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FDP in Hanau: Anhängsel oder eigenständige Kraft?

FDP in Hanau: Anhängsel oder eigenständige Kraft?

Zum Ausgang der Kommunalwahl in Hanau äußert sich VORSPRUNG-Leser Prof. Dr. Ralf-Rainer Piesold, ehemaliger Vorsitzender der FDP in Hanau, in seinem Leserbrief.

"Die FDP hat am vergangenen Sonntag eine schwere Wahlniederlage hinnehmen müssen. 3,8 % bei der Wahl zur Hanauer Stadtverordnetenversammlung ist das zweit schlechteste Ergebnis seit 80 Jahren. Opposition oder Koalition – das ist nun die Gretchenfrage für die Liberalen in Hanau. Wollen sie weiterhin als Wahlverlierer in einer Koalition von Wahlgewinnern, SPD und CDU, lediglich als Anhängsel mitwirken, oder die Chance nutzen, ihr eigenes Profil zu stärken? Wenn man die Äußerungen von SPD-Bürgermeister Dr. Bieri richtig deutet, könnte er sich eine Koalition mit der FDP vorstellen.

Für die FDP stellt sich jedoch dann die Frage, welchem Zweck ein solches Angebot tatsächlich dient. Die SPD beherrscht ihre Koalitionspartner gerne – wie ein bekannter Kommunalpolitiker einmal formulierte, man 'domestiziert' seine Mitkoalitionäre gerne. Die CDU wird die SPD nicht beherrschen, da deren Wahlergebnis zu gut und die Ambitionen und die Arbeit von Stadträtin Isabelle Hemsley zu stark sind. In dieser Konstellation könnte die SPD auf sozialdemokratisch-affine FDP-Politiker als 'Ausgleichsfaktor' setzen. Die FDP hätte jedoch kaum Chancen, eigene Vorstellungen durchzusetzen, die von denen der SPD abweichen – das habe ich selbst erfahren müssen.

Was gewinnt die SPD in einem solchen Szenario? In erster Linie die Schwächung der Opposition, da die FDP über zwei fähige Stadtverordnete verfügt, denen konstruktive Oppositionsarbeit zuzutrauen ist. Für die FDP wäre ein möglicher Gewinn höchstens ein 'Pöstchen'. Was gewinnt die FDP in der Opposition? Glaubwürdigkeit. Sie kann wieder uneingeschränkt für ihre Werte und Grundüberzeugungen einstehen. Das ist mir in den Jahren 2001 bis 2006 und 2013 bis 2016 gelungen. Zweimal waren die Wahlergebnisse danach hervorragend oder gut – und zweimal konnte die FDP in eine Regierung als wichtiger Faktor eintreten.

Eine starke Opposition in Hanau ist dringend notwendig. Gelegenheiten für konstruktive Oppositionsarbeit gäbe es etwa bei Gewerbesteuererhöhungen, der Verschuldung der Stadt oder städtischen Prestigeprojekten. Ein weiterer Punkt darf nicht übersehen werden: Parteien wie die FDP, die 2026 nur noch 3,8 % erzielten (2021 waren es 6,93 %), oder die BfH, die von 4,59 % auf 2,3 % zurückfielen, sollten jetzt keine 'Regierungsambitionen' entwickeln. Das würde nur Frust in der Bevölkerung verstärken und die Opposition am rechten und linken Rand stärken. Will man wirklich dieses Feld der AfD überlassen?

Ich empfehle meinen Hanauer Parteifreunden daher den Weg in die Opposition – mit einem Vorbild an der FDP Hessen und deren Fraktionsvorsitzenden Dr. Stefan Nass. Ehrliche Oppositionsarbeit ist besser als faule Koalitionskompromisse, die niemand wirklich braucht. Außerdem gilt es, den Wählerwillen zu respektieren – eben glaubwürdig zu sein."

Prof Dr. Ralf-Rainer Piesold
Stadtrat a. D.
Ehemaliger Vorsitzender FDP Hanau
Hanau

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Kommentare

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Dr. Gerhard Stehlik
1 monat vor
Nach der Adenauer Ära konnte die FDP es sich leisten, liberal das Zünglein an der Waage zu spielen und in der Mitte nach links und nach rechts zu pendeln.

