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Großkrotzenburg: Bezahlbarer Wohnraum braucht Ehrlichkeit

Großkrotzenburg: Bezahlbarer Wohnraum braucht Ehrlichkeit

Zum Thema "Bezahlbarer Wohnraum in Großkrotzenburg" äußert sich VORSPRUNG-Leser Klaus Reuter, ehemaliger Bürgermeister von Großkrotzenburg, in diesem Leserbrief.

"Die jüngste Pressemitteilung der Krotzeburger Grünen klingt zunächst überzeugend: Junge Menschen sollen in Großkrotzenburg bleiben können, bezahlbarer Wohnraum sei eine Investition in die Zukunft, der Markt regle es nicht allein. Im Grundsatz ist das alles richtig. Aber politische Glaubwürdigkeit misst sich nicht an wohlformulierten Absichtserklärungen und an Pressemitteilungen, sondern ausdrücklich am konkreten Handeln der vergangenen Jahre. Das Baugebiet 'Großkrotzenburg West' wurde im Rahmen der hessischen Baulandoffensive 2019/2020 fachlich geprüft und genehmigt unter Beteiligung des Regierungspräsidium Darmstadt, der Regionalplanung sowie des Hessisches Ministerium des Innern.

Diese Behörden haben der Gemeinde Großkrotzenburg einen Weg aufgezeigt, in welchem Rahmen sie ein Baugebiet ausweisen kann. Da gibt es sehr erfolgreiche Projektentwickler, die ein solches Baugebiet in mehreren Bauabschnitten außerhalb des Gemeindehaushalts mit einem städtebaulichen Vertrag realisieren könnten. Das war kein Schnellschuss, sondern ein landesplanerisch abgestimmtes Projekt mit dem klaren Ziel, zusätzlichen Wohnraum auch in Großkrotzenburg zu schaffen. Umso widersprüchlicher erscheint es, dass ausgerechnet jene politische Kraft, die heute mehr bezahlbare Wohnungen fordert, sich gegen dieses Baugebiet ausgesprochen hat. Wer neue Bauflächen grundsätzlich ablehnt, kann schwerlich gleichzeitig mehr Wohnraum fordern. Ohne zusätzliche Flächen oder eine konsequente Nachverdichtung wird es in unserer Gemeinde mit rund 7.500 Einwohnern kaum gelingen, das Angebot spürbar zu erhöhen.

Ja, die Grünen hätten in den vergangenen fünf Jahren Gelegenheit gehabt, konkrete Projekte auf den Weg zu bringen: Gründung oder Beteiligung an einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, Ankauf strategisch wichtiger Grundstücke, Entwicklung innerörtlicher Nachverdichtungskonzepte und Einführung sozialer Quoten bei bestehenden Bauvorhaben. Was davon wurde tatsächlich umgesetzt? Nach meinem Kenntnisstand überhaupt nichts. Wenn nun wenigen Wochen vor der Kommunalwahl am 15.3.2026 umfangreiche Konzepte präsentiert werden, darf man fragen, warum diese Initiativen nicht bereits früher mit Nachdruck verfolgt wurden. Politik lebt von Verlässlichkeit. Eine Kehrtwende wenige Wochen vor der Kommunalwahl wirft Fragen auf, gerade bei einem so zentralen Zukunftsthema.

In ihrer Pressemitteilung verweisen die Grünen auf planungsrechtliche Möglichkeiten: Vorrang für Mehrfamilienhäuser, Sozialwohnungsquoten, flexible Grundrisse, energieeffiziente Bauweise. Selbstverständlich stehen diese Instrumente im Rahmen eines Bebauungsplans zur Verfügung. Aber dafür braucht es Baugebiete oder geeignete Entwicklungsflächen. Wer ein genehmigtes Neubaugebiet ablehnt, verzichtet faktisch auf die Chance, sozialpolitische Zielsetzungen verbindlich festzuschreiben.Appelle an Investoren ersetzen keine verbindliche Bauleitplanung. Planungssicherheit entsteht nicht durch Pressemitteilungen, sondern durch Beschlüsse im Gemeindevorstand und in der Gemeindevertretung.

