


Grund der jahrelangen Abstinenz bei der Pflanzung von Birnen-Hochstämmen ist der starke Befall von Birnbäumen mit dem Birnengitterrost – einer Pilzerkrankung, die den Bäumen bundesweit stark zusetzt. Befallen werden junge wie alte Exemplare und der Pilz unterscheidet auch nicht zwischen Hochstämmen, Buschbäumchen oder Spalierobst.
Erkennbar ist der Birnengitterrost auf den Birnenblatt-Oberseiten, wo der Pilz orange-braune Flecken ausbildet. Die Fruchtkörper erscheinen dann auf der Blattunterseite: Über seine Gefährlichkeit streiten sich die Geister. In der Fachliteratur wird der Pilz nicht selten als ungefährlich eingestuft. Und mancher Obstbau-Experte ist der Meinung, dass der Birnengitterrost einen erwachsenen, gut gepflegten Birnbaum nicht töten kann.
Naturschützer sehen dies vielerorts kritischer, zumal gut gepflegte Streuobstbestände hierzulande eine Seltenheit sind, Nachpflanzungen weitgehend ausbleiben und Witterungsextreme wie die Jahrhundertdürre im Frühjahr 2011 den Bäumen zusätzlich das Leben schwer machen, erläutert die Biologin Sibylle Winkel. Daher heißt es, den Befall frühzeitig zu erkennen und seinen Ursachen entgegen zu wirken.
„Die Blätter stark befallener Birnbäume sind oft mehr orange als grün“, so die Biologin. Viele Bäume werfen bereits im Juni ihre Früchte ab, weil sie nicht mehr genug Assimilate haben. Im Juli folgen dann die Blätter mit der Folge, dass die Wurzeln nicht mehr ausreichend mit Zuckern versorgt werden können. Verläuft dieser Prozess mehrere Jahre hintereinander, so gehen viele Bäume nach und nach ein oder werden vorzeitig gerodet. Betroffen sind auch Sorten, die als sehr robust gelten können wie etwa die Westfälische Glockenbirne. Nicht selten verzichten daher Landschaftspflegeverbände oder Gartenbauvereine auf die Pflanzung von Birnbäumen oder bieten nur ein stark eingeschränktes Sortiment.
Der Erreger des Birnengitterrostes, wissenschaftlich Gymnosporangium sabinae, ist ein wirtswechselnder Rostpilz. Zur Entwicklung benötigt der Pilz zwei Wirte: die Birne und den Wacholder. Gymnosporangium sabinae lebt vorrangig auf aus Asien stammenden Wacholderarten wie Juniperus sabina, auch als Sadebaum bekannt, und Juniperus media. Die Anfälligkeit für den Gitterrost schwankt dabei außerdem von Birnensorte zu Birnensorte. Der heimische, aus den Wacholderheiden bekannte Gemeine Wacholder (Juniperus communis) dagegen bereitet keine Probleme.
Die Zierwacholderarten gelten als pflegeleicht, sind preisgünstig und werden oft in Gärten aber auch öffentliche Grünanlagen gepflanzt. An infizierten Wacholdern kann man ab Mitte April erste Anzeichen erkennen. Die Äste verdicken sich an den befallenen Stellen warzenartig und tragen braune, später gelbe, im feuchten Zustand gallertartige Sporenlager. Diese können bis zu zwei Zentimeter groß werden. Ganze Zweigpartien können mit ihnen übersät sein und sich so beinahe vollständig orange färben.
Im Frühjahr trägt der Wind die Sporen des Pilzes weiter. Bis zu 500 Meter können sie fliegen, bei ungünstigen Winden sogar noch weiter. „Das reicht für die Mehrzahl der Streuobstgürtel, wie sie früher um unsere Dörfer und Kleinstädte angelegt wurden“, bedauert Sibylle Winkel. Wird ein Birnbaum befallen, zeigt dieser zur Blütezeit erste Befallssymptome. Zunächst bilden sich kleine, gelbe bis orangerote Flecken auf der Blattoberseite, die sich den Sommer über vergrößern, sodass ein Birnbaum am Ende häufig mehr rot als grün leuchtet.
Im Spätsommer bilden sich an der Unterseite des Blattes warzenförmige Wucherungen mit den Sporenlagern, die zunächst von einer Haut umschlossen ist. Reißt diese mit der Zeit auf, entsteht ein Gittergeflecht – der „Birnengitterrost“. Die Sporenlager geben jene Sporen frei, die wiederum den Wacholder infizieren und dort als Pilzgeflecht überleben. „Wichtig ist es, die Infektionskette zu unterbrechen“, fordert Sibylle Winkel. „Die beste Vorbeugung wäre es, den asiatischen Wacholder aus den Gärten und Parkanlagen wieder zu entfernen.“
Die NABU-Biologin appelliert daher an alle Gartenbesitzer und die kommunalen Verantwortlichen, die Zierwacholder aus den Pflanzlisten zu streichen. Periodische Pflegemaßnahmen sollten genutzt werden, die Problempflanzen durch heimische Gewächse zu ersetzen. Bei Neuanlagen sollte generell auf Zierwacholder und Co. verzichtet werden. Aufklärung tut Not, um den Birnengitterrost langfristig aus Gärten und Obstwiesen zu verbannen. Hobbygärtner, Landschaftsplaner, Architekten und Kommunen müssen gleichermaßen überzeugt werden, bei künftigen Planungen auf die Wacholderarten aus Übersee zu verzichten.
“Noch setzen wir auf Aufklärung, Information und Einsicht“, erklärt die NABU-Expertin Sibylle Winkel. „Allerdings schauen wir ein wenig neidisch in die Schweiz“, so die Biologin. Hier geht man längst einen Schritt weiter. Bei der Bekämpfung des Birnengitterrostes sind einige Kantone dazu übergegangen, den Wacholder als Wirt systematisch zu entfernen. Die Verwaltung setzt dabei auf die Mithilfe der Bürger. Sie ruft im Herbst dazu auf, befallene Birnbäume zu melden. Fällt der Befall besonders stark aus, klärt die Verwaltung die Besitzer der Büsche über die Wirtsfunktion des Wacholders auf und fordert sie auf, die problematischen Sträucher zu entfernen. Solch ein Vorgehen ist in Hessen derzeit undenkbar. Allerdings würden sich die Naturschützer vom NABU freuen, wenn künftig mehr Gartenbesitzer über die Gefahren der Wacholdersträucher aus Übersee aufgeklärt wären – um so die heimischen Birnbäume als uraltes Kulturgut zu schützen und die Biodiversität und Sortenvielfalt der Birne zu erhalten.
Damit die Landschaft prägenden Birnen-Hochstämme in den nächsten Jahrzehnten nicht vollends aus Hessens Kulturlandschaft verschwinden, hat der NABU Main-Kinzig wieder – ganz gegen den Trend – damit begonnen, Birnbäume in seinen Streuobstwiesen zu pflanzen. „Allerdings werden die „Michelsbirne“, die Gute Graue“ oder die „Vereinsdechantbirne“, allesamt alte und bedrohte Regionalsorten, zunächst nur auf Obstwiesen weitab von Ortschaften ein neues Zuhause finden“, ergänzt Sibylle Winkel. „Weitab vom nächsten asiatischen Zierwacholder!“ In diesen NABU-Refugien müssen die alten Birnensorten die kommenden Jahre überdauern, bis sich im Gartenbau wieder neue Trends durchgesetzt haben und das „problematische Friedhofsgrün im Vorgarten“ aus der Mode gekommen ist.



