"Zum 77-jährigen Bestehen des Grundgesetzes am 23. Mai 2026 sind eine Menge Reden gehalten worden, feierliche, andächtige, ja auch ergriffene, aber eben auch ernüchternde und bedenkenswerte, wenn es zum Beispiel um die Differenz geht zwischen dem hohen Anspruch 'Die Würde des Menschen ist unantastbar' und der oft erschütternden Wirklichkeit der sozial Abgehängten, der Minderheiten und Asylsuchenden. Hier soll von einer anderen Art Kluft die Rede sein, nicht die sich ständig erhöhende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, sondern das extreme Auseinanderfallen der Einschätzung, des Meinungsbildes und der statistischen Realität.
Nach einer sogenannten Memo-Studie der Universität Bielefeld glauben 70% der Deutschen, keine NS-Täter in der eigenen Familie zu haben. Es sind dies die Enkel oder gar schon Urenkel der NS-Generation. Ihre Vorfahren waren Mitläufer, Soldaten Funktionsträger oder gar Verbrecher des NS-Staates. Sie selbst sind ohne Schuld, versteht sich, sie 'genießen' die Gnade der späten Geburt (so Kohl), aber man kann von ihnen erwarten, dass sie sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseindersetzen.
Das sieht dann so aus: Mehr als 80%, so die Studie weiter, denken, dass in ihren Haushalten, der Landwirtschaft und den Betrieben keine Zwangsarbeiter tätig waren. Noch dramatischer: Fast 36% halten ihre Vorfahren für Opfer des Faschismus und 29% meinen, ihre Ahnen hätten Verfolgten des NS-Regimes geholfen. Tatsächlich waren es 0,3%. Solche Fehlbilder werden nun von Generation zu Generation weitergegeben. Statt einer kritischen Verarbeitung eine Beschönigung und Verharmlosung der NS-Zeit. Da muss man sich nicht wundern über die drastische Zunahme der AfD, es ist Wasser auf ihre Mühlen. Der Wille, die eigene Familiengeschichte freizuhalten von 'Verunreinigung', vielleicht verständlich, aber bewirkt das Gegenteil.
Auch das Ehepaar Mitscherlich wirft in ihrem Buch 'Die Unfähigkeit zu trauern' der deutschen Nahkriegsgesellschaft fehlende Auseinandersetzung mit dem Holocaust vor und die Flucht in die materielle Welt des Wirtschaftswunders vor. Vieles ist so verschüttet worden. So wie auch in der fehlenden oder verfälschten Aufarbeitung in der Familiengeschichte."
Jörg Sternberg
Hanau
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