Auch die Kostenargumentation muss differenziert betrachtet werden. Baukosten von 2.800 bis 3.500 Euro pro Quadratmeter sind unter günstigen Bedingungen erreichbar. Selbst bei 40 bis 60 Prozent Förderanteil verbleibt jedoch ein erheblicher Eigenanteil für die Gemeinde. Für eine Gemeinde mit einem sehr hohen Haushaltsdefizit bedeutet das zusätzliche Kreditaufnahmen, langfristige Zinsbindungen und erhebliche Risiken. Hinzu kommen Instandhaltungs- und Verwaltungskosten sowie die wirtschaftliche Abhängigkeit von dauerhafter Vollvermietung. Die Annahme, Sozialwohnungsbau finanziere sich langfristig quasi selbst, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie hängt von stabilen Zinsen, planbaren Baukosten und nachhaltiger Bewirtschaftung ab. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten darf man diese Risiken nicht ausblenden.

Wenn der Wohnungsmarkt 'versagt', wie es die Grünen formulieren, liegt das vor allem an einem strukturellen Angebotsmangel der Gemeinde. Angebot entsteht jedoch nicht durch politische Erklärungen, sondern durch die Schaffung von tatsächlichem Baurecht und verlässlicher Planungssicherheit. Eine verantwortungsvolle Politik muss daher folgende Fragen offen beantworten: Wollen wir moderates Wachstum zulassen? Wo liegen ökologische und bauliche Grenzen in der Gemeinde? Welche soziale Quote ist finanziell realistisch und dauerhaft tragfähig? Diese Fragen verlangen eine ehrliche Abwägung zwischen Ökologie, Sozialpolitik und Finanzierbarkeit. Pauschale Ablehnung von Bauflächen einerseits und gleichzeitige Forderung nach massivem Wohnungsbau andererseits wirken widersprüchlich und unglaubwürdig. Niemand bestreitet, dass Großkrotzenburg junge Menschen halten und zurückholen will. Niemand stellt infrage, dass bezahlbarer Wohnraum wichtig ist.

Aber Glaubwürdigkeit entsteht durch konsequentes Handeln, nicht durch Wahlkampfparolen bzw. Rhetorik. Wer heute fordert: ‚Wir müssen Wohnungen bauen‘, sollte erklären, warum er gestern gegen ein genehmigtes Baugebiet war, das genau diese Möglichkeit bereits ab 2019/2020 eröffnet hätte. Großkrotzenburg brauche keine Schlagworte, sondern eine langfristige Strategie: maßvolles Wachstum, soziale Verantwortung, solide Finanzierung und planerische Klarheit.Bezahlbarer Wohnraum ist zu wichtig, um ihn parteipolitisch vor der Kommunalwahl zu instrumentalisieren. Er verlangt Mut zu Entscheidungen, auch dann, wenn sie nicht bequem sind."

Klaus Reuter
Bürgermeister a.D.
Großkrotzenburg

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Kommentare

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Kaplosche
2 monate vor
Der Wahn, mehr Wohnraum zu schaffen in diesem Dorf, liegt alleine bei der Hoffnung, mehr Steuereinnahmen zu generieren, soll ja allerlei Defizite geben.

Niemand muss in Krotzeborsch leben. Es gibt Alternativen. Ausserdem ist der Baugrund zu teuer. Fernwärmezwang etc. Wegen der Skyline?

Habe noch ein 800Jahr Feier Buch. Damals waren es auch knapp 7000 Einwohner. Wo haben die gewohnt? Nissenhütten im Oberwald?

Seither gab es zahlreiche "Neubaugebiete". Wer wohnt da, Singles?
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Reklov
2 monate vor
Lieber Herr Kaplosche,
nur mal am Rande: in Großkrotzenburg gibt's keinen Fernwärmezwang! Sie konnten und können ihre Heizungsart, auch in den Neubaugebieten, frei wählen, wie sonst lässt es sich erklären, dass viele Hauseigentümer u. a. auf Wärmepumpen umsteigen?
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