Die FDP hat nicht mitbekommen, dass nach der Wende das All-Parteien-Grün das Zünglein-Spiel nicht mehr zulässt und klassische nationale Liberalität, die Ur-Heimat der FDP, nötig gewesen wäre im Sinne von Theodor Heus und Thomas Dehler auf Bundesebene oder in Hessen Persönlichkeiten wie Prinz Solms, Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm, Ruth Wagner, Wolfgang Gerhardt, ja auch noch Jörg Uwe Hahn und eigentlich auch - nach meinem Erinnern - Dr. Ralf-Rainer Piesold.

Die linksliberal und grün gewordene FDP hat die Wende zur nationalen liberalen Tradition nicht mehr geschafft und das Feld den Nationalökonomen wie Bernd Lucke und damit in der Folge Frauke Petry und Alice Weidel und den radikalen Nationalliberalen im Osten überlassen. Deshalb wird sie nicht mehr gewählt.
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Hätteesgernschönhier
1 monat vor
Sehr gut analysiert, Hr. Dr. Piesold. Und Danke für diese Darstellung. Ich kann die FDP nur zur Opposition ermutigen.
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W̷i̸n̵s̷t̵o̴n̸
1 monat vor
Zitat:
Opposition oder Koalition – das ist nun die Gretchenfrage für die Liberalen in Hanau
Mit 3,8% ? *Lach*
Wer nimmt eine 3,8% Partei überhaupt ernst?
Selbst eine unbekannte Partei wie "Die Gerechtigkeitspartei" hat mehr Prozent.

Glücklicherweise Strafen die Bürger immer Häufiger die ganzen Verbrecherparteien ab.
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Nichtmehrwähler
1 monat vor
Kumulieren und Panaschieren abschaffen, 5 % - Hürde wieder einführen.
Problem gelöst.

Die Einführung des neuen Wahlrechts habe ich begeistert begrüßt. Außer plakatgroßen Wahlzetteln, wochenlanger Blockade der Verwaltungen, Streß für Wahlhelfer hat das Wahlrecht nichts gebracht.

Der Unterhaltungswert der Kleinparteien mit ihren Splitterfraktionen ist begrenzt. Nutzen für das Gemeinwohl ist nicht erkennbar.

Hanau bräuchte eine gute Regierung. Ob die FDP weiter brav mitmacht oder als Meckerer am Seitenrand steht, macht für die düsteren Aussichten der Stadtentwicklung keinen Unterschied.

Den Wählerwillen zu respektieren hieße, die Mandate aufgrund Wählerschwund ruhen zu lassen. In dem ganzen Leserbrief ist kein einziges Projekt benannt, für das die FDP existenziell wichtig gewesen wäre.

Das haben die Wähler erkannt.

Vereine mit Mitgliederschwund lösen sich auf. Nur in der Politik geht der alte Betrieb weiter.
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Student aus Uppsala
1 monat vor
Die Bürgermeisterin Frau Braun in Bruchköbel hat bewiesen, daß entgegen einem allgemeinen Trend man durch gute Arbeit den Wähler überzeugen kann.

Nicht durch künstliche Mehrheiten, nicht durch Brandmauern, nicht durch leere Versprechungen und Lügen, sondern einfach durch gute Arbeit im Sinne der Steuerzahler.

Dann klappt's auch mit dem Nachbarn.
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Prof. ad. Wilfried W
1 monat vor
In Bruchköbel hat man in der letzten Amtszeit die Schulden der Stadt
von 43 auf 58 + 8 Millionen EURO vergrößert.
Gemäß Partei-Flyer gekoppelt mit der Aussage "Weitermachen".

Die Möglichkeiten, dank externer Anschub-Aktivitäten die Finanzsituation
deutlich zu verbessern, wurde verworfen.
Man kann also von einem Schaden sprechen, der der Stadt, den Bürgern
entstanden ist.

Übrigens: Der Amtseid (Diensteid) eines Bürgermeisters in Hessen
ist im strafrechtlichen Sinne strafbewehrt, allerdings nicht als eigenständiger
Tatbestand durch den Eidbruch an sich, sondern durch die Verletzung
der mit dem Eid übernommenen Amtspflichten.
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