Müllers Favorit für seine Nachfolge war eigentlich Volker Rode. Doch der Stadtverordnete aus Gelnhausen zog nach internen Querelen seine Kandidatur zurück und kam daher nur als Delegierter nach Biebergemünd. Als aussichtsreichster Kandidat wurde daher Michael Reul gehandelt, doch das Ergebnis war knapper als gedacht. Von 97 anwesenden Delegierten, lediglich drei kamen nicht, stimmten 54 für Reul, auf seine Gegenkandidatin Weise-Georg entfielen 43 Stimmen. Die 53-Jährige, bisher Stellvertreterin von Rolf Müller, nahm die Niederlage mit Fassung auf, kandidierte allerdings nicht wieder als Ersatzbewerberin, so dass die Wahl von Winfried Ottmann (Bad Soden-Salmünster) nur eine Formsache war.
Warum die Wahl zwischen Reul und Weise-Georg so knapp wurde, lag möglicherweise an ihrem Auftreten auf der Delegiertenversammlung. Auf der einen Seite Reul, schon ganz der Polit-Profi mit scharfen Attacken gegen die politische Konkurrenz. Fast das Gegenteil Maja Weise-Georg: Nervös, von Ehemann und erwachsenen Kindern nach Biebergemünd begleitet und mit deutlich leiseren Tönen. „Eine One-Woman-Show gibt es mit mir nicht“, wollte sie die Gestaltung von Politik in die Hände vieler Menschen legen, während Reul seine Rede mit einem Zitat des CSU-Patriarchen Franz-Josef Strauß beendete: „Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“
Die Hauptthesen von Weise-Georg: eine transparente, nachvollziehbare Politik, werteorientiert, verlässlich, heimatverbunden, offen und selbst ihre Stöckelschuhe legte sie in die Waagschale. „In diese große Fußstapfen zu treten, ist eine echte Aufgabe, insbesondere in meinen hohen Pumps“, dankte sie den aktuellen Landtagsabgeordneten Rolf Müller und Hugo Klein und widmete sich im Großteil ihrer Rede dem Thema Familie. „Sie wissen, dass mir die Familien und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr wichtig sind. Ich habe dies 30 Jahre lang gelebt“, wollte sie im Falle ihrer Wahl die Schaffung von Mehrgenerationenhäusern und Begegnungsstätten und den weiteren Ausbau der Kinderbetreuung in den Mittelpunkt rücken. „Die Tür steht offen, mehr noch das Herz“, schloss sie ihre Ansprache und machte noch einmal deutlich, über welchen Weg sie an die Stimmen der Delegierten kommen wollte.
Denn es war auch ein Kampf Mann gegen Frau: „Sie ist eine starke Frau und ich bin sehr froh, sie an unserer Seite zu haben“, stellte sich Marianne Hain (ehemals Lingens) im Namen der Frauen-Union an die Seite von Weise-Georg. Und sie hat offenbar Bedenken, dass Michael Reul die Menschen begeistern kann. Bei einer Wahl entscheide Sympathie, wer an die letztlich entscheidenden Stimmen aus den Reihen der unentschlossenen Wähler komme. Deutlicher geht es kaum. Auch der CDU-Stadtverbandsvorsitzende von Schlüchtern, Heiko Kirchner, sein Steinauer Kollege Arnold Lifka und CDU-Veteran Manfred Ommert sprachen sich auf der Delegiertenversammlung öffentlich für die 53-jährige Rechtsanwältin aus, die inzwischen im Hessischen Sozialministerium arbeitet und damit nur einen kurzen Weg in den Landtags-Plenarsaal gehabt hätte. Als Fürsprecher von Reul traten Tobias Weisbecker (Bad Orb) und Johannes Wiegelmann (Bad Soden-Salmünster) auf.
Mit seiner Rede stellte der neue CDU-Direktkandidat seine Wahlkampfqualitäten unter Beweis. Der Bankkaufmann rollte die Kreispolitik der vergangenen Monate auf und schrieb zahlreiche Entscheidungen auf die Fahnen seiner CDU. „Wir sehen dank unserer Politik endlich wieder Licht am Ende des Schuldentunnels“, gehöre dazu neben dem Beitritt zum Schutzschirm auch die Verhinderung der Schließung von mehreren Grundschulen im Bergwinkel. „Wir sind es, die dem Landrat die Richtung vorgegeben haben“, plädierte er für den Erhalt der Schulvielfalt und verteidigte die Politik des langjährigen Ersten Kreisbeigeordneten Günther Frenz. Reul: „Wir werden es nicht zulassen, dass Pipa und Kavai ständig versuchen, seine Arbeit für den Landkreis und den Bergwinkel madig zu machen.“ Derart kämpferisch will der zweifache Familienvater auch als Landtagsabgeordneter auftreten. „Ich will die Stimme unserer Heimat in Wiesbaden sein“ und versprach, notfalls auch einer eigenen Landesregierung auf die Füße zu treten, falls es um die Interessen seines Wahlkreises gehe.
Das dürfte auch Dr. Peter Tauber gefallen. Der Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende stimmte die Delegierten auf den Wahlkampf in den kommenden Monaten ein. „Ich bin mir sicher, dass die Sozialdemokraten wieder das machen werden, was sie am besten können: Mit Dreck schmeißen!“, kritisierte er auch die Kandidatenauswahl bei der SPD: „Einer wurde bei den Kreiswerken versorgt, die eine bei der Breitband GmbH und der Andere wurde zurückgepfiffen“, war er nach einem der spannendsten Parteitage, wie er selbst zugab, sichtlich froh, im Wahlkampf mit Michael Reul einen Mitkämpfer für entsprechende Attacken gegen die politische Konkurrenz an seiner Seite zu haben.
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