"Mit großem Interesse habe ich das Schreiben der FWG zum geplanten Windpark auf dem Horstberg gelesen. Was mich dabei jedoch irritiert, ist weniger die inhaltliche Kritik als vielmehr der Ton. Begriffe wie 'grüner Spuk' oder 'Ideologiepolitik' tragen nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung bei, sondern vertiefen politische Gräben. Gerade bei einem Thema mit so weitreichenden Folgen braucht Bad Orb Nüchternheit und Verantwortungsbewusstsein. Zunächst eine wichtige Klarstellung: Bei der vorangegangenen Abstimmung hat kein Mitglied der Grünen-Fraktion für Windkraftanlagen auf dem Horstberg gestimmt. Es gab lediglich zwei Enthaltungen aus unserer Fraktion bei einem ansonsten einstimmigen Votum aller Parteien. Die Darstellung, die Grünen würden hier geschlossen und kompromisslos einen Windpark durchsetzen wollen, entspricht also nicht der Realität.
Für mich persönlich ist dieses Thema ein echtes Dilemma. Ich stehe zu hundert Prozent hinter den erneuerbaren Energien und sehe den Klimawandel als eines der größten Probleme unserer Zeit. Ich möchte Verantwortung übernehmen – auch für unsere Kinder und Enkelkinder. Mir ist bewusst, dass die Energiewende ohne Eingriffe und ohne Opfer nicht gelingen wird. Gleichzeitig bedeutet Verantwortung aber auch, die finanziellen und rechtlichen Folgen unseres Handelns ehrlich zu benennen.
Mit Blick auf den anstehenden Bürgerentscheid im März stellt sich mir deshalb eine entscheidende Frage: Ist allen Stimmberechtigten bewusst, was es bedeutet, den Magistrat zu beauftragen, 'alles erdenklich Mögliche' zu tun, um den Windpark zu verhindern? Wenn die dänische Firma Ørsted ihre erwarteten Einnahmen aus acht Windkraftanlagen mit circa 400 Millionen Euro über 25 Jahre beziffert, dann sprechen wir über einen enormen Streitwert. Damit sind hohe Gerichts- und Anwaltskosten praktisch vorprogrammiert – mit unkalkulierbarem Risiko für eine Stadt in der Größe von Bad Orb.
Wie sollen solche Kosten finanziert werden? Durch Einschnitte bei sozialen Einrichtungen, bei Vereinen, bei der Jugendarbeit oder beim Freibad? Oder durch höhere Müllgebühren, höhere Steuern, höhere Hundesteuer oder steigende Beiträge für Familien? Das sind keine theoretischen Fragen, sondern ganz konkrete Konsequenzen kommunaler Haushaltspolitik. Oft wird argumentiert, man wolle keine 'hässlichen Windräder' vom Freibad aus sehen. Doch was passiert, wenn wir einen solchen Rechtsstreit verlieren? Dann stehen wir womöglich nicht vor Windrädern am Horizont, sondern vor verschlossenen Toren unseres Freibades. Dann geht es nicht mehr um Ästhetik, sondern um den Erhalt unserer sozialen und kulturellen Infrastruktur.
Gerade in einer Zeit, in der mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die AfD in stärkerem Maß ins Stadtparlament einziehen wird, sollten die demokratischen Parteien aufhören, sich gegenseitig zu beschimpfen. Unsere Aufgabe ist es, trotz unterschiedlicher Positionen respektvoll zusammenzuarbeiten und gemeinsam Verantwortung für Bad Orb zu übernehmen. Polarisierung nützt am Ende nur denen, die kein Interesse an konstruktiver Kommunalpolitik haben. Bad Orb braucht keine ideologischen Schlagworte, sondern eine ehrliche, sachliche und verantwortungsvolle Debatte über Klimaschutz, Natur, Demokratie – und über die finanziellen Folgen unseres Handelns."
Peter Ringelstein
Bad Orb
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(Das Leben des Brian)