"Die Veröffentlichung der SWOT-Analyse des geplanten Rechenzentrums mit Gaskraftwerk liest sich auf den ersten Blick wie ein Versprechen: 18 Millionen Euro Wärmeenergiefonds, neue Arbeitsplätze, Abwärmenutzung, regionale Wertschöpfung. Wer jedoch den Fragenkatalog besorgter Bürgerinnen und Bürger sowie die kritische SWOT-Analyse danebenlegt, erkennt schnell: Viele Vorteile werden als greifbar dargestellt, während zentrale Risiken weiterhin nur beschwichtigt, vertagt oder in Gutachten ausgelagert werden.
Gerade die eigene Veröffentlichung der Projektbefürworter bestätigt doch wesentliche Kritikpunkte: Das Rechenzentrum soll nicht CO₂-neutral betrieben werden, sondern bilanziell grün gerechnet werden; ein erheblicher Teil der Energie soll über ein Gaskraftwerk kommen; Arbeitsplätze werden in Aussicht gestellt, ohne dass deren Zahl, Wohnortwirkung und tatsächlicher Nutzen für Birstein belastbar feststehen; und die erwarteten kommunalen Einnahmen bleiben an Bedingungen geknüpft, die noch lange nicht sicher sind. Wer aus solchen Annahmen bereits eine Erfolgsgeschichte macht, verwechselt Hoffnung mit Nachweis.
Besonders irritierend ist der Umgang mit den Visualisierungen. Wenn ein Gaskraftwerk Teil des Projekts ist und nach den vorliegenden Angaben drei jeweils rund 60 Meter hohe Schornsteine vorgesehen sein sollen, dann gehören diese auch sichtbar in jede Darstellung des Projekts. Bürgerinnen und Bürger haben Anspruch auf ein realistisches Bild – nicht auf Hochglanzperspektiven, in denen ausgerechnet die markantesten Industrieelemente fehlen. Landschaftsbild beginnt nicht erst dort, wo es politisch bequem ist.
Satirischer Nachsatz: Sollten die Schornsteine in den Bildern wirklich deshalb nicht zu sehen sein, weil die Abgase künftig unsichtbar verschwinden, müsste man wohl vorsorglich die Nachbarkommunen warnen – womöglich wird dort demnächst unterirdisch ausgeatmet. Natürlich ist das Satire. Ernst ist aber die Frage, warum ein Projekt dieser Größenordnung nicht vollständig und unverstellt gezeigt wird.
Ich bin nicht gegen Digitalisierung, nicht gegen wirtschaftliche Entwicklung und nicht gegen kommunale Einnahmen. Ich bin gegen Entscheidungen im Blindflug. Vor einem Beschluss dieser Tragweite müssen Wasserbedarf, Lärm, Abwärme, Luftemissionen, Feuerwehranforderungen, Sicherheitsfragen, Schulstandort, Verkehrsbelastung, Folgekosten und steuerliche Risiken transparent, unabhängig und öffentlich nachvollziehbar geprüft werden. Ein städtebaulicher Vertrag ersetzt keine ehrliche Gesamtabwägung.
• vollständige und realistische Visualisierungen einschließlich aller Schornsteine und Nebenanlagen,
• unabhängige Gutachten zu Emissionen, Lärm, Abwärme, Wasser, Sicherheit und Schulstandort vor endgültigen Festlegungen,
• eine konservative Folgekostenrechnung für die Gemeinde statt Werbeversprechen,
• eine öffentliche Gegenüberstellung von Nutzen und Risiken ohne Schönfärberei,
• und eine echte Bürgerbeteiligung, bevor irreversible Tatsachen geschaffen werden.
Birstein braucht Zukunft – aber keine Zukunft, die mit ausgeblendeten Schornsteinen, unsicheren Einnahmeerwartungen und offenen Risiken beginnt. Wer Vertrauen will, muss zuerst vollständig informieren. Erst die Wahrheit, dann die Entscheidung."
Steffen Ganz
Birstein
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