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„Oberstes Ziel: Flüchtlinge unterbringen“

„Oberstes Ziel: Flüchtlinge unterbringen“

24 Kolleginnen und Kollegen sind in der Verwaltung des Wetteraukreises (Fachstelle Migration) damit beschäftigt, Flüchtlinge und Asylsuchende in Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen sowie Sozial- und Krankenhilfe zu gewährleisten.

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bretthau1bretthau2„Möglicherweise kommen fast 3.000 Menschen in diesem Jahr als Flüchtlinge in die Wetterau. Sie unterzubringen ist eine gewaltige Aufgabe und unser oberstes Ziel“, so Landrat Joachim Arnold. Tanja Bretthauer leitet seit vier Jahren die Fachstelle Migration mit ihren Professionen Sozialarbeit, Leistungssachbearbeitung und Krankenhilfe. Damals 2011 kamen 226 Menschen als Flüchtlinge in die Wetterau. Im Jahr darauf stieg die Zahl auf 289, 2013 waren es schon 534 Menschen und im vergangenen Jahr 898. In diesem Jahr ist die Zahl geradezu explodiert.

„Wenn die Zahlen, die das Hessische Sozialministerium veröffentlicht hat, stimmen und tatsächlich 58.000 Menschen in diesem Jahr allein nach Hessen kommen, dann müssen wir uns auf eine Zuweisung von 2.900 Menschen vorbereiten. Bis Ende August kamen 900 Menschen in die Wetterau, das heißt, in den letzten vier Monaten könnten wir noch vor das Problem gestellt werden, 2.000 Menschen unterzubringen. Das ist eine gewaltige Zahl, die der kommunalen Familie vom Land Hessen aufgebürdet wird“, sagt Landrat Joachim Arnold.

„Während Bund und Land sich über Kompetenzen streiten und das Land nicht einmal in der Lage ist, rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber ohne Bleibeperspektive in ihre Heimat zurückzuführen, müssen wir aus dem Nichts Wohnraum und menschenwürdige Unterkünfte für tausende von Flüchtlingen schaffen. Viele Detailprobleme werden vor Ort durch enge Abstimmung und kooperatives Handeln gelöst. Nur weil viele haupt- und ehrenamtlich mithelfen, konnten bisher auch schwierige Probleme bewältigt werden“, bilanziert Landrat Arnold.

Welche Probleme im Arbeitsalltag auftreten, das haben wir an einem Vormittag in Begleitung von Tanja Bretthauer erfahren.

8.00 Uhr: Treffen mit Hausmeistern und Kollegen des Fachbereichs Gebäudewirtschaft

· In der kommenden Woche findet erstmals eine Verkehrserziehung statt. Welcher Raum kann dafür genutzt werden, wo kommen die Tische her, woher die Stühle? Man einigt sich darauf, einen Raum in der Verwaltung in der Friedberger Pfingstweide dafür herzurichten.
· Ein solcher Schulungsraum soll auch in der Kaserne in Friedberg entstehen, in der zum kommenden Frühjahr 110 bis 130 Flüchtlinge untergebracht werden sollen.
· Die Situation in einer Notunterkunft in einem Wetterauer Dorf ist angespannt. Ständig läuft Wasser aus der Dusche und weicht den Fußboden auf.
· In der kommenden Woche werden 39 Flüchtlinge zugewiesen, heute kamen die Listen. Für maximal 65 Flüchtlinge gibt es Platz in der Wohnanlage, weitere sieben Personen werden in den umfunktionierten Aufenthaltsräumen untergebracht, sechs weitere Personen in den umgebauten Büros. Die Plätze reichen nicht aus, um alle 39 aufzunehmen. Deswegen werden drei Flüchtlinge nach Absprache direkt an die Kommunen weitergeleitet.
· Dieser Tage ist der Toilettencontainer angeliefert worden. Drei Damentoiletten, zwei Herrentoiletten und ein Herrenurinal sollen die Situation der überlasteten Toiletten entschärfen.
· Der Reinigungsdienst wird künftig sechsmal die Woche für Sauberkeit sorgen.
· Das Zelt auf dem Gelände der Pfingstweide soll als letzte Notunterkunft genutzt werden, falls keine anderen Plätze verfügbar sind. Die starken Temperaturunterschiede lassen Kondenswasser vom Zeltdach in den Innenraum tropfen. Zur Lösung des Problems wurden die Fenster zum Lüften geöffnet.
· Der Sicherheitsdienst für die Einrichtung auf dem Gelände mit künftig 100 Plätzen wird ab sofort verstärkt. Außerhalb der Dienst- und Öffnungszeiten der Verwaltung wird der Sicherheitsdienst rund um die Uhr tätig sein.

