Verliehen wird das Zertifikat vom Naturpark Hessischer Spessart im Auftrag des Verbands Deutscher Naturparke (VDN). Die beiden Grundschulen sind die ersten Naturpark-Schulen im Naturpark Hessischer Spessart. Bundesweit gibt es nach Angaben des VDN aktuell 373 Naturpark-Schulen in 74 Naturparken.
Die Auszeichnung steht für eine langfristige Zusammenarbeit, bei der Natur, Landschaft, Kultur und nachhaltige Entwicklung der Region dauerhaft und verbindlich in Unterricht, Ausflüge und Projekte der Grundschulklassen eingebunden werden. Die Kinder lernen dabei nicht nur im Klassenzimmer, sondern unmittelbar vor Ort: im Wald, auf Wiesen, an Gewässern, in Schulgärten, an kulturhistorischen Orten und gemeinsam mit Menschen aus der Region.
Die Übergabe der Plakette an die Grundschule Vollmerz erfolgte im Rahmen des Festwochenendes „800 Jahre Vollmerz“. Damit wurde die Zertifizierung bewusst in einen Anlass eingebettet, bei dem die Verbindung von Schule, Dorfgeschichte und regionaler Identität besonders sichtbar wurde. Anlässlich des Festes hatten die Kinder das traditionelle „Degenfelder Lied“ einstudiert und auf der Festbühne vorgetragen – ein Lied, das schon die Großväter im Ort damals auf ihrem Schulweg pfiffen. So wurde deutlich: Naturpark-Schule bedeutet nicht nur Naturerfahrung, sondern auch das Kennenlernen und Weitertragen regionaler Kultur, Geschichte und Heimatverbundenheit.
Die Zertifizierung der Brüder-Grimm-Schule Steinau fand im Rahmen des Abschlussrundgangs der Projektwoche „Der Natur auf der Spur“ statt. In der gesamten Projektwoche drehte sich im Grundschulzweig alles um heimische Flora und Fauna, Lebensräume, Naturmaterialien und praktische Naturerfahrungen. Beim Rundgang wurde sichtbar, wie vielfältig die Kinder gearbeitet hatten: Es gab essbare Grillen mit BBQ-Geschmack zur Verkostung, verschiedene Nisthilfen für Fledermäuse, Wildbienen und Vögel, eine ganze Modellstadt aus kreativen Wichtelhäusern, gebaut aus Naturmaterialien wie Moos, Baumrinde und Holz, sowie ein Archäologieprojekt, bei dem Mineralien, Fossilien und Gesteine untersucht wurden. Weitere Projekte beschäftigten sich unter anderem mit Bienen, Kellerasseln und anderen Bewohnern der Natur. So zeigte die Projektwoche anschaulich, wie Naturpark-Themen im Schulalltag lebendig werden – forschend, kreativ, handlungsorientiert und mit direktem Bezug zur Lebenswelt der Kinder.
Auch Kreisbeigeordneter und Schuldezernent Jannik Marquart (CDU) gratulierte der Brüder-Grimm-Schule in der gut gefüllten Halle am Schloss zur erfolgreichen Zertifizierung. Er hob hervor, dass die Schule mit der Naturpark-Schule einen wichtigen Weg einschlage, um Unterricht noch stärker mit praktischen Erfahrungen und der Lebenswelt der Kinder zu verbinden. „Damit rückt Lernen mit allen Sinnen in der Natur stärker in den Fokus – nicht nur im Klassenzimmer. Die Kinder erfahren unmittelbar, was ihre Heimat ausmacht und warum es wichtig ist, sorgsam mit Natur, Umwelt und Ressourcen umzugehen“, erklärte Marquart im Rahmen der Zertifizierungsfeier. Sein Dank galt der Schulgemeinde, dem Naturpark Hessischer Spessart, der Stadt Steinau, dem Staatlichen Schulamt sowie allen Beteiligten, die die Zertifizierung vorbereitet und begleitet haben.
Für das Staatliche Schulamt Hanau, das für den Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Hanau zuständig ist, nahm Thomas Will als Vertreter der fachlichen Aufsicht an der Auszeichnungsfeier teil. Er würdigte die Naturpark-Schule als gelungenes Beispiel dafür, wie außerschulische Lernorte, regionale Themen und Bildung für nachhaltige Entwicklung sinnvoll mit schulischem Lernen verbunden werden können.
Der Zertifizierung vorausgegangen war ein intensives Vorbereitungsjahr. Schulleitungen, Lehrkräfte und Naturpark haben gemeinsam Zielvereinbarungen und Kooperationsgrundlagen erarbeitet, Naturpark-Themen mit dem hessischen Lehrplan verknüpft und erste Unterrichtsvorhaben, Exkursionen und Projekte mit Naturparkführenden umgesetzt. Auch Fortbildungs- und Abstimmungsformate, etwa zum Naturpark selbst, zu Schulgarten- und Färbergartenprojekten, Naturfarben, Pflanzendrucken und zur praktischen Nutzung von Lernorten im direkten Umfeld der Schulen waren Themen der Vorbereitung.
Die Schülerinnen und Schüler haben im vergangenen Schuljahr gezeigt, wie vielfältig Lernen in einer Naturpark-Schule sein kann: Sie haben Lebensräume erkundet, Tiere und Pflanzen beobachtet, Naturmaterialien gesammelt, ökologische Zusammenhänge untersucht, draußen gelernt, kreativ gearbeitet und ihre Erfahrungen dokumentiert.
