Von wegen Großstadt: Hanau hat laut Volkszählung viel weniger Einwohner

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Im Main-Kinzig-Kreis leben deutlich weniger Menschen als gedacht: Laut der jetzt veröffentlichten Volkszählung – Zensus 2022 – waren es am 15. April 2022 in den 29 Kommunen insgesamt 412.094 Einwohner. Die Kreisverwaltung nennt auf ihrer Homepage die Zahl 430.800 Menschen, was allerdings selbst nach der Bevölkerungsfortschreibung nach dem Zensus 2011 bis zum 30. Juni 2022 (angenommener Wert: 428.180) zu viele wären. Besonders interessant ist allerdings der Blick auf die Stadt Hanau, laut eigenen Angaben „Hessens kleinste Großstadt“. Nur offenbar stimmt das gar nicht.



Großstadt ist nur eine Kommune, die 100.000 Einwohner oder mehr hat. Hanau vermeldete das Überschreiten seit 2022 mehrfach, doch die jetzt veröffentlichen Zahlen vom Hessischen Statistischen Landesamt sprechen eine ganz andere Sprache. 93.632 Personen lebten demnach am 15. April 2022 in Hanau. Zwar wäre die Einwohnerzahl laut Bevölkerungsfortschreibung mit 100.307 knapp überschritten worden, allerdings ist diese Zahl nun Makulatur. Die Zahlen der Statistiker aus Wiesbaden sind bindend und treten dann in Kraft, wenn die offiziellen Bescheide an die Kommunen gesendet wurden und die vierwöchige Widerspruchsfrist ohne Einspruch aus den Rathäusern abgelaufen ist. Die Versendung soll bis zum Herbst erfolgen. Bis dahin zeigt sich das Landesamt gegenüber den Kommunalverantwortlichen gesprächs- oder viel mehr erklärungsbereit. Und in Hanau gibt es offenbar bedarf: Für kommenden Mittwoch hat die komplette Stadtspitze zu einer Pressekonferenz eingeladen, vorher wollte sich niemand zum Zensus 2022 äußern.

Eine Wiederlegung der Zahlen dürfte allerdings schwierig werden. Von der Landesregierung in Wiesbaden kommt bereits die klare Botschaft: „Maßgeblich für das Hessische Innenministerium sind die Einwohnerzahlen, die vom Hessischen Statistischen Landesamt festgestellt werden.“ Dieses wiederum speist seine Datenbanken vor allem aus den Melderegistern der Städte und Gemeinden. Alle 10 Jahre wird aber genau geguckt: Zuerst in den Registern selbst, ob es beispielsweise Doppellungen oder Personen mit mehreren Hauptwohnsitzen gibt. Und dann werden Interviewer rausgeschickt, die an Haustüren klingeln und so herausfinden, wer dort tatsächlich wohnt – wer nicht. Hessenweit wurden so 160.000 Einwohner aus der Statistik gestrichen. Auch alle Wohnheime und Gemeinschaftsunterkünfte in Hessen wurden besucht. Ergebnis: Die Bevölkerung Hessens lag am 15. Mai 2022 bei exakt 6.207.278 Menschen, davon waren circa 5,17 Millionen deutsche und circa 1,04 Millionen ausländische Personen. Die großen Unterschiede bei den Zahlen vom Zensus und den Angaben in den Melderegistern werden übrigens vor allem mit dem Wegzug von ausländischen Personen begründet. Während sich bei einem Umzug innerhalb Deutschlands die Meldebehörden untereinander abgleichen, gibt es dies mit dem Ausland nicht. Wer also einmal angemeldet ist und dann wegzieht ohne Abmeldung, bleibt weiterhin in der Statistik der Kommunen. So erklären es die Statistiker in Wiesbaden: „Der Bevölkerungsrückgang ist vor allem durch die überdurchschnittliche Abnahme der ausländischen Bevölkerung zu erklären: Während die Abweichung der aktuellen Zensus-Ergebnisse von der Bevölkerungsfortschreibung bei deutschen Einwohnerinnen und Einwohnern in Hessen nur minus 0,8 Prozent (Deutschland: minus 0,5 Prozent) beträgt, zeigt sich bei der ausländischen Bevölkerung ein deutlicher Unterschied von minus 10,6 Prozent (Deutschland: minus 8,1 Prozent).“

