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Erich Kästner-Schule gewinnt Beni-Bloch-Preis

Erich Kästner-Schule gewinnt Beni-Bloch-Preis

Die Erich Kästner-Schule in Maintal-Bischofsheim wurde mit dem Beni-Bloch-Preis für Jugendengagement 2026 ausgezeichnet.

Der Preis würdigt das Projekt „Geschichte im Gespräch – Von der Begegnung mit Leonid Vinderman zu einer gelebten Erinnerungskultur“, das Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bot, direkt mit einem Zeitzeugen der Shoah zu sprechen.

Projektbeschreibung

Am 26. März 2025 besuchte Leonid Vinderman, ein 95-jähriger jüdischer Flüchtling aus Rumänien, die Erich Kästner-Schule. „Wir wollten unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, Geschichte nicht nur zu hören, sondern ihr zu begegnen“, erklärt Schulleiterin Stefanie Thor. Vinderman war ein Zeitzeuge, dessen Geschichte oft am Rand steht: ein jüdisches Kind, das die Flucht überlebte, jedoch nicht das Ankommen. Er floh vor zwei Armeen und verlor auf dem Weg seine Schwester und Mutter. „Er sprach ruhig, beinahe sachlich – und doch schwang in jedem Satz ein Jahrhundert mit“, so Thor weiter.

Eine Begegnung, die das Geschichtsbild erweiterte

Im Geschichtsunterricht stehen häufig die Verbrechen der Nationalsozialisten im Mittelpunkt, während das Schicksal der rumänischen Juden oft unsichtbar bleibt. Leonid Vinderman eröffnete den Schülerinnen und Schülern den Blick auf diese vergessene Dimension des Holocaust. „Ich wusste viel über Täter und Opfer, aber nichts über das Leben dazwischen. Jetzt habe ich verstanden, dass Überleben selbst Widerstand war“, brachte es eine Schülerin auf den Punkt. Diese Begegnung veränderte das Verständnis vieler Jugendlicher und machte Geschichte komplexer und menschlicher.

Die Begegnung war Teil einer schulinternen Unterrichtsreihe zur Erinnerungskultur anlässlich des 80. Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, an der sowohl der 9. als auch der 10. Jahrgang beteiligt waren. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich intensiv mit der Kampagne „Remember This“ der Jewish Claims Conference auseinander, die von Frau Levi vorgestellt und von Frau Katrin Schumann, der Vorsitzenden des Fachbereichs Gesellschaftslehre, pädagogisch begleitet wurde.

Durch das Abspielen ausgewählter Videobeiträge von Überlebenden der Shoah wurde Erinnerung niedrigschwellig zugänglich gemacht. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten eigene Leitfragen: „Wie verändert sich Geschichte, wenn niemand mehr davon erzählen kann? Welche Verantwortung ergibt sich daraus für unsere Generation?“ Diese Auseinandersetzung bildete die Grundlage für das Zeitzeugengespräch mit Leonid Vinderman und den Ausstellungsbesuch zu Thomas Geve, was die Schüler in zwei Perspektiven auf Erinnerung eintauchen ließ.

Erinnerung in Bildern – Die Ausstellung zu Thomas Geve

Während der 10. Jahrgang Leonid Vinderman begegnete, setzten die Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs die Auseinandersetzung mit der „Remember This“-Kampagne fort. Sie besuchten die Ausstellung „Kinderzeichnungen aus Buchenwald“ im Hochstädter Rathaus, die die Zeichnungen des damals 15-jährigen KZ-Überlebenden Thomas Geve zeigt. Diese Auseinandersetzung eröffnete den Jugendlichen einen emotionalen Zugang zur Geschichte über Kunst, Farbe und Ausdruck.

Gespräch mit Werner Fromm – Erinnerung über Generationen

Im Rahmen dieser Ausstellung fand ein Gespräch mit Werner Fromm statt, dem Enkel eines ehemaligen Buchenwald-Häftlings. Er berichtete von den Erlebnissen seines Großvaters und davon, wie Erinnerung über Generationen hinweg weitergetragen wird. Die Schülerinnen und Schüler erkannten, dass Erinnerung nicht endet, wenn Zeitzeugen sterben – sie verändert ihre Form.

Zeitzeugengespräch mit Eva Szepesi – Erinnerung im Dialog

Im Dezember 2025 fand an der Erich Kästner-Schule ein Zeitzeugengespräch mit Eva Szepesi, einer ungarisch-jüdischen Überlebenden von Auschwitz, statt. Die Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrgangs hatten zuvor im Rahmen ihrer Projektarbeit Biografien deportierter jüdischer Kinder aus Maintal recherchiert. Sie sichteten und analysierten lokale historische Quellen und besuchten die ehemaligen Wohnhäuser der Deportierten.

Frau Schumann unterstützte die Schülerinnen und Schüler dabei, indem sie ihnen zusätzliches historisches Fachwissen bereitstellte. Aus dieser intensiven Auseinandersetzung entstand die von den Schülerinnen und Schülern konzipierte Ausstellung „Hier war Leben – Jüdische Spuren in Maintal“, die im November und Dezember 2025 gezeigt wurde. „Das Gespräch mit Frau Szepesi hat meine Sicht auf Geschichte verändert“, sagt eine Schülerin. „Ich habe verstanden, dass es nicht nur um Zahlen und Daten geht, sondern um die Menschen, die dahinterstehen.“

Erinnerung als Haltung – Projekte in der Gegenwart

Aufbauend auf den Zeitzeugengesprächen und vielfältigen Kooperationen hat sich an der Erich Kästner-Schule eine dauerhafte Erinnerungskultur etabliert. Diese Haltung prägt zunehmend das schulische Leben und findet ihren Ausdruck in Projekten, die demokratische Teilhabe, Respekt und gesellschaftliches Miteinander stärken.

Demokratie wurde für die Schülerinnen und Schüler nicht abstrakt vermittelt, sondern konkret erfahrbar gemacht. So nahmen die zehnten Klassen im Februar 2025 an der bundesweiten U18-Bundestagswahl teil und durchliefen den vollständigen Wahlprozess. Diese Erfahrungen wurden durch weitere Formate vertieft: Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8 und 9 engagierten sich im Wettbewerb „Influencerinnen für Demokratie gesucht“.

Bedeutung im Sinne des Beni-Bloch-Preises

Das Projekt steht für das, was der Beni-Bloch-Preis auszeichnet: gelebte Erinnerung, Empathie und Verantwortung. Aus einer einzelnen Begegnung mit Leonid Vinderman ist an der Erich Kästner-Schule ein nachhaltiges Schulprogramm entstanden, das deutsch-jüdische Geschichte, Verständigung und Gedenken mit Demokratiebildung und sozialem Engagement verbindet.

Die Erich Kästner-Schule arbeitet heute in einem Netzwerk mit der Jewish Claims Conference, der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und weiteren Partnern, um jüdisches Leben erfahrbar zu machen und Vorurteile abzubauen. „Wir sind stolz darauf, dass wir mit unseren Projekten nicht nur die Geschichte lebendig halten, sondern auch einen Raum für Dialog und Verständnis schaffen“, so Frau Thor abschließend.

Leonid Vindermans Stimme war der Anfang. Sein Vermächtnis klingt weiter – in den Begegnungen, Projekten und Haltungen unserer Schülerinnen und Schüler. „Erzählt weiter, was ihr gehört habt – und hört nicht auf, Fragen zu stellen.“

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