An der Brüder-Grimm-Schule wurde dies im Rahmen der Projektwoche besonders sichtbar – vom Lernen draußen über Naturbeobachtungen bis hin zu praktischen Arbeiten im entstehenden Schul- und Färbergarten. Konrektorin Regina Gärtner, treibt das Projekt gemeinsam mit ihrem engagierten Team voran – in diesem Fall passt sogar der Name zum Programm. Der Garten soll in den kommenden Jahren als Lernort für Artenvielfalt, Boden, Pflanzen und Ernährung sowie als Rückzugs- und Erholungsort im Schulalltag weiterwachsen. Das Projekt wird unter anderem von Naturparkführerin Nadine Stürmer fachlich begleitet. In einer Fortbildung hat sie gemeinsam mit den Lehrkräften erarbeitet, wie Naturfarben, Pflanzenwissen und der entstehende Färbergarten künftig dauerhaft im Unterricht und Schulalltag verankert werden können. Naturparkführer Fritz Dänner unterstützt die Steinauer Schule zusätzlich mit Spaziergängen und Führungen in den nahegelegenen Wäldern und Landschaften.
Auch an der Grundschule Vollmerz wurden bereits konkrete Naturpark-Projekte angestoßen. Gemeinsam mit vielen helfenden Eltern und dem Bauhof der Stadt Schlüchtern hat die Schule ein großes Benjeshecken-Projekt gestartet. Fritz Dänner steht auch hier mit Rat und helfender Hand zur Seite. Die ersten Meter der Hecke wurden bereits angelegt. Damit entsteht ein langfristiger Lern- und Lebensraum, an dem Kinder unmittelbar erleben können, wie aus Gehölzschnitt, Totholz und natürlicher Sukzession wertvolle Strukturen für Vögel, Insekten und Kleintiere entstehen.
Federführend begleitet werden die Naturpark-Schulen durch den Projektkoordinator des Naturparks, Hans Hess, sowie die Naturparkführenden des Naturparks. Gemeinsam mit den Lehrkräften entwickeln sie Ausflüge, Projekte und Aktivitäten, die an den hessischen Lehrplan anknüpfen und zugleich die Besonderheiten des Spessarts unmittelbar erfahrbar machen. Für spezielle Themen – etwa bestimmte Tier- und Pflanzenarten, Insekten, klimatische Zusammenhänge, historische Kulturlandschaften oder praktische Naturerfahrungen – greift der Naturpark auf ein Netzwerk von rund 60 Ehrenamtlichen zurück, die mit ihrer individuellen Expertise unterstützen.
Ein weiterer Baustein der Naturpark-Schule sind Kooperationen mit lokalen Akteuren, darunter handwerkliche und landwirtschaftliche Betriebe, Ehrenamtliche, Vereine sowie Praxisexpertinnen und -experten aus der Region. Sie können mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihren besonderen Lernorten dazu beitragen, Naturpark-Themen für die Kinder anschaulich und lebendig zu vermitteln. Interessierte, die sich in eine Naturpark-Schule einbringen möchten, sind eingeladen, sich direkt bei den Naturpark-Schulen oder beim Naturpark Hessischer Spessart zu melden.
Der Naturpark Hessischer Spessart ist beim Main-Kinzig-Kreis dem Dezernat 2 des Ersten Kreisbeigeordneten Andreas Hofmann angegliedert. Als Vorsitzender des Zweckverbands Naturpark Hessischer Spessart würdigte Hofmann die erfolgreiche Kooperation von Schule, Stadt, Naturpark und regionalen Partnern: „Die Naturpark-Schule macht Bildung für nachhaltige Entwicklung konkret erlebbar. Kinder lernen nicht nur über Natur und Heimat, sondern erleben Zusammenhänge direkt vor Ort.“
Auch die jeweiligen Heimatkommunen unterstützen die Zusammenarbeit finanziell: Die Stadt Steinau an der Straße stellt für die zwölf Grundschulklassen bis zur Rezertifizierung jährlich 150 Euro pro Klasse bereit, insgesamt rund 9.000 Euro. Die Stadt Schlüchtern fördert die Grundschule Vollmerz entsprechend; bei zwei Kombiklassen ergibt sich über fünf Jahre eine Gesamtsumme von 1.500 Euro.
Der Aufbau und die Umsetzung des Naturpark-Schul-Programms im Hessischen Spessart werden außerdem mithilfe von SPESSARTregional über das europäische Förderprogramm LEADER gefördert. Hierbei werden Vorhaben unterstützt, die die nachhaltige Entwicklung im ländlichen Raum stärken und regionale Kooperationen voranbringen.
Schulleiter Guido Seib und Konrektorin Regina Gärtner, Leiterin des Grundschulzweigs der Brüder-Grimm-Schule, freuten sich über die Auszeichnung und dankten allen Beteiligten für die Unterstützung. Auch Waltrun Geisen, Schulleiterin der Grundschule Vollmerz, würdigte in ihrer Ansprache besonders das Engagement der Eltern und Freunde der Schulgemeinde. Die Zertifizierung sei, so waren sich die drei einig, ein wichtiger Schritt, um Lernen in der Natur, regionale Themen und nachhaltiges Handeln langfristig im Schulprofil zu verankern und das Engagement der Schulen auch nach außen sichtbar zu machen.
Schulen, die sich ebenfalls für das Thema Naturpark-Schule interessieren, erhalten weitere Informationen auf der Seite des Naturparks Hessischer Spessart: www.naturpark-hessischer-spessart.de/naturparkschule.



