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Lokale Erinnerungskultur an der EKS Maintal

Lokale Erinnerungskultur an der EKS Maintal

Zwei intensive Projekttage im Jahrgang 10 der Erich Kästner-Schule Maintal standen ganz im Zeichen der lokalen Erinnerungskultur.

Unter der Leitung von Katrin Schumann, Vorsitzende des Fachbereichs Gesellschaftslehre, beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit den Lebenswegen von fünf jüdischen Kindern aus Maintal und Umgebung, die während der NS-Zeit ausgegrenzt, verfolgt, deportiert oder zur Flucht gezwungen wurden. Das historische Quellenmaterial wurde vom Brüder-Schönfeld Forum e.V. durch Herrn Begemann zur Verfügung gestellt und ermöglichte eine forschende Auseinandersetzung mit dokumentierten Einzelschicksalen aus der Region.

Die Jugendlichen arbeiteten in kleinen Forschungsgruppen und rekonstruierten mithilfe von Transportlisten, Akten aus Konzentrationslagern, Passagierlisten, Krankenakten, Fotos und weiteren historischen Dokumenten die Biografien von Gerhard und Horst Schönfeld, Fanny Reinhardt, Amalie und Hanna Appel, Hilde Stern sowie Lothar Strauß. Die Arbeit mit den Originalquellen verlangte viel Konzentration, Genauigkeit und gegenseitige Unterstützung. Immer wieder mussten die Jugendlichen alte Handschriften entziffern, Zahlen und Orte vergleichen, Zusammenhänge herstellen und Lücken aushalten, wenn Dokumente plötzlich abbrachen. Im ständigen Austausch miteinander entwickelten sie ein immer klareres Bild davon, wie die Kinder gelebt haben, wann Ausgrenzung begonnen hatte und wie die Deportationen vorbereitet oder Fluchten ermöglicht wurden. Viele Schülerinnen und Schüler reagierten sichtbar betroffen auf die knappen und nüchternen Formulierungen in den überlieferten Dokumenten, die das Schicksal dieser Kinder lediglich in Zahlen und Einträgen festhielten. Unterstützt wurden sie von Frau Schumann, aber auch von ihren Klassenlehrkräften, die die einzelnen Gruppen begleiteten, Fragen aufgriffen und halfen, schwierige Dokumente zu verstehen.

Am zweiten Projekttag gestalteten die Jugendlichen aus ihren Erkenntnissen eine vielschichtige Ausstellung. In fünf thematischen Stationen – Kindheit, Ausgrenzung, NS-Bürokratie, Deportation/Flucht/Euthanasie und Erinnerung heute – präsentierten sie ihre Ergebnisse in Form von großformatigen Biografiepostern, Dokumententafeln und symbolischen Objektstationen. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie präzise und reflektiert Jugendliche arbeiten, wenn sie Zugang zu echten historischen Quellen erhalten. Die Schülerinnen und Schüler machten sichtbar, dass hinter jedem historischen Datum ein Kind stand, das eine Familie, einen Alltag und Träume hatte, bevor Ausgrenzung und Verfolgung in sein Leben traten.

Schulleiterin Stefanie Thor betonte die Bedeutung der Projekttage: „Das Erinnern an die NS-Zeit ist kein Blick zurück, sondern ein aktiver Prozess, der unsere demokratische Gegenwart schützt. Wenn junge Menschen begreifen, dass Verfolgung und Gewalt hier in ihrer eigenen Stadt geschahen, verändert das ihr historisches Bewusstsein nachhaltig.“ Projektleiterin Katrin Schumann hob hervor, warum die Arbeit so wichtig ist: „Wir schulden diesen Kindern, dass wir ihre Geschichten zu Ende erzählen. Sie hatten keine Chance auf ein eigenes Leben – aber wir haben heute die Möglichkeit, ihrer zu gedenken und aus ihrem Schicksal Verantwortung abzuleiten.“

Die Ausstellung bleibt weiterhin im Schulgebäude sichtbar und begleitet auch das anstehende Zeitzeugengespräch mit Eva Szepesi, Überlebende von Auschwitz. Die Projekttage hinterließen bei vielen Jugendlichen nicht nur neues Wissen, sondern eine nachhaltige emotionale Berührung und die Erkenntnis, dass Erinnerung eine gemeinsame Aufgabe ist, die gerade heute von großer Bedeutung bleibt.

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