Hilfsbereitschaft als Problem

· „Allabendlich sehen wir die Bilder von Menschen, die voller Hilfsbereitschaft Lebensmittel, Kleider und Kuscheltiere bringen. Kuscheltiere sind das Letzte, was wir gebrauchen können, weil wir noch immer überwiegend alleinstehende Männer zugewiesen bekommen“, sagt Tanja Bretthauer, und Hausmeister Peter Dücker bestätigt, dass die Hilfslieferungen ein Problem darstellen. „Da werden uns regelmäßig vor die Gemeinschaftsunterkünfte Kisten mit Kleidung und Kuscheltieren gestellt. Die Bewohner suchen sich das raus, was sie gebrauchen können. Der Rest liegt dann irgendwann auf der Erde, und wir müssen alles zum Müll geben“, so Peter Dücker. Deshalb werden grundsätzlich keine Hilfsgüter in Gemeinschaftsunterkünften angenommen. „Wir bitten alle hilfsbereiten Bürgerinnen und Bürger, die Sachen bei den Hilfsorganisationen und caritativen Einrichtungen abzugeben. Die können sie gegebenenfalls waschen, sortieren und zielgenauer verteilen“, sagt Tanja Bretthauer.
·  Die Einbeziehung von jungen Flüchtlingen in die Arbeit rund um die Einrichtungen wird intensiv diskutiert. Prinzipiell eine gute Idee, aber das Problem liegt im Detail. „Schon der Gedanke an den Winterdienst lässt manch einem graue Haare wachsen. Die Zuwegung der öffentlichen Flächen ist jederzeit sicher zu stellen. Das können wir mit der freiwilligen Arbeit von Flüchtlingen nicht gewährleisten.“
·  Die Anschaffung von Bettwäsche, Betten, Matratzen wird aufgrund der hohen Nachfragen bundesweit immer schwieriger.
·  Die Zuweisung der Flüchtlinge in die einzelnen Unterkünfte muss sorgsam abgewogen werden. Die Zuweisung zu den Städten muss so sein, dass es keine zusätzlichen Spannungen bei den beengten Verhältnissen gibt. Die größten Personengruppen kommen derzeit aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und Syrien. Deutlich zurückgegangen ist die Gruppe der Menschen aus den Westbalkanländern.

9.30 Uhr: Treffen mit Sparkassenmitarbeiter

Konto auch ohne Asylantrag

Aufgrund einer Initiative von Landrat Joachim Arnold bietet die Sparkasse Oberhessen allen Menschen, die eine „Bescheinigung der Meldung als Asylsuchende“ vorweisen können, ein Konto an. „Das ist für uns eine unglaubliche Hilfe, weil wir vorher sehr viele Schecks monatlich ausstellen mussten“, zeigt sich Tanja Bretthauer erleichtert. Zwei Mitarbeiter der Sparkasse kommen jeden Donnerstag, um die Kontoeröffnung direkt in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Friedberger Pfingstweide zu organisieren. Heute sind Elena Zinn und Roland Wiedballa gekommen und richten für 40 Menschen und Familien ein Konto ein. Die Menschen stehen auf dem Flur Schlange und warten geduldig, aufgerufen zu werden.

10.30 Uhr: Ortstermin Butzbach

In Butzbach hat die Stadt eine Einrichtung für rund 59 Personen angeboten. Tanja Bretthauer schaut sich zusammen mit Bürgermeister Michael Merle und einer Mitarbeitern das Gebäude in der Butzbacher Innenstadt an. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen läuft sehr gut. Es gibt ein großes Verständnis füreinander. Der Kreis versucht, die Bedürfnisse der Kommunen zu erfüllen. „Wir müssen aber akzeptieren, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die zum Teil eine lebensgefährliche Flucht hinter sich haben und deshalb ganz besondere Bedürfnisse haben. Da ist die ehrenamtliche Hilfe, die insbesondere von den runden Tischen kommt, unverzichtbar, und wir sind froh, dass es fast in allen Städten und Gemeinden in der Wetterau solche runden Tische gibt“, sagt Tanja Bretthauer.

