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„Schwere Zeiten“ von Ritterrüstung und Stahlhelm vorbei

„Schwere Zeiten“ von Ritterrüstung und Stahlhelm vorbei

Am 6.10.2016 führte Dr. Gerhard Heywang, langjähriger Mitarbeiter der Bayer AG, an der Hohen Landesschule (HOLA) anhand eines Experimentalvortrags zum Thema „Kunststoffe sind einfach klasse!“ durch die Welt der synthetischen Makromoleküle.

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Dass im Cockpit eines modernen PKW alle vorhandenen Metallteile nur zur Verzierung, also aus rein optischen Gründen verbaut sind, sorgte für Erstaunen. „Der Wandel, der sich in diesem Bereich vollzogen hat, ist immens und nur ein Beispiel für die herausragende Bedeutung, die Kunststoffe im Alltag haben“, stellte Dr. Gerhard Heywang  vor 120 Besuchern im Philipp-Ludwig-Forum der Hohen Landesschule fest. Der Fachmann auf dem Gebiet der Polymerforschung besuchte die Schule auf Einladung der Fachgruppe Chemie zum wiederholten Male. Begrüßt wurde er von der Schulleiterin Sabine Schaetzke. Finanzielle Unterstützung für diesen Vortrag erhielt die Fachgruppe von der Vereinigung der Freunde und Förderer der HOLA e.V.

„Ein entscheidender Vorteil dieses Wandels ist natürlich die Gewichtsreduktion“, so Heywang, welche er an einem „Ansaugkrümmer“ eines bekannten Wolfsburger Herstellers anschaulich demonstrierte. Das Bauteil, das die Ausmaße eines Postpakets mittlerer Größe hatte, wurde in früheren Zeiten aus Gusseisen gefertigt und wog stolze 20 kg. Danach verwendete man zur Fertigung spezielle Aluminium-Magnesium-Legierungen, die dafür sorgten, dass das Gewicht um rund die Hälfte gesenkt werden konnte. Mit dem heutigen Einsatz von glasfaserverstärktem Polyamid, einem Kunststoff, liegt das Gewicht bei nur 1,6 kg, was u.a. einen reduzierten Kraftstoffverbrauch bedinge, so der Experte.

Das Thema „Ressourcenschonung durch den Einsatz moderner Kunststoffe“ machte Heywang auch an anderer Stelle deutlich: Noch vor einigen Jahrzehnten mussten für das Zulassungsverfahren eines Medikamentes lastwagenweise Aktenordner transportiert werden, wobei ca. 40 dieser gut gefüllten Aktenordner etwa einer halben toten Fichte entsprächen. Demgegenüber reiche seit Anfang der Achtziger Jahre ein Großbrief für den Versand des gleichen Inhalts auf einer rund 15 g schweren CD aus, die überwiegend aus dem Kunststoff Polycarbonat seines früheren Arbeitgebers bestehe.

Auch im Bereich des Sicherheitswesens habe die Verwendung von Hochleistungskunststoffen Einzug gehalten: Während sich die Polizei von damals mit Drahtesel und VW Käfer – beide in der Hauptsache aus Eisen bestehend –  um die Verfolgung von Kriminellen kümmerte, sorgen in der heutigen Zeit speziell ausgestattete Polizei- und Zivilfahrzeuge dafür, dass sowohl deren Insassen vor ballistischen Bedrohungen, z.B. Durchschüssen, geschützt sind als auch die Fahrzeuge leicht und wendig bleiben. Dass die sondergeschützten Gefährte dabei nicht zum Panzer werden, liegt u.a. an dem Einsatz von besonderen Polyparaphenylen-Terephtalamid-Fasern, gemeinhin besser bekannt unter den Markennamen Kevlar oder Twaron. Auch das Tragen von Schutzkleidung in Gestalt von  Schutzwesten und -helmen sei heutzutage deutlich angenehmer gegenüber den alten, schweren Zeiten mit Ritterrüstung und Stahlhelm, erklärte der promovierte Chemiker. Die Aramidfaser, die dies ermöglicht, ist 5x stärker als Stahl, dabei besonders leicht und extrem widerstandsfähig.

Bevor moderne Kunststoffe  die Werkshallen der Hersteller in alle Himmelsrichtungen verlassen, sind in kontrollierten chemischen Prozessen Reaktionen abgelaufen, die definierte physikalische Eigenschaften der Produkte zum Ergebnis haben. Die zu Grunde liegenden fachlichen Details erläutert Heywang kompetent, unterhaltsam und amüsant. Von der „Chemie des Nylonstrumpfes“ sowie dem Isolationsmaterial in Kühlschränken, von der Herstellung von Joghurtbechern und deren Entsorgung  sprach Heywang weiter. Dass er dabei über seinem Hemd mit Krawatte, deren feine Erscheinung durch ein aufgedrucktes Periodensystem der Elemente – passend zum Thema des Abends – ergänzt wurde, einen weißen Laborkittel trug, war kennzeichnend für eine weitere Besonderheit des Abends: Der passionierte Forscher a.D. verband humorvoll dargebotene Theorie mit anschaulichen Experimenten. Viele der Kunststoffe, von denen die Rede war, wurden vor den Augen der Anwesenden hergestellt, weiterverarbeitet oder in Experimente eingebunden, bei denen auch das Publikum zum Mitmachen eingeladen war. Die Besucher erlebten dabei „live“ u.a. die besonderen Eigenschaften elektrisch leitender Polymere und das Verhalten eines besonderen Kunststoffes, der sich auf Knopfdruck von einer milchartig dünnflüssigen Masse in einen Flummi verwandeln konnte.

Als Leiter des Posaunenchors Altenberg beschloss Heywang den sehr informativen und abwechslungsreichen Abend für ihn standesgemäß durch ein Signal, das er auf einem aus alltäglichen Kunststoffgegenständen selbst gebauten Blasinstrument vortrug. Im Anschluss an die Veranstaltung gab es für den Referenten noch zahlreiche Fragen der interessierten Zuhörerschaft zu beantworten.

Foto: Dr. Gerhard Heywang bei seinem Vortrag im Philipp-Ludwig-Forum der Hohen Landesschule.

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