TPL_VORSPRUNG_SKIP_NAV
Keiler Bier

Spessartbund wandert auf Spuren des 1. und 2. Weltkrieges (2)

Spessartbund wandert auf Spuren des 1. und 2. Weltkrieges (2)
Fast 90 Wanderer waren der Einladung des Geschichtsvereins Jossgrund im Namen des Spessartbunds gefolgt.

Es begann mit einer alten Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Soldat informiert seine Lieben, dass er keinen Urlaub bekommt, weil er schlecht geschossen hat. Sein Stationierungsort: Lettgenbrunn im Spessart. Sein Urenkel: Tobias Picard, Vorsitzender des Geschichtsvereins Jossgrund. Dieser begab sich gemeinsam mit dem Spessartbund nun auf Spurensuche in das kleine Spessartdorf.

Morgenpost

„Hier in der ganzen Umgebung sind kaum Bäume zu sehen, die älter als 100 Jahre alt sind“, informierte Holger Heinemann während der knapp zweieinhalbstündigen Wanderung rund um den geschichtsträchtigen Ort. Der Lettgenbrunner führt seit Jahren regelmäßig Schulklassen und historisch Interessierte unter dem Titel „Bunker, Bahntrasse und Bombenhügel“ zu den Schauplätzen beider Weltkriege.

Diesmal waren fast 90 Personen der Einladung des Spessartbunds gefolgt. Gleich zu Beginn erfuhren sie, wie die abgelegene Gegend sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs zu einem der größten Truppenübungsplätze des deutschen Heeres wandelte. „Lettgenbrunn ist mehr als 700 Jahre alt und war damals ein ganz normales Spessartörtchen“, erzählte Heinemann. Dann kam der kaiserliche Erlass – wer nicht freiwillig ging, wurde enteignet.

Anfang des Jahres 1913 hatten alle Einwohner ihre Heimat verlassen und die Militärs bezogen die entvölkerten Häuser. Überall in den nahe gelegenen Tälern und auf den Hügeln seien Kriegsszenarien aufgebaut worden; man könne sich das wie eine Art Baukastenprinzip vor-stellen, so Heinemann. Noch heute verliefen zahlreiche Waldwege auf ehemaligen Bahntrassen und Namen wie „Minenwerfergrund“ oder „Bombenhügel“ zeugten von der damaligen Verwendung.

Ergreifendstes Beispiel ist jedoch ein in sich zusammengesunkener Bunker, der mitten auf der heutigen Golfanlage bei Lettgenbrunn steht. „Es handelt sich hierbei um einen so genannten ´Aussichtsbunker´ aus dem Zweiten Weltkrieg“, deutet Holger Heinemann auf den mehr als fünf Meter hohen Turm. Lettgenbrunn war zwar nach dem Ersten Weltkrieg wieder besiedelt worden, bereits 1935 wurde der Ort allerdings erneut geräumt.

„Doch jetzt kamen die Bomber“, so der 44-Jährige und vermutet: „Die Nationalsozialisten haben wohl damals gedacht: ´Ach, das hat doch im Ersten Weltkrieg auch gut funktioniert´“. Somit mussten Lettgenbrunn und Umgebung erneut für militärische Übungen herhalten. Das ganze Gelände diente nun als riesiger Bombenabwurfplatz. Wieder blieb kein Stein auf dem anderen.

Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden wieder Grundsteine für neue Häuser gelegt. Diesmal waren es Heimatvertriebene und Flüchtlinge, die sich in dem völlig zerstörten Gebiet ansiedeln sollten. Viele der Familien leben bis heute dort. Wie war diesen Menschen damals zu Mute und wie konnten sie zueinander finden? Zu dieser Frage hat Holger Heinemann die geführte Tour „Was ist Heimat?“ entwickelt.

Diese bietet er gemeinsam mit dem Spessartbund am Samstag, den 3. Oktober, an. Treffpunkt zu der kostenfreien, rund 90-minütigen Wanderung ist am Parkplatz der Kirche, Sudetenstraße 34, Jossgrund-Lettgenbrunn. „Meine Führungen sollen immer auch ein Mahnmal sein“, insistierte Heinemann. „Ein Mahnmal gegen Vertreibung und gegen Krieg. Wir müssen immer daran denken, wie krass schnell der Kipppunkt kommen kann und stets vorsichtig sein. Deshalb ist es so wichtig.“

lettgenspess az1

Historisch interessiert und äußerst anschaulich informierte Holger Heinemann über die Geschichte des kleinen Spessartdorfes, das zwei Mal zu Übungszwecken zerbombt wurde.

lettgenspess az2

lettgenspess az3

"Hier findet man immer mal wieder noch Teile von alten Bomben", erzählte der Lettgenbrunner.

lettgenspess az4

Fast 90 Wanderer waren der Einladung des Geschichtsvereins Jossgrund im Namen des Spessartbunds gefolgt.

lettgenspess az5

Diesen Aussichtsbunker aus dem 2. Weltkrieg umgibt heute eine Golfanlage, an der der Wanderweg "Spessartweg 3" direkt vorbeiführt.

lettgenspess az6

lettgenspess az7

Alte Feldpostkarten zeigen, wie Lettgenbrunn als Truppenübungsplatz vor dem Ersten Weltkrieg aussah, nachdem das Militär die entvölkerten Häuser bezogen hatte.

lettgenspess az8

Zahlreiche Baracken belegen die Bedeutung eines der größten Truppenübungsplätze des deutschen Heeres, auf dem bis zu 10.000 Soldaten gleichzeitig stationiert waren.

Artikel teilen: Teilen Tweeten Teilen
Ihnen ist etwas Interessantes aufgefallen im Main-Kinzig-Kreis? Schreiben Sie uns an info@vorsprung-online.de
Zeig dein Herz und spendiere der Redaktion einen Kaffee! Jede Unterstützung hilft uns, weiterhin unabhängig aus der Region zu berichten.
☕ Kaffee spendieren
Interkulturelle Wochen im Main-Kinzig-Kreis