Die offizielle Bevölkerungszahl des Hessischen Statistischen Landesamtes hat übrigens auch finanzielle Auswirkungen: So bekommt ein Busfahrer in einer Großstadt beispielsweise eine Ballungsraumzulage. Auch die finanziellen Zuwendungen von Bund, Land und Kreis an die Kommunen berechnen sich anhand dieser Grundlage. Und selbst das Gehalt von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern ist abhängig davon, wie viele Einwohner in der jeweiligen Stadt oder Gemeinde leben. Und wer sich noch an die Corona-Zeit erinnert: Bei der Ermittlung des Inzidenzwertes waren die Einwohnerzahlen ein entscheidender Faktor, mehr Bürger in der Statistik bescherte einen niedrigeren Wert.

In Hanau gibt es noch einen Sonderfall mit der zum 1. Januar 2026 angestrebten Auskreisung aus dem Main-Kinzig-Kreis. Die ehemalige schwarz-grüne hessische Landesregierung hatte dafür extra noch eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht und ein „Lex Hanau“ geschaffen. Das Hessische Innenministerium klärt auf: „In dem konkreten Prozess der Auskreisung Hanaus stellt die Einwohnergrenze von 100.000 keine rechtliche Voraussetzung dar, die zwingend zu erfüllen ist. Durch die Neufassung des § 4a Abs. 1 Hessische Gemeindeordnung im Jahre 2020 wurden erstmals Kriterien für die Anerkennung einer Stadt als ‚kreisfreie Stadt‘ festgeschrieben. Das hessische Landesrecht enthielt bisher keine Bestimmungen über die Kriterien, nach denen eine Stadt als ‚kreisfrei‘ anerkannt werden kann. Im Hinblick auf die zum Zeitpunkt der Gesetzesänderung fortgeschrittene Entwicklung hin zu einer zwischen dem Main-Kinzig-Kreis und Hanau einvernehmlichen Regelung hat der Hessische Gesetzgeber entschieden, dass das Verfahren zur Auskreisung der Stadt Hanau noch nach bisherigem Recht, das nicht an eine Mindesteinwohnergrenze anknüpft, zu beurteilen ist (s. § 149 Abs. 1 HGO: ‚Die in § 4a Abs. 1 Satz 2 genannte Einwohnergrenze gilt nicht für die Stadt Hanau.‘).“

Auch für den Zensus 2022 wird es übrigens wieder eine Bevölkerungsfortschreibung geben. Wenn die offiziellen Bescheide vom Hessischen Statistischen Landesamt rechtswirksam sind, starten alle Kommunen im Main-Kinzig-Kreis mit den in den Tabellen aufgeführten Einwohnerzahlen.

 

  Zensus 2022 Bevölkerungsfortschreibung

Main-Kinzig-Kreis

412094

428180

Bad Orb, Stadt

9724

10586

Bad Soden-Salmünster, Stadt

13364

13799

Biebergemünd

8277

8398

Birstein

6102

6257

Brachttal

4849

5080

Bruchköbel, Stadt

20335

20792

Erlensee, Stadt

15333

15802

Flörsbachtal

2278

2359

Freigericht

14078

14533

Gelnhausen, Barbarossastadt, Kreisstadt

22868

23499

Großkrotzenburg

7297

7503

Gründau

14356

14759

Hammersbach

4801

4889

Hanau, Brüder-Grimm-Stadt

93632

100307

Hasselroth

7231

7355

Jossgrund

3372

3454

Langenselbold, Stadt

14297

14581

Linsengericht

9588

9843

Maintal, Stadt

38712

39588

Neuberg

5167

5438

Nidderau, Stadt

20055

20666

Niederdorfelden

3765

3962

Rodenbach

10834

11246

Ronneburg

3463

3474

Schlüchtern, Stadt

15577

16093

Schöneck

11577

11960

Sinntal

8646

8804

Steinau an der Straße, Brüder-Grimm-Stadt

10031

10263

Wächtersbach, Stadt

12485

12890


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