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Keiler Bier

Mich wird der Jugendwahn nicht ergreifen

Mich wird der Jugendwahn nicht ergreifen

Es ist schon verrückt. Erst werden wir nicht schnell genug Erwachsen. Und wenn wir es sind, werden wir auf einmal zu schnell alt. Dabei gilt: Jeder ist so jung wie er sich fühlt. Ob sich das auch so anfühlt? Wie so vieles, liegt es im Auge des Betrachters oder des Fühlers. Gäbe es keine Spiegel und Bilder von uns, könnten wir uns nicht ansehen. Ob das ein Vorteil wäre? Ich glaube, eher nicht. Manchmal aber durchaus.

Die Tatsache, dass wir biologische Wesen sind und dadurch endlich sind, also sterblich, bringt es automatisch mit sich: Erst wachsen wir heran, um dann, wenn wir das geschafft haben, unversehens anfangen zu altern. Kein Mensch kann diesen Prozess aufhalten, hinauszögern ja, aber nicht auf ewig. Dies einzusehen, hat schon so manchen verzweifeln lassen. Diejenigen die damit leben können, sind die wahren Lebenskünstler.

Trotzdem haben „Schönheitssalons“ Hochkonjunktur. Wie im richtigen Leben ist alles eine Gradwanderung. Körperpflege und gepflegtes Aussehen sollten doch Standard sein. Dass das nicht immer geht, liegt auch auf der Hand. Ich zieh' zur Gartenarbeit auch nicht mein Ausgehanzug an oder geh' in meinen Arbeitsklamotten ins Theater. Alles zu seiner Zeit. Mit dem Altern hat das auch nichts zu tun, sondern mit der passenden Kleidung zur passenden Gelegenheit. Man kann in jeder Situation eine gute Figur machen. Wenn wir dabei den Blick, wie sehen mich meine Mitmenschen, vernachlässigen würden, wäre das eine sinnvolle Sache. Nur, da steht uns doch unsere Eitelkeit im Wege. Ja, sie will und ist darauf aus, dass wir gesehen und für gut befunden werden. Bewundert wollen wir werden.

Wenn wir an dieser Stelle das „Leben“ verlassen, landen wir automatisch in einer Traumwelt. Der Wunsch immer der Schönste oder die Schönste zu sein, treibt uns weiter vom realen Leben weg. Im nächsten Schritt folgt der „Jugendwahn“. Wir fangen dann an, einem Phantom zu folgen. Dabei verlassen wir den Zyklus des Lebens und manch einer hat da schon geglaubt, er sei unsterblich. Ein anderer hat sein ganzes Vermögen in Schönheitsoperationen gesteckt. Auch dieser Industriezweig hat Hochkonjunktur. Da siehst du deinen Körper sehr kritisch, verfluchst vielleicht noch deine Erzeuger, aber die abstehenden Ohren müssen weg. Wobei ich das noch verstehen kann.

Nicht verstehen kann ich, wenn es um die männlichen und weiblichen Idealrundungen des Körpers geht. Da fehlt es mir wohl an Fantasie. Was nutzt mir mit meinen 73 Jahren ein vom Schönheitschirurgen aufgemotzter Körper, wenn im inneren ein altes Ekel wohnt? Wohl nichts! Finde ich. Da ist mir ein alter, vom Leben gezeichneter Körper mit Herz und Verstand, der herzhaft lachen kann und authentisch ist, doch tausendmal lieber. Oder sehen sie das anders? Mich wird der Jugendwahn nicht ergreifen, ich werde Standhaft bleiben, zu meinem Alter stehen und versuchen, das Beste daraus zu machen. In diesem Sinne, genießt das Leben mit euren Lieben und seid nicht zu streng zu euch und den euren! Ei Gude, wie!

Zum Autor

Er sei ein waschechter Neuenhaßlauer, sagt er von sich selbst. Helmut Müller (73) ist in Neuenhaßlau als 4. von 7 Kindern geboren und ein typisches Nachkriegskind dazu. Seine Mutter Hessin und evangelisch, sein Vater Sudetendeutscher und katholisch, aber kein Flüchtling, sondern Kriegsgefangener, der nicht in seine angestammte Heimat zurückkonnte. Er wächst in einem 4 Generationen Haus mit den Eltern, sechs Geschwistern, Oma und Opa sowie Onkel und der Ur-Großmutter auf. Der Spielplatz war die Straße. In der Volksschule, die er mit dem Hauptschulabschluss beendete, war deutsch seine erste Fremdsprache, die er lernen musste. In späteren Jahren hat er seine mittlere Reife und das Fachabitur für Wirtschaft und Verwaltung nachgeholt und das Ganze als Diplom Verwaltungswirt (FH) abgeschlossen. Er war in etlichen Vereinen aktiv. Man könnte ihn getrost als „Vereinsmeier“ bezeichnen. Er hat dabei fast alle Positionen, die ein Vorstand hat, begleitet. Kontakt: helmut.mueller@vorsprung-online.de

Kommentare

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Hätteesgernschönhier
5 monate vor
Sehr schöner Beitrag. Ich mag Charaktere. Und hoffe, ich entwickele auch ein solches Gesicht. Ich kann nicht verstehen, dass sich Leute unters Messer legen, um das zu unterbinden.
Und die angemessene Kleidung, super. Ich liebe meinen Schaffer-Pulli. Prima erfasst.
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A.S.
5 monate vor
Gut dargestellt Helmut.

Dieser "pimp my body Wahn" setzt sich mittlerweile auch bei jüngeren Generationen fest. Wie man dabei vorgeht und wie das letztendlich aussehen kann, zeigt uns die selbst darstellerische Form in der Welt des Internets, sprich Social Network!

Es ist der Zahn der Zeit!

Auf der einen Seite dem Trend gerecht zu werden und sich gleichzeitig den Alterserscheinungen nicht wirklich stellen zu wollen.

Wobei Grau ist mittlerweile "IN".

Liegt wie du sagst: Im Auge des Betrachters!
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Oldtimer
5 monate vor
Es bringt doch nichts, sich der Realität zu verweigern. Keiner wird jünger.
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