In der Kriegsgräberstätte Schlüchtern haben sowjetische Kriegsgefangene, polnische Zwangsarbeiter, hingerichtete KZ-Häftlinge, Angehörige der Wehrmacht, Soldaten der Waffen-SS und durch Bombenangriffe und Fliegerbeschuss Verstorbene ihre letzte Ruhestätte. Laut Gräberliste wurden dort mindestens 33 ausländische Personen bestattet. Unter den deutschen Toten finden sich auch Opfer der NS-Militärjustiz, die in den letzten Kriegstagen im Raum Schlüchtern als sog. Fahnenflüchtige hingerichtet wurden.
Einige Schülerinnen und Schüler der Henry-Harnischfeger-Schule merkten an, dass insbesondere die dort bestatteten 100 Soldaten der Waffen-SS, die die durchrückende amerikanische Armee auf der Spielberger Platte an Ostern 1945 von hinten angriffen und die Dörfer Waldensberg und Leisenwald durch diese Kampfhandlung zerstörten, trotz ihrer Zugehörigkeit zur Waffen-SS nicht nur als Täter, sondern im Rückblick vielleicht auch als Opfer gesehen werden sollten. „Sie waren sehr jung, wuchsen im Nationalsozialismus auf und waren sicher fanatisch. Sie wurden in einer Diktatur zu Mördern erzogen und hatten vielleicht keine Chance, sich dieser zu entziehen. Die Nationalsozialisten haben auch ganze Generationen deutscher Jungen und Mädchen, Männer und Frauen ihrer Zukunft beraubt. Auch das dürfen wir nicht vergessen.“, so Schülerinnen und Schüler des Wahlpflichtkurses „Heimat unterm Hakenkreuz“.
Es sei ein merkwürdiges Gefühl, wenn neben SS-Soldaten hingerichtete KZ-Häftlinge aus den Adlerwerken in Frankfurt liegen, die den Todesmarsch durchs Kinzigtal nicht überlebten. Noch bis heute stünde kein Name, auf der kleinen Grabtafel, sondern „unbekannter Soldat“. Die Schülergruppe hofft, dass diese im Sinne der Toten und Angehörigen in naher Zukunft richtig beschriftet werden.
Auch zum Teil minderjährige Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter in Betrieben der Region arbeiten mussten und verstarben, liegen in Schlüchtern bestattet. Das Lager Wegscheide bei Bad Orb diente als Kriegsgefangenenlager Stalag IX B. Bis zu 25.000 Kriegsgefangene waren dort gleichzeitig interniert. Insbesondere die sowjetischen Kriegsgefangenen litten unter den elenden Bedingungen des Lagers und wurden ausgehungert. Zu Skeletten abgemagert mussten sie in Steinbrüchen arbeiten und waren den Misshandlungen der Wachmannschaften ausgesetzt. Einige wurden im Reserve-Lazarett für erkrankte Kriegsgefangene im St. Vinzenz- und Marienheim nach Bad Soden verbracht. 120 Personen unterschiedlicher Nationalität kamen dort ums Leben. Elf von ihnen wurden in Schlüchtern beigesetzt.
Die Schülergruppe der Henry-Harnischfeger-Schule fand auch Gräber von Kindern und Jugendlichen, die bei einem Bombenangriff auf Steinau ums Leben kamen. Das wohl jüngste Kriegsopfer, an das die Kriegsgräberstätte erinnert, ist der nur wenige Wochen alt gewordene Säugling Klaus Helmut Obert, der bei einem Bombenangriff einen Lungenriss erlitt.
Die zwanzig Schülerinnen und Schüler des Geschichtskurses „Heimat unterm Hakenkreuz“ unter Leitung von Julia Czech, Pädagogische Leiterin der Henry-Harnischfeger-Schule, beschäftigt sich mit den Entwicklungen und Geschehnissen der eigenen Heimat in den Jahren 1933 bis 1945. Schwerpunkte waren die Pflege der Stolpersteine in Salmünster, die Ausgrenzung und Deportation der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Kriegsgefangenenlager Stalag IX B Wegscheide, die Bombardierung Hanaus im März 1945, der Todesmarsch der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Adlerwerke durch das Kinzigtal sowie die Zerstörung der Dörfer Waldensberg und Leisenwald nach Angriff der Schutzstaffel (SS) auf die bereits durchgezogene amerikanische Armee.
Die Schülerinnen und Schüler sind sich einig, dass alle Generationen eine Verantwortung für das „Nie wieder!“ tragen und für Demokratie und Frieden einstehen müssen.
Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 der Henry-Harnischfeger-Schule Bad Soden-Salmünster auf der Kriegsgräberstätte in Schlüchtern.




