-Uwe Domes.

Bildrechte: Wirtschaftsförderung Wetterau

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