Bürgermeister Merle wünscht sich für die Einrichtung in Butzbach vor allem Familien mit Schulkindern. Der Weg zur Schule ist hier nicht weit und wäre die optimale Belegung. Sechs Quadratmeter Fläche stehen jedem Flüchtling mindestens zu. Wenn gelegentlich in sozialen Medien über die kostenlosen Luxuswohnungen für Flüchtlinge gesprochen wird, sollte man sich diese Zahl in Erinnerung rufen. Die Belegung des Hauses in der Butzbacher Innenstadt soll noch im September stattfinden.

11.00 Uhr: Besprechung im Büro von Bürgermeister Merle

Die Stadt hat die Betreuung der Flüchtlinge selbst in die Hand genommen. Eine ganze Sozialarbeiterstelle finanziert die Kommune. „Gleichzeitig haben wir den Auftrag, den Haushalt auszugleichen.“ Bürgermeister Merle hat per Organisationsverfügung entsprechende Dienststellen zusammengelegt. „Die Mittel für die Flüchtlingsunterbringung hat das Gießener Verwaltungsgericht zwar gerade für rechtens erklärt, dennoch reicht uns das Geld nicht. Wir wissen aber wohl, dass auch für den Kreis die Zuweisungen des Landes nicht auskömmlich sind.“

„In der neuen Unterkunft“, bestätigt Tanja Bretthauer, „werden wir versuchen, vor allem Familien unterzubringen.“ Weitere Objekte wurden der Stadt angeboten, aber manchmal zu Mondpreisen. Nach diesem Vormittag mit Tanja Bretthauer ging ihr Tagesgeschäft der in Vollzeit beschäftigten Mitarbeiterin selbstverständlich weiter. Problemlösungen sind zu finden bei Notunterbringungen, Zuweisungsplanungen in die kreiseigenen Kommunen zu betreiben und zu organisieren, Absprachen mit den Mitarbeiter/innen etc. Hinzukommen noch die „eigentlichen“ Leitungsaufgaben einer Fachstellenleitung beim Wetteraukreis.

Wie es mit der Zuweisung und der Unterbringung von Flüchtlingen weitergeht, weiß niemand zu sagen. „Wir werden alles dafür tun, um die Menschen, die uns zugewiesen werden, auch ordentlich unterzubringen. Dafür müssen alle Beteiligten, vor allem der Gesetzgeber, an einem Strang ziehen“, betont Landrat Arnold. Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel wünscht sich, dass Standards auch einmal gesenkt werden können, vor dem Hintergrund dieser gewaltigen Anstrengung. „Da kann man nicht einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung“, fordert Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel.

Die Ankündigung von Gesetzesänderungen bis hin zur Änderung des Grundgesetzes, etwa um Zuschüsse vom Bund direkt an die Kommunen zu ermöglichen, begrüßen Landrat Arnold und sein Sozialdezernent. „Nur gemeinsam können wir die Aufgabe, die uns sicherlich noch einige Jahre auferlegt wird, bewältigen“, so Arnold.

Foto: Eine afghanische Familie, die dieser Tage aus dem Erstaufnahmelager Gießen nach Friedberg kam, im Hintergrund links Elena Zinn und Roland Wiedballa von der Sparkasse Oberhessen. Die Erstversorgung der Flüchtlinge in Friedberg läuft weiterhin über Lebensmittelmarken, die bei Discountern und dem benachbarten türkischen Lebensmittelladen einzureichen sind.

Foto: Tanja Bretthauer im Zelt an der Friedberger Pfingstweide, das als Notunterkunft bereitsteht.

Foto: Bürgermeister Michel Merle mit Tanja Bretthauer in der Küche einer neuen Unterkunft in der Butzbacher Innenstadt.

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