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Wahlkampf etwas anders: Ritter, Rebell, Reformator

Wahlkampf etwas anders: Ritter, Rebell, Reformator
Gerold Lotz trug seinen Hutten-Vortrag in Ramholz in historischem Gewand vor. Foto: Ulrich Schwind

Geschichte als politischer Impulsgeber: Unter diesem Leitgedanken stand ein Vortragsabend über Ulrich von Hutten, zu dem die Bürgerbewegung Bergwinkel (BBB) im Rahmen ihrer Kommunalwahlkampagne eingeladen hatte.

Es war eine etwas andere Veranstaltung im Vorfeld der Wahl, die aber gut bei den Gästen ankam. In der Vollmerzer Gaststätte „Josch“ zeichnete Referent Gerold Lotz das vielschichtige Porträt eines Mannes, der als Ritter, Humanist und Publizist zu den streitbarsten Persönlichkeiten der frühen Reformationszeit zählt. Lotz strukturierte den Abend in mehrere Abschnitte: Nach einer Einführung folgte eine historische „Spurensuche“, eine szenische Lesung ausgewählter Texte sowie ein offenes Forum zur Frage, was Hutten der Gegenwart zu sagen hat. Damit verband die Veranstaltung historische Reflexion mit politischer Aktualisierung.

Geboren 1488 auf der Burg Steckelberg, entstammte Hutten einem fränkischen Rittergeschlecht. Die Höhenburg bei Schlüchtern bildete den Ausgangspunkt eines Lebens, das von Unruhe und intellektueller Rastlosigkeit geprägt war. Als „unstetiger Wanderer“ durchzog er das Heilige Römische Reich, studierte an verschiedenen Universitäten und unternahm zwei prägende Reisen nach Italien. Früh wandte er sich humanistischen Idealen zu und kämpfte gegen scholastische Erstarrung und kirchliche Dogmatik.

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf Huttens publizistischem Wirken. Als scharfer Kritiker des Papsttums prangerte er die „Tyrannei der römischen Kurie“ an und forderte tiefgreifende Reformen. Er trat für eine religiöse Erneuerung des Reiches ein und unterstützte die reformatorischen Bestrebungen von Martin Luther. Zugleich verfolgte er politische Ziele: die Stärkung kaiserlicher Autorität und eine nationale Einigung Deutschlands. In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch sein Bündnis mit Franz von Sickingen, mit dem er gegen geistliche und weltliche Fürsten opponierte.

Nicht ausgespart blieb Huttens persönliche Leidensgeschichte. Seine Erkrankung an Syphilis, die er in der Schrift „Über die Heilkraft des Guiacum und die Franzosenseuche“ thematisierte, wurde zum existenziellen Kampf. Krankheit, politische Niederlagen und Verfolgung kennzeichneten die Jahre 1521 bis 1523 – eine Phase, die schließlich in seinem frühen Tod mündete.

Die szenische Lesung verlieh dem Abend besondere Lebendigkeit. Vorgetragen wurden unter anderem Auszüge aus einem Brief an Willibald Pirkheimer aus dem Jahr 1518, Passagen aus den „Dunkelmännerbriefen“ sowie Dialoge aus dem „Gesprächsbüchlein“ und „Deutschlands Leiden und Hoffnung“. Deutlich wurde dabei Huttens stilistische Vielseitigkeit: vom satirischen Spott bis zur pathetischen Klage gegen die „Gewalt des Papstes“. Bemerkenswert ist auch seine sprachpolitische Leistung: Seit 1520 schrieb Hutten zunehmend in deutscher Sprache und trug damit zur Entwicklung einer selbstbewussten deutschen Schriftsprache bei.

Im abschließenden Forum stand die Frage im Mittelpunkt, welche Denkanstöße von Hutten heute ausgehen können. Diskutiert wurden sein Eintreten für freie Wissenschaften, sein Widerstand gegen autoritäre Strukturen und sein Mut zur öffentlichen Kontroverse. Die anwesenden Kandidaten der BBB griffen diese Aspekte auf und stellten Bezüge zu aktuellen kommunalpolitischen Herausforderungen her.

Der Abend machte deutlich: Ulrich von Hutten war mehr als eine historische Figur. Er war ein streitbarer Intellektueller, der Missstände beim Namen nannte und Reformen einforderte – kompromisslos, wortgewaltig und politisch engagiert. Genau darin, so der Tenor der Veranstaltung, liege seine bleibende Aktualität.

Gerold Lotz trug seinen Vortrag übrigens in historischem Gewand vor. An der szenischen Lesung beteiligt war auch Mark Seidenberger, der überzeugend seine Rolle als Sohn des Sonnenkönigs Sol und als Dialogpartner Ehrenhold gestaltete. Die Begrüßung und Moderation des Abends hatte gekonnt der BBB-Spitzenkandidat Hans Konrad Neuroth übernommen.

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Gerold Lotz trug seinen Hutten-Vortrag in Ramholz in historischem Gewand vor. Foto: Ulrich Schwind

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Die Begrüßung und Moderation des Abends hatte gekonnt der BBB-Spitzenkandidat Hans Konrad Neuroth übernommen. Foto: Ulrich Schwind

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BBB-Spitzenkandidat Hans Konrad Neuroth (rechts) hatte die Gäste zum Vortrag von Gerold Lotz begrüßt. Foto: Ulrich Schwind

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