Nur in Bayern und Thüringen gibt es „Wirtschaft und Recht“, in Sachsen „Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft“ und in Sachsen-Anhalt „Rechtskunde“. Immerhin tauchen rechtskundliche Inhalte aber auch in Hessen für einige Stunden im Fach „Politik und Wirtschaft“ an allgemeinbildenden Schulen auf.
An der Hohen Landesschule Hanau (HOLA) gibt es dank Fachbereichsleiter Stefan Prochnow seit einigen Jahren den Wahlunterricht „Recht“ für die 9. und 10. Klassen, den er alljährlich mit besonderen Inhalten spickt. „Natürlich besuchen wir jedes Jahr Gerichtsverhandlungen am Hanauer Amtsgericht“, berichtet Prochnow, „wir haben aber auch schon mal das Gerichtslabor an der Universität Göttingen besucht, eine Justizvollzugsanstalt besichtigt oder eine rechtsarchäologische Fahrradexkursion durchgeführt. Außerdem lade ich Experten in den Unterricht ein."
Am 20. Mai 2026 besuchten Moritz Thormann und Nele Sprunk den Unterricht. Die beiden promovieren über juristische Themen an der Philipps-Universität Marburg. Doch sie engagieren sich auch im Verein „Grundgesetz verstehen“, in dem Juristen und Experten anderer Fachbereiche Jugendlichen das Grundgesetz verständlich und anschaulich vermitteln wollen. „Wir bringen Fallbeispiele mit und lassen die Schüler kontroverse Themen debattieren, etwa zur Meinungsfreiheit“, sagt Thormann.
Der Verein „Grundgesetz verstehen“ wurde 2019/2020 von jungen Juristen gegründet. Das Ziel ist, Juristen und Experten anderer Fachbereiche in die Schulen zu bringen, aber nicht, um die Jugendlichen mit Fachbegriffen zuzuschütten, sondern um das Grundgesetz anschaulich und verständlich anhand fiktiver Fälle oder aktueller Beispiele zu erklären. Ein Beispiel: in der Unterrichtseinheit zur Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG) wird anhand konkreter Situationen mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, was eine Versammlung überhaupt ist. Im Anschluss daran planen die Schülerinnen und Schüler ihre ganz eigene „perfekte Demo”. Diese wird gemeinsam „durchgespielt“, wobei die Schüler auf verschiedene Szenarien, wie z. B. eine Gegendemonstration, reagieren müssen.
Mittlerweile haben die Vereinsmitglieder über 10.000 Schüler in 478 Klassen aus 12 Bundesländern erreicht. Und sie haben längst namhafte Fürsprecher gewinnen können, darunter aktuelle und ehemalige Bundesverfassungsrichter wie Dr. Rhona Fetzer und Prof. Andreas Voßkuhle.
Und was sagen die HOLA-Schüler? Kevin Biesdorf, Klasse 9E, findet: „Am besten gefallen hat mir, dass wir genau erfahren haben, was eigentlich eine Meinung ist und was nicht.“ Auch die Abwägung von Grundrechten und das Fällen eigener Urteile kamen bei der Lerngruppe gut an. Dass die jungen Juristen den Unterricht bereichert haben, sollte also durchaus Schule machen.


