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Miteinander menschlich gestalten

Miteinander menschlich gestalten

Menschliches Miteinander – was bedeutet das und warum sollten wir uns darauf rückbesinnen?

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In einer Zeit der gesellschaftspolitischen und globalen Umbrüche stellte der Philosoph Dr. Christoph Quarch am Mittwoch beim Neujahrsempfang des BWMK (Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V.) im Brockenhaus Hanau zentrale Fragen zur Ethik des Zusammenlebens.

Ganz am Anfang der europäischen Geistesgeschichte habe ein Appell gestanden: „Erkenne dich selbst!“ Die Inschrift am Tempel des Apollon in Delphi sei eine Aufforderung gewesen, darüber nachzudenken, was es denn eigentlich mit dem Menschsein auf sich habe, so Quarch. Aristoteles habe als einer der ersten Philosophen darauf eine Antwort gegeben und erkannt, dass der Mensch ein soziales Wesen sei: ein zoón politikón. „Heute scheint diese Einsicht aus dem Blick geraten zu sein. Der Mensch der Gegenwart deutet sich im Anschluss an den englischen Philosophen Thomas Hobbes als rationaler Egoist, dem es vor allem daran gelegen ist, seine eigenen Interessen zu verfolgen“, führte Quarch aus.  „Doch dieses Menschenbild bekommt uns nicht. Es hat nicht nur eine zerstörte Natur, sondern auch zerstörte Seelen hervorgebracht.“

Deshalb sei es an der Zeit, die Weisheit der Griechen neu zu entdecken und Ernst damit zu machen, dass wir Menschen Beziehungswesen sind, deren Identität sich in der Begegnung mit anderen formt. Quarchs Quintessenz: „Wir finden immer dann Erfüllung, wenn wir die Tugenden und Werte des Miteinanders verwirklichen.“ Um das zu erreichen, sei es elementar, auf Vertrauen, Vernehmen, Verantwortung und Verstehen zu bauen. Wichtig sei Vertrauen dem Anderen gegenüber, die Bereitschaft, genau zuzuhören, der Mut und die Kraft, mit ganzer Persönlichkeit zu antworten, um schließlich ein gegenseitiges Verständnis zu erzeugen.

Aus der Vielfalt lernen
Zuvor hatte Doris Peter, die Verwaltungsratsvorsitzende des BWMK, ihre Besorgnis über Terror, Gewalt und erstarkenden Rechtspopulismus geäußert. Rund 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft und dem öffentlichen Leben, darunter die Landtagsabgeordneten Christoph Degen (SPD) und Michael Reul (CDU), Landrat Erich Pipa und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, folgten den Ausführungen der Redner und wurden mit ausreichend Impulsen für die Gestaltung einer Gesellschaft versorgt, in der verschiedenste Menschen gleichberechtigt und friedlich zusammenleben können. Dass es sich dabei um ein hoch gestecktes Ziel handele, das des Einsatzes aller bedürfe, unterstrich Doris Peter in ihrer Rede. Das BWMK halte an der Überzeugung fest, dass in der Unterschiedlichkeit der Menschen ein riesiges Potenzial der gegenseitigen Bereicherung und Entwicklung liege.

Beispiel Sophie-Scholl-Schule Hanau: In der inklusiven Ganztagsschule lernen Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen voneinander. „Die Kinder können schon sehr früh durch gegenseitige Unterstützung die eigenen Fähigkeiten zu trainieren. Sie finden gemeinsam und für sich selbst die beste Lösung für eine kniffelige Aufgabe. Sie lernen verstehen, was gebraucht wird, damit jeder sein Talent einsetzen kann und wo sie sich Hilfen oder Wissen holen können.“ Inklusive Schulen bereiteten in besonderem Maße auf die Zukunft vor, weil sie soziale Kompetenz, individuelles Lernen und Wissensaustausch förderten. „Um Antworten auf die Herausforderungen unserer globalisierten Gesellschaft zu finden, wird Arbeiten in heterogenen Gruppen aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit unterschiedlichsten Fähigkeiten immer wichtiger“, so Peter. Dieses gemeinsame Lernen dürfe nicht nach der vierten Klasse aufhören, erklärte sie, und appellierte an die anwesenden Entscheidungsträger, inklusives Lernen auch an den weiterführenden Schulen in Hanau und der Region zu ermöglichen.

Menschen mit Beeinträchtigungen wollen mitwirken
Möglichkeiten für Menschen mit unterschiedlichem Unterstützungsbedarf zu schaffen, ihnen Zugang zu Bildung, Arbeit, Kultur, Sport und mehr zu eröffnen, sei Ziel des BWMK, funktioniere aber nur im Miteinander aller gesellschaftlichen Kräfte. Barrierefreiheit bei der Gestaltung und Planung von Wohnquartieren, Sport- und Kulturvereine mit Angeboten für alle, Bildung und Arbeit dort, wo sie auch für Menschen ohne Beeinträchtigungen stattfinden, nannte Peter als einige Beispiele.

Martin Berg, der Vorstandsvorsitzende des BWMK, stellte die Frage, inwieweit die Gesellschaft bereit sei, Nachteile des Einzelnen – zum Beispiel durch körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigungen – auszugleichen. Man müsse sich die Frage stellen, welche Lebensentwürfe in der nicht beeinträchtigten Bevölkerung als normal angesehen würden. Daran orientiere sich auch, was für Menschen mit Beeinträchtigungen gelte. Diese bräuchten bei der Umsetzung dieser Entwürfe aber geeignete Unterstützung. Der Dialog darüber müsse gesamtgesellschaftlich geführt werden – und miteinander. Dass Menschen mit Beeinträchtigungen zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen gehört werden möchten, machte Werkstatt-Rätin Yvonne Dolgener deutlich. Sie sprach stellvertretend für die Beschäftigten in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM).

Durch die neue Mitwirkungsverordnung habe der Werkstatt-Rat jetzt mehr Möglichkeiten, den Bereich Arbeit mitzugestalten. Auch landes- und bundesweit seien die Verbände der Werkstatt-Räte aktiv. Von den Politikern wünsche man sich Offenheit und Bereitschaft zum Austausch. „Und dass im Sinne aller Menschen gehandelt wird“, betonte Dolgener.

Foto: Philosophischer Jahresauftakt mit (von links): Dr. Christoph Quarch, der Verwaltungsratsvorsitzenden des BWMK, Doris Peter, und Martin Berg, dem Vorstandsvorsitzenden des BWMK.

Foto: Christoph Quarch sprach über die Erfüllung, die im gegenseitigen Verstehen liegt.

Foto: Martin Berg stellte die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Foto: Zu den rund 300 Gästen im Brockenhaus Hanau zählten Vertreter aus Wirtschaft, Verbänden, Institutionen und der Politik, unter ihnen Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Landrat Erich Pipa, die Landtagsabgeordneten Michael Reul und Christoph Degen sowie die Kreisbeigeordneten Susanne Simmler und Matthias